Sturm der Liebe

Ägypter küssen und umarmen Westerwelle in Kairo

So viel Zuneigung wurde ihm schon lange nicht mehr zuteil: Beim Besuch in Kairo bejubelten die Ägypter Westerwelle. Der zeigte sich gerührt.

Einen solchem Empfang wie am Schauplatz der Revolution hat Bundesaußenminister Guido Westerwelle vermutlich noch nie erlebt. Hunderte Ägypter hatten sich innerhalb von kürzester Zeit auf dem weltberühmten Tahrir-Platz im Kairoer Stadtzentrum versammelt, um den Gast aus Deutschland zu begrüßen.

„Willkommen in Ägypten“, riefen die Menschen dem FDP-Chef am Donnerstag zu. Einige zwängten sich an den überforderten Personenschützern vorbei, umarmten den Minister, küssten ihn.

Gemeinsam mit Entwicklungsminister Dirk Niebel und dem Parlamentarischen Staatssekretär im Wirtschaftsministerium Ernst Burgbacher (beide FDP) überschritt Westerwelle am Nachmittag den Platz der Befreiung – jenen Ort, an dem Hunderttausende Ägypter 18 Tage lang protestiert hatten, bis sie den langjährigen Präsidenten Husni Mubarak zum Rücktritt zwangen. Mindestens 365 Menschen starben bei den Unruhen in dem Land am Nil, mehr als 5.000 wurden verletzt.

Die Menschenmenge um den Minister begann begeistert Parolen zu rufen. „Erhebe Dein Haupt, denn Du bist Ägypter“, jubelten Männer, Frauen, Kinder. „Allahu Akbar“ (Gott ist groß), war von einem einsamen Rufer zu hören.

Westerwelle ließ sich Zeit bei seinem Gang über den Platz. Er schüttelte Hände, redete mit den Menschen. „Das ist ein ganz berührender Moment hier“, sagte Westerwelle. „Hier wird ein Stück Weltgeschichte geschrieben.“

Deutschland, das merke man, habe einen sehr guten Ruf in dem nordafrikanischen Land. Das hänge womöglich auch mit der jüngsten Geschichte zusammen: „Was für uns Deutsche das Brandenburger Tor ist, ist für die Ägypter der Tahrir-Platz.“

An Westerwelles Seite war auch die junge Aktivistin Mona Shahin. Viele wie sie haben die Proteste gegen das Regime Mubarak über Facebook und Twitter organisiert. Es sind diese Menschen, die der deutsche Minister bei seinem Besuch ermutigen will.

Es gehe ihm nicht darum, mit „erhobenem Zeigefinger“ einen Weg vorzugeben, betonte er. Deutschland wolle das Land aber mit umfangreichen Hilfen unterstützen, damit die Ägypter sehen, „dass Freiheit auch Chancen und Wohlstand bringt“.

Niebel pflichtete ihm bei. Die Protestbewegung sei schließlich auch aus einer Perspektivlosigkeit heraus entstanden, gab er zu bedenken.

Auch das Militär war auf dem Tahrir-Platz massiv vertreten. Die Soldaten gingen freundlich mit den Menschen um, versuchten die Lage unter Kontrolle zu bekommen.

Seit dem Sturz Mubaraks hat der Oberste Rat der Streitkräfte für eine sechsmonatige Übergangsphase die Macht übernommen. Den Vorsitzenden des Rates, Mohammed Tantawi, traf Westerwelle bei seinem Besuch in dem massiv gesicherten Verteidigungsministerium im modernen Stadtteil Heliopolis.

Tantawi versicherte dem Minister, dass das Militär die Macht nicht gesucht habe, sondern sie in schwierigen Zeiten übernommen habe und sie möglichst rasch wieder abgeben wolle. Am Ende der Übergangsphase sollen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen stehen. Bis dahin werde der Ausnahmezustand aufgehoben, sagte der Machthabende.

Westerwelle betonte, er hoffe, dass die demokratische Revolution ein Erfolg werde. Denn wer künftig die Geschicke des Landes lenken wird, ist offen. Viele Menschen fürchten eine Konterrevolution. Auf dem Tahrir-Platz hat der Wandel in Ägypten begonnen. Wo er endet, weiß aber niemand.