Psychologe Lüdke

"Ich würde den Täter in eine dunkle Zelle sperren"

Der Psychologe Christian Lüdke glaubt: Anders B. sucht die Öffentlichkeit, um seine Ideen zu verbreiten. Er habe eine wahnhafte Vision.

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Christian Lüdke ist Psychotherapeut in Essen. Er ist spezialisiert auf die Behandlung von Trauma-Patienten und hat schon Opfer und Angehörige der Terroranschläge von New York und Djerba betreut. Die Brutalität der Attentate von Oslo und Utoya schockieren auch ihn.

Morgenpost Online: Wie kaltblütig muss ein Mensch sein, um auf wehrlose Kinder und Jugendliche zu schießen ?

Christian Lüdke: Der Attentäter muss voller Wut und Hass sein. Ungewöhnlich ist, dass er verschiedene Methoden des Tötens kombiniert. Erst das anonyme Töten durch die Bombe in Oslo. Dann tötet er auf der Insel Utoya eiskalt von Angesicht zu Angesicht. Besonders brutal ist, dass er sich als Polizist verkleidet, um das Vertrauen der Opfer zu gewinnen und sie ganz nahe an sich heranzulocken. Er schaut ihnen in die Augen und fängt dann an zu schießen.

Morgenpost Online: Warum bringt sich Anders B. nach der Tat nicht selbst um?

Lüdke: Bei einem Amoklauf inszeniert der der Täter seinen Selbstmord oder provoziert die Polizei, ihn zu erschießen. Das war kein Amoklauf. Der Täter lässt sich festnehmen. Aus seinen Äußerungen im Internet wissen wir, dass er sich als Held sieht. Er ist völlig davon überzeugt, richtig zu handeln.

Morgenpost Online: Er will eine Botschaft loswerden und deshalb am Leben bleiben?

Lüdke: Das genau ist Teil seines Plans. Er will seine rechtsradikale Ideologie verbreiten. Eine Ideologie, die stark von ihm geprägt ist. Von entsprechenden Organisationen und Parteien hat er sich ja wieder distanziert, weil sie ihm nicht radikal genug waren. Ihn treibt offensichtlich die Vision, das Land und die ganze Welt befreien zu müssen. Das ist wahnhaft.

Morgenpost Online: Wie kommt es zu einem solchen wahnhaften Verhalten?

Lüdke: Möglicherweise hat er schon frühzeitig erkennen müssen, dass er seine Ideen nicht verwirklichen kann – weder im Verein oder in der Partei. Innerlich fühlt er sich zutiefst ohnmächtig und hilflos. Er distanziert sich von der Gesellschaft und zieht sich in seine radikale Fantasiewelt zurück. Mit seiner Tat verwandelt er das Gefühl von Ohnmacht in ein kurzeitiges Erleben von Allmacht. Das Gefühl, Herr über Leben und Tod zu sein.

Morgenpost Online: Anders B. hat noch auf Mädchen und Jungen geschossen, die schon verletzt am Boden lagen.

Lüdke: Das ist grauenvoll und nur mit einer psychischen Störung zu erklären. Denn es liegt nicht in der Natur des Menschen, Menschen zu töten. Es kann geschehen, dass Menschen im Affekt wie von Sinnen einen anderen Menschen töten. Dieser Täter aber handelte nach einem inneren Drehbuch. Über Jahre hat er sich im Verborgenen minutiös vorbereitet – und offensichtlich hat niemand etwas bemerkt. Schon die Planung muss ihm ein Gefühl von Überlegenheit und Allmacht gegeben haben.

Morgenpost Online: Muss es ein Schlüsselerlebnis geben, damit ein Mensch zu einem Massenmörder wird?

Lüdke: Ein einzelnes Schlüsselerlebnis halte ich eher für ausgeschlossen. Wir unterscheiden Auslöser, Motive und Ursachen. Auslöser für die Tat kann eine schlechte Nachricht sein, eine Trennung oder Zurückweisung. Ein Motiv entwickelt sich über längere Zeiträume, wenn sich negative Erlebnisse wiederholen und zu einem Lebensthema herrschen. Die Ursachen gehen oft weit bis in die die frühe Jugend und Kindheit zurück, etwa die Unfähigkeit, mit Enttäuschungen umzugehen. Es ist schon außergewöhnlich, wenn sich ein junger Mensch für Waffen und die Jagd interessiert. Auch dabei geht es ums Töten und das Gefühl, Macht zu haben.

Morgenpost Online: Nun wird aber nicht jeder junge Jäger oder Sportschütze zu einem Massenmörder. Gibt es verdächtige Indizien?

Lüdke: Es ist leider sehr schwer zu erkennen, wer später zu einem Täter wird. Je stärker das Gefühl ist, unverstanden zu sein und in dieser Welt keinen Platz zu haben, umso größer ist der Wunsch, aus dieser Ohnmacht mit Gewalt auszubrechen. Bis zur Tat ist es dann am Ende nur noch ein kleiner Schritt.

Morgenpost Online: Auf Fotos sieht Anders B. harmlos und unschuldig aus. Ist das Teil der Inszenierung?

Lüdke: Der Täter wirkt wenig bedrohlich, eher sympathisch. Genau diesen Eindruck will er erwecken und verharmlost damit das, was er getan hat. Er will zeigen, dass er kein harter und brutaler Typ ist. Das Signal soll sein: Ich bin einer von euch, und ich bin gekommen, um euch zu retten. Darin sehe ich wahnhafte Züge.

Morgenpost Online: Geht es dem Täter um seine Ideologie oder um seine Person?

Lüdke: Er begründet seine Tat ideologisch. Aber vermutlich dient die Ideologie als Projektionsfläche für seinen inneren Hass. Das Töten muss für ihn höchste Befriedigung gewesen sein, weil er die Fantasien, die er über Jahre entwickelt hat, endlich ausleben konnte.

Morgenpost Online: Anders B. will seine Tat bei einem Hafttermin öffentlich begründen.

Lüdke: Schon die Vorstellung ist grauenvoll. Dann würde er ja genau das Forum erhalten, das er gesucht hat. Ich würde den Täter komplett von der Öffentlichkeit abschotten und in eine dunkle Zelle sperren. Wer eine solche kaltblütig geplante Tat begeht, hat für immer das Recht verwirkt, an dieser Gesellschaft teilzunehmen.

Morgenpost Online: Kann sich die Gesellschaft vor solchen schrecklichen Attentaten wie in Norwegen schützen?

Lüdke: Ich befürchte, wir müssen mit diesem Risiko leben. Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit. Mir machen nicht so sehr die Menschen Angst, die auffällig werden, sondern die tickenden Zeitbomben, die unter uns leben. Da gibt es einige, von denen wir nichts wissen, denn wir sehen es ihnen nicht an. In einem gewissen Bereich haben wir keinen Einfluss auf das Verhalten der Menschen, egal wie gut die Gesellschaft funktioniert

Morgenpost Online: Wie reagieren die Verwandten und Freunde der Opfer auf das schreckliche Geschehen?

Lüdke: Wenn Menschen einen geliebten Angehörigen verlieren, macht es einen großen Unterschied, ob dieser Opfer von Terror, Mord oder einer Naturkatastrophe wurden. Am leichtesten fällt es, den Tod eines Angehörigen zum Beispiel durch den Tsunami zu akzeptieren. Dann wird die Ursache der Natur zugeschrieben. Studien zeigen, dass in solchen Fällen nur zwei Prozent der Betroffenen eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln.

Sehr viel schwieriger ist es, mit der Sinnlosigkeit einer Gewalttat weiterzuleben. Die Eltern der ermordeten Jugendlichen in Norwegen sind nicht zu trösten. Ihre Kinder sind vor ihnen und zudem noch eines gewaltsamen Todes gestorben. Schlimmer geht es nicht.