US-Bürger enttäuscht

Barack Obama mutiert zum konturenlosen Fatalisten

Nur noch eine Minderheit der US-Bürger steht in der Schuldenkrise hinter Obama. Viele vermissen bei ihrem Präsidenten Optimismus und Empathie.

Foto: AFP

Wer bereit ist, 15.000 Dollar für ein Abendessen im größeren Kreis samt Rede des gastgebenden Wahlkämpfers und einem persönlichen Foto mit ihm zu zahlen, muss nicht nur gut bei Kasse, sondern auch einigermaßen überzeugt sein. Dieses doppelte Kriterium erfüllten jene rund 140 Männer und Frauen, die am Montagabend in Washington in der Villa des Bauunternehmers R. Donahue Peebles zusammenkamen, um Barack Obama zu erleben.

Und vor ihnen stimmte der Präsident am Tag stürzender Aktienkurse in der ganzen Welt und dem größten Verlust der New Yorker Börsen seit dem Krisen-Dezember des Jahres 2008 eine entschlossene Schlachthymne an. „Ich kann Ihnen sagen, dass ich mit aller Kraft kämpfen werde für die Vision eines Amerika, das großzügig ist und stark und tapfer und das aggressiv die Chancengleichheit für alle Menschen in diesem Land fördern wird“, versprach er mit markiger Stimme.

Kämpfen? Mit aller Kraft? Zumindest außerhalb der überschaubaren Gruppen, die sich in diesen Wochen zu den Spendensammelaktionen Obamas einfinden, wird exakt diese Entschlossenheit vermisst. Der Kandidat, der vor drei Jahren die Machbarkeit der Veränderung predigte und damit himmelstürmenden Optimismus säte, wurde zum Amtsinhaber, der im Streit um das Schuldenlimit den Kompromiss des kleinsten gemeinsamen Nenners unterschrieb und fatalistisch wirkt.

Obama scheint nicht zu wissen, in welche Richtung es gehen soll

„Die Märkte gehen hoch und runter“, sagte Obama etwa bei besagter Veranstaltung. Einige Tage zuvor erklärte er, die US-Wirtschaft „musste in den letzten Monaten bereits das Erdbeben in Japan, den ökonomischen Gegenwind aus Europa, den arabischen Frühling und den Anstieg der Ölpreise verkraften – das alles war sehr belastend für den Aufschwung. Aber das sind Dinge, die wir nicht kontrollieren können.“

Der Präsident der immer noch größten Volkswirtschaft der Welt und der einzigen Supermacht hat auf Marktentwicklungen, nahöstliche Umbrüche und die Krise in der Eurozone genauso wenig Einfluss wie auf Naturkatastrophen? Führungswillen und Führungskraft erwarten die Amerikaner in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und der Herabstufung der Kreditwürdigkeit ihres Landes durch eine Ratingagentur von dem Mann im Weißen Haus. Aber Obama bleibt zu oft den Nachweis schuldig, dass er auch nur wüsste, in welche Richtung es gehen sollte.

Andere verstörende Nachrichten kommen hinzu. Am Wochenende hatte das US-Militär den bislang größten Blutzoll in Afghanistan zu leiste n, als die Taliban mit dem Abschuss eines Chinook-Hubschraubers 30 US-Soldaten töteten, darunter 22 Navy Seals.

Der Verlust so vieler Kämpfer aus den Reihen „der Besten der Besten“ droht jene Reputation vergessen zu machen, die eben jenes Navy-Seals-Team VI seinem Commander-in-Chief drei Monate zuvor durch die erfolgreiche Operation gegen Terrorchef Osama Bin Laden erkämpft hatte.

Ein konturenloser Verwalter seines Amtes

Der Präsident trägt keine Schuld an diesem Rückschlag auf dem Kriegsschauplatz in Afghanistan. Selbst zur weitgehenden Kapitulation vor den Republikanern in der Frage der Schuldenobergrenze und Etatsanierung gab es keine echte Alternative. Obama dürfte durch das Abrücken von der Parteilinie, den vorläufigen Verzicht auf Steuererhöhungen für Spitzenverdiener und die verfügten Einsparmaßnahmen sogar die wichtige Gruppe der unabhängigen Wähler für sich eingenommen haben. Aber auch sie erwarten vom Präsidenten neben dem Pragmatismus in der Tagespolitik die Vision für das Morgen.

Nun aber entwickelt sich aus der einstigen Verehrung gerade junger Leute und Angehöriger der Minderheiten für den vermeintlichen Politiker neuen Typs die Ernüchterung über einen allzu konturenlosen Verwalter seines Amtes. Das Charisma, das Obama 2008 verströmte, scheint der Teilnahmslosigkeit gewichen zu sein.

Dass vor 16 Monaten nach der Explosion einer Bohrinsel Öl in den Golf von Mexiko strömte, mag fast vergessen sein. Aber dass der Präsident damals allzu zurückhaltend und entspannt, ohne Empathie und demonstrative Wut reagierte, hängt ihm immer noch nach.

Auch heute hört man ihn nicht fluchen, nicht auf die störrischen Republikaner, nicht auf Sturköpfe in der eigenen Partei, nicht auf die angreifbaren Analysten von Standard & Poor's , nicht auf den desaströsen Immobilienmarkt und die hohe Arbeitslosigkeit. Doch genau darauf warten viele Amerikaner. Wenn Obama schon die Fakten zumindest nicht kurzfristig verändern kann, soll er doch zeigen, dass er mit seiner Nation leidet.

Mehr als die Hälfte der Bürger sind unzufrieden

„Dieser Präsident wurde gewählt, weil er cool war. Er könnte abgewählt werden, weil er kalt ist“, kommentiert der Kolumnist Richard Cohen in der „Washington Post“.

Nur 44,2 Prozent der US-Bürger sind nach den aktuellen Umfragen mit Obamas Amtsführung zufrieden, 50,2 Prozent sind unzufrieden. Der Kongress hat mit einer Zustimmung von lediglich 18,5 und einer Ablehnung von 75,3 Prozent ein noch deutlich schlechteres Image.

Und die Republikaner, die inmitten ihrer Kandidatenfindung sind, haben nach der Meinung der Bevölkerung in den Verhandlungen über das Schuldenlimit überzogen. Klare Mehrheiten plädierten, in Übereinstimmung mit dem Plan des Präsidenten, für einen Mix aus energischen Etatkürzungen und moderaten Steuermehreinnahmen.

Darum kann 2012 weder Mitt Romney, der bisherige Favorit für die republikanische Nominierung, noch der charismatische texanische Gouverneur Rick Perry, der jetzt ebenfalls seinen Hut in den Ring werfen will, die Wähler in der Mitte als sicheres Bataillon verbuchen.

Obama hat, trotz der bedrückenden Wirtschaftslage und des Chaos an den Finanzmärkten, noch viele Trümpfe in der Hand. Aber es wird nicht reichen, wenn er treu ergebenen Spendern im kleinen Kreis erzählt, dass er mit aller Macht kämpfen wird, solange die Öffentlichkeit von seinem Führungsanspruch wenig mitbekommt.

Warum rief Obama Abgeordnete nicht aus Urlaub zurück?

Er werde „in den kommenden Wochen“ die notwendigen Verhandlungen des Kongresses über die nächste Stufe der Schuldenlimiterhöhung „mit seinen Empfehlungen“ begleiten, lässt Obama wissen.

Doch der Präsident, der mutig genug war, ein Kommandounternehmen in das Versteck Bin Ladens zu schicken und dabei Erfolg hatte, wagte offenkundig nicht, die Abgeordneten im Moment der Krise aus dem Sommerurlaub sofort zurückzurufen nach Washington. Das hätte der Wähler gern gesehen.

Nun bleibt der Eindruck: Dieser Präsident hat die Herabstufung der USA durch Standard & Poor's nicht verdient. Genauso wenig wie vor knapp zwei Jahren den Friedensnobelpreis.