Umsturz in Libyen

Eine Stadt in Trümmern, ein Volk im Rausch

Das Gaddafi-Regime geht dem Ende zu, der Machthaber ist jedoch noch nicht gefasst. Die Menschen in Tripolis erleben in diesen Tagen Angst und Freude zugleich.

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In Libyen verschwimmen Licht und Dunkelheit. Die Menschen sprechen von nichts anderem als der Zukunft, dem neuen Libyen, von morgen. Sie sind außer sich vor Erwartung und zugleich ängstlich, sie können nicht glauben, dass Gaddafi wirklich besiegt ist, solange sie immer wieder seine Botschaften im Radio hören . Wenn er immer noch vom Sieg spricht, dann muss er noch irgendeine Waffe in der Hinterhand haben, eine schreckliche Rache.

In dieser Anspannung begehen die Menschen den islamischen Fastenmonat Ramadan. Sie nehmen nichts zu sich den ganzen Tag über, in einer Hitze von 30 bis 40 Grad, am Abend, etwa um 19 Uhr, brechen sie das Fasten. Dann feiern sie mit allem Essen, das sie haben können bis 5 Uhr oder 6 Uhr morgens. Auch Tag und Nacht verschwimmen. Viele schlafen bis in den Nachmittag, nur die Kämpfer nicht. Sie sind noch übernächtigter als alle anderen, und sie sind vollgepumpt mit Adrenalin und Euphorie.

Sie jubeln, wenn man auf der Wüstenstraße an den unzähligen Kontrollpunkten vorbeifährt nach Tripolis. An einer Stelle haben sie noch am frühen Morgen ein Schaf geschlachtet und grillen es jetzt über dem offenen Feuer. Doch der Krieg kommt näher, je weiter man der Hauptstadt entgegenfährt.

Am Straßenrand liegen zerstörte Fahrzeuge verlassen da, die Vororte zeigen Spuren der Kämpfe. An einem Haus liegen noch Sandsäcke, zu einem Wall gegen Gewehrkugeln aufgeschichtet. Das Gebäude selbst liegt jedoch fast vollständig in Trümmern, wie von einer Explosion, einem Raketentreffer vielleicht. An einer Tankstelle gibt es einen Menschenauflauf, es gibt Gedränge, Geschrei, die Männer sind angespannt. Der Treibstoff wird nur in kleinen Plastikkanistern abgegeben, bewaffnete Rebellen regeln die Verteilung.

Schwarzer Rauch über Tripolis

Über der Innenstadt von Tripolis liegt schwarzer Rauch. Die Geschäfte der Millionenmetropole sind geschlossen. In der Ferne sind unaufhörlich Schüsse zu hören, gedämpfte Detonationen. In einem Lampengeschäft im Zentrum sind über zwei Stockwerke alle Scheiben geborsten, riesige Kronleuchter wiegen sich im Wind. Auf den Straßen sind kaum Passanten zu sehen, nur die Posten der Rebellen, die jede Straßenecke sichern.

Die Angst vor Plünderern ist groß. An der Strandpromenade liegt Müll am Straßenrand, wie überall in der Stadt, lange Halden von Plastiksäcken, die offenbar schon seit vielen Tagen hier abgeladen und nicht beseitigt werden. Dahinter sitzen Gestalten unter den Sonnenschirmen, einer badet sogar, während auf der Uferstraße Reihen von Pick-up-Wagen mit Maschinengewehren auf der Ladefläche vorbeirollen.

Aber wenn man ihnen folgt und den Grünen Platz erreicht, jenen zentralen Treffpunkt der Stadt direkt gegenüber dem Hafen gelegen, dann steht man plötzlich mitten in dem Fest, das die Befreiung Libyens auslöst: Das lange Rechteck ist voller fröhlicher Menschen, sie schwenken Fahnen und tanzen, Rebellen fahren auf Pick-ups und Lastwagen immer rund um den Platz, und aus aufmontierten Lautsprechern dröhnen revolutionäre Lieder. Im Basar der benachbarten Altstadt sind ein paar Geschäfte geöffnet, dort können Familien etwas für die Ramadan-Suppe einkaufen, die sie am Abend zum Fastenbrechen auftischen wollen.

Rebellen schießen übermütig in die Luft

Auch auf dem Grünen Platz sieht man viele Frauen und Kinder, ein Familienvater hat eine Staude Bananen gekauft und reicht sie einem Kämpfer auf die Ladefläche hoch. Die Rebellen schießen übermütig in die Luft, mit allem was schießen kann, von der Handfeuerwaffe bis zur Maschinenpistole.

Manche der Stücke sind nagelneu, sie tragen sogar noch das Etikett mit dem Strichcode – Revolver und Schnellfeuergewehre, einige langläufige Exemplare darunter. Allesamt Fabrikate der Firma Beretta aus der oberitalienischen Provinz Brescia. Die haben sie in Gaddafis Palast Bab-al-Asisia erbeutet, frohlocken die Rebellen. Da liege das Zeug haufenweise rum, noch in Originalverpackung.

Der Palast, das ist jener gewaltige Komplex inmitten der Stadt – halb Kaserne, halb Freilichtmuseum –, von dem aus einst ganz Libyen regiert wurde. Am Dienstagabend hatte es noch geheißen, der Palast sei erobert. Der Triumph der Rebellen war so groß, dass die Frage nach dem Verbleib des Diktators Gaddafi und seiner Söhne fast zur Nebensache wurde.

Doch die Aufständischen hatten sich zu früh gefreut. Um 8 Uhr morgens wurden sie plötzlich wieder angegriffen, aus dem Innern des Komplexes heraus. Etwa 30 bis 50 regierungstreue Kämpfer haben sich dort verschanzt, zwischen den verwinkelten Gebäuden und massiven Schutzmauern, die das Gelände in mehreren Ringen aufteilen.

Von dort sind sie nur schwer zu vertreiben. Der Kampf um die Festung beginnt erneut. Die Führung der Rebellen bringt nach eigenen Angaben noch einmal 3000 Kämpfer aus Misrata nach Tripolis.

Bizarrer, tödlicher Ameisenhaufen

Am Mittag ist der Palastkomplex ein bizarrer, tödlicher Ameisenhaufen. In einem unaufhörlichen Hin und Her laufen Bewaffnete zwischen den zertrümmerten Eisenportalen hindurch auf das Gelände, hinter die erste Schutzmauer, hinter die zweite, dann hinter die dritte Schutzmauer, die in Tarnfarben gestrichen ist.

Von dort ist das heftigste Feuer zu hören. Die Verteidiger schießen mit 14,5-Millimeter-Flugabwehrkanonen und Mörsern, berichtet ein Offizier der Rebellen, sie setzten auch Mörser ein, die sie mit Cluster-Munition laden – Projektilen, die beim Aufprall eine Wolke weiterer Kleinbomben freisetzen. Niemand weiß, wie viele Rebellen sterben im Kampf mit dieser Gegenwehr, in einem Areal, das über Jahrzehnte nur für diesen Zweck ausgerichtet wurde: einen Gewaltherrscher gegen sein Volk zu verteidigen.

Aber die Stimmung der Kämpfer ist nicht bitter oder ernst. Es herrscht fast so etwas wie Volksfeststimmung, ein fröhliches Kommen und Gehen, niemand wird abgehalten, sich dem Kampfplatz zu nähern, jeder kann mitmachen. Wie es scheint, werden nicht einmal wirklich Befehle gegeben.

Am Nachmittag setzen sich nur noch ein paar Männer am Rande der großen Wiese zur Wehr, auf der Gaddafi manchmal Feste veranstaltete. Die Rebellen haben Raketenbatterien herbeigeschafft. Um 15.30 Uhr etwa macht es noch einen gewaltigen Schlag, dann ist Ruhe. Sie sind tot, heißt es. Jetzt ist es aus.

Von Gaddafi fehlt jede Spur

Am Abend wird nur noch in zwei Vierteln der Hauptstadt gekämpft. In einem davon liegt auch das Hotel „Rixos“, in dem das Regime während der letzten Kriegsmonate ausländische Journalisten zwangsweise untergebracht und am Ende mehrere Tage lang regelrecht festgehalten hatte. Auch in anderen Orten des Landes gibt es noch kleinere Kämpfe. Nach eigenen Angaben beherrschen die Rebellen 95 Prozent des Landes.

Nur von Gaddafi fehlt noch immer jede Spur. Der Nationale Übergangsrat hat ein Kopfgeld von 1,7 Millionen Dollar auf ihn ausgesetzt. Zuerst erklärte man noch, man wolle ihn lebend, damit ihm der Prozess gemacht werden könne. Jetzt heißt es: tot oder lebendig. Am Abend werden die Journalisten aus dem „Rixos“ befreit.

Später meldete das italienische Außenministerium, dass vier italienische Journalisten von Gaddafi-Treuen entführt worden sind, ihren Fahrer töteten sie. Laut italienischen Medienberichten war einer der Entführten in der Lage, in Mailand anzurufen und zu sagen, dass es allen vier gut gehe.