Von Libyen bis Bahrein

Auch die Araber brauchen Europas Milliarden

Nicht nur die Griechen und Iren sind auf EU-Hilfe angewiesen. Der Umbruch in der arabischen Welt bietet die kostspielige Chance, den Einfluss al-Qaidas zurückzudrängen.

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Die große Frage hinter dem Aufruhr in der arabischen Welt ist: Wo sollen all die Fabriken herkommen, die Millionen Arbeitsplätze und Wohlstand für diese jungen Gesellschaften schaffen? Denn darum letztlich geht es. Die Araber befreien sich vom Joch ihrer Diktatoren, in der Erwartung, sich mit den Despoten zugleich auch von jahrelanger Arbeitslosigkeit, Armut und Perspektivlosigkeit zu befreien. Rund 40 Prozent der Ägypter leben von gerade mal 1,50 Euro am Tag. Etwa 35 Prozent von ihnen sind Analphabeten.

Noch projizieren sie ihre Hoffnungen auf ein besseres auf das westliche Gesellschafts- und Wirtschaftssystem. Es verspricht ihnen Wohlstand durch Demokratie und Marktwirtschaft. Doch sie verbinden diese Hoffnung mit unrealistischen Vorstellungen. Sie ahnen nicht einmal, wie lange es dauern wird, bis sie in ihren Ländern aus eigener Kraft auch nur einen Bruchteil jenes Wohlstandes erwirtschaften können, von dem sie träumen.

Schon flüchten Tausende enttäuscht aus Tunesien über das Mittelmeer. Zwar sei der Diktator vertrieben, sagen sie, aber sonst habe sich in ihrem Land nichts verändert.

Überlassen Europa und die USA diese Länder sich selbst, sprich helfen sie nicht dabei, die wirtschaftliche Lage der Menschen dort rasch zu verbessern, müssen sie mit fatalen Folgen rechnen. Die Zahl der Wirtschaftsflüchtlinge dürfte noch einmal dramatisch ansteigen. Bald schon könnten Millionen Menschen in Europa anlanden. Denn es werden nicht nur die Araber kommen. Mit dem Fall der Diktaturen entstehen für die Bevölkerung des gesamten afrikanischen Kontinents neue Reiserouten und Reisemöglichkeiten. Vor allem der Zerfall Libyens, wo Muammar al-Gaddafi die afrikanischen Flüchtlinge mit Gewalt zurückdrängte, dürfte zu einem Massenansturm auf die Außengrenzen der Europäischen Union führen.

Noch überwiegt in der europäischen Debatte das Erstaunen über die Revolutionen und die durch sie ins Wanken gebrachte Machtstatik in der Region. Die meisten sehen im Freiheitsdrang der Völker die primäre Triebfeder der Umstürze. Doch das stimmt so nicht ganz. Wirtschaftliche Erwartungen sind als Auslöser revolutionärer Umbrüche immer ein entscheidender Faktor.

Unter anderem waren es steigende Preise, die zu den Protesten der Chinesen 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens führten. In Tunesien verbrannte sich der des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi, weil er seine Familie nicht mehr ernähren konnte. Nach seinem spektakulären Tod überschlugen sich die Ereignisse.

Bereits auf den Weltwirtschaftsgipfel im Januar in Davos wiesen Experten darauf hin, welche Rolle die steigenden Lebensmittelpreise bei den Demonstrationen in Tunesien und Ägypten spielten. „Dieser Protest wird nicht in Nordafrika enden, wegen der steigenden Lebensmittelpreise und der hohen Arbeitslosigkeit wird er sich auf viele Länder ausbreiten“, sagte der Chef der saudischen al-Kholi-Gruppe, Hamza al-Kholi. Höhere Rohstoffpreise seien „wirklich etwas, das Regime stürzen könne“, stimmte US-Starökonom Nouriel Roubini zu.

Verantwortlich für den dramatischen Anstieg der Lebensmittelpreise in den ärmeren Ländern war neben Ernteeinbrüchen ausgerechnet die Geldpolitik der US-Zentralbank. All die Milliarden, die Zentralbankchef Ben Bernanke in die Märkte pumpte, verteuerte die Waren. In Ägypten stiegen die Lebensmittelpreise innerhalb kurzer Zeit um 17 Prozent. Genau genommen, war er es also Bernanke, der die blutigen Umstürze ins Rollen brachte. Doch nicht nur das. Auch den Ölpreis trieben er und die Spekulanten von der Wall Street in gefährliche Höhen. „Angst vor Ölkrise“, titelt die „Bild“-Zeitung. Die Gefahr für die Weltwirtschaft ist unübersehbar groß.

So konfrontieren die Revolutionen den Westen, vor allem aber Europa vor eine gigantische Herausforderung. Denn die Europäische Union muss die wirtschaftlichen Probleme der Länder auf der anderen Seite des Mittelmeeres als ihre Probleme begreifen, wenn es nicht zu den bereits erwähnten Flüchtlingsströmen kommen soll. Und sie muss alles daran setzen, diese Probleme gemeinsam mit den Arabern zu lösen.

Demokratische Zukunft gut für Europas Stabilität

Eine solche Politik wäre übrigens auch die wirksamste Waffe gegen die Terrororganisation al-Qaida und die beste Prävention gegen den Aufbau von Gottesstaaten. Die Revolutionen waren die bisher größte Niederlage für Osama Bin Laden und seine Anhänger. In keiner Demonstration wurden nach ihnen gerufen, nirgendwo gab es Solidaritätsadressen. Gelingt es nun, in Ägypten und Tunesien wenigstens quasi-demokratische Systeme zu etablieren, stellt dies nicht nur den Terror, sondern auch die Ideologie al-Qaidas in den arabischen Kernländern dauerhaft in Frage.


Niemand sollte davon ausgehen, dass Ägypten oder irgendein anderes arabisches Land die Demokratien des Westens kopieren wird. Bestenfalls lassen sie sich von ihnen inspirieren und suchen einen Weg, der auch ihre islamische Tradition einschließt.

Doch jede Form demokratischer Entwicklung würde das Selbstbewusstsein der jungen Gesellschaften stärken und auf die die muslimischen Milieus Europas ausstrahlen. Eine wie auch immer geartete demokratische Zukunft in Ägypten und Tunesien wäre also auch gut für die innere Stabilität Europas und die bilateralen Beziehungen.

Im Gegenzug wäre jeder Rückschlag eine Gefahr für den inneren Frieden Europas, denn auch damit würden sich die in Europa lebenden Muslime in gewisser Weise identifizieren. Ganz sicher aber würden einflussreiche islamistische Kräfte solche Rückschläge für ihre Zwecke nutzen. Wer wissen will, wie ein solcher Rückschlag aussehen könnte, der muss nach Pakistan schauen, wo Demokratie nicht mehr als eine leere Hülle ist und der radikale Islam dieses Vakuum mehr und mehr ausfüllt.

Wachstumsimpulse für arabische Gesellschaften

„Die Menschen in Ägypten wartend dringend auf eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Daran wird, wie wir in Tunesien sehen. Am Ende alles gemessen werden“, sagt der frühere Botschafter in Washington und heutige Vorstandschef der Quandt-Stiftung, Jürgen Chrobog.

Für die Europäische Union heißt das, sie muss einerseits Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und vielleicht bald auch Italien aus dem Schuldensumpf retten, andererseits muss sie in den jungen arabischen Gesellschaften nachhaltige Wachstumsimpulse setzen. Das dürfte die Union noch einmal viele Milliarden Euro kosten.

Alternativ könnten europäische Konzerne in den arabischen Ländern Fabriken errichten. Aber erstens dürften sie kaum genügend qualifiziertes Personal finden, zweitens gingen auf diese Weise wichtige Arbeitsplätze in Europa verloren. Folglich kann der Lebensstandard in den Ländern Nordafrikas vorerst nur durch massive Entwicklungshilfe und hohe Investitionen in die Bildung breiter Massen angehoben werden.

Noch hat keiner der europäischen Regierungschefs gesagt, woher das Geld für solche Maßnahmen kommen soll. Es ist noch nicht einmal mehr darüber geredet worden, es hat keinen Gipfel gegeben. Dabei steht eine der wichtigsten Regionen der Welt auf der Kippe. Sie bräuchte dringend einen Marshall-Plan, ein großes Wirtschaftsaufbauprogramm, wie es die USA Europa nach dem Zweiten Weltkrieg finanziert haben. Doch Europa und die USA sind ratlos, ächzen unter eigenen schweren Lasten. Und so bleibt die Frage: Wo sollen all die Fabriken herkommen, die Millionen Arbeitsplätze und Wohlstand für diese jungen Gesellschaften schaffen?