Normalisierung

Nach dem Drama rücken die Glaser und Tischler an

Die Panik der Menschen schwindet und endlich wird Norwegen wieder ein bisschen langweilig. Die Therapie aus Aufklärung, Selbstvergewisserung und etwas Kitsch wirkt.

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Die Straßenbahnlinie 12 fährt auf ihrem Weg nach Kjelsås am Wochenende immer die Abkürzung an der Domkirche vorbei, um die Touristen schnell zu den Sehenswürdigkeiten Oslos zu befördern. Die meisten Besucher wollen an der Aker Brygge spazieren gehen, dem alten Werftgelände am Fjord, das in den 80er-Jahren in ein Einkaufszentrum umgewandelt worden ist. Da ist Oslo am schönsten, gerade bei diesem Wetter: Der Fjord glitzert in der Sonne, mächtige Wolkentürme wachsen hinter einer Bergkette auf, Boote fahren zwischen den Scheren. Eine Postkartenidylle, die jeder Gast gesehen haben muss.

Aber an diesem Wochenende kann die Linie 12 dort nicht vorbeifahren. Die Schienen sind blockiert, die Strecke gesperrt. An der Station Stortorget, direkt am Gotteshaus, breitet sich mitten auf der Straße ein mehr als 100 Meter langes Blumenfeld aus, gespickt mit Teelichtern, Kerzen und Wimpeln. Es ist immer weiter gewachsen in den letzten Tagen, auch hinter die Kette der orangen Warnhütchen, die der Sicherheitsdienst aufgestellt hatte; eine farbige, leuchtende Wiese auf dem schwarzen Asphalt und grauen Beton. Schließlich stellten die Behörden Absperrgitter auf, um die Blumenflut einzudämmen.

Es gibt jetzt noch einen anderen Ort, den man in diesen Tagen gesehen haben muss. Es ist dieser Platz vor der Domkirche, es ist das Erinnerungs- und Trauerfeld mitten in der norwegischen Hauptstadt. Täglich besuchen immer noch Tausende Menschen den Stortorget. Wer in die Kirche will, muss sich hinten anstellen. Den ganzen Tag und auch am Abend noch ist der Dom bis auf den letzten Platz besetzt.

„Wir sind einfach hier, weil wir Solidarität zeigen wollen“, sagt Lisa Mariestad (32) die mit ihrem Freund Lasse (28) gekommen ist. Sie nimmt ihre große Sonnenbrille ab und wischt die Tränen aus den Augen. Nein, sie kannte niemanden, aber das war ja „ein Angriff auf uns alle“, sagt Lisa. Unzählige Botschaften liegen auf dem abgesperrten Feld, nebenan, auf einem Rasenstück neben der Kirchmauer, wächst gerade ein zweites heran. „Wir denken an Euch“ steht dort, viele Kinderbilder mit Sonnen, Regenbogen und Herzen liegen zwischen kleinen norwegischen Flaggen und Stofftieren.

"Wie viel Liebe können wir alle gemeinsam zeigen"

Eine Formel wird häufig verwendet in diesen Tagen, Ministerpräsident Jens Stoltenberg hat den Satz im Gottesdienst am Sonntag zitiert: „Wenn ein Mann soviel Hass zeigen kann, wie viel Liebe können wir alle gemeinsam dann zeigen.“

Helle Gannestad war die erste, die das schrieb, am Tag nach den Anschlägen im Internet-Kurznachrichtendienst Twitter. Sie ist Mitglied in der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF, aber sie war zu Hause, als Breivik im Jugendlager des Verbandes auf der Insel Utøya um sich schoss. Ihre Worte flogen durch das Netz, sie wurde von CNN interviewt und nun gilt sie als das Mädchen, das die Antwort des Landes auf die Anschläge formuliert hat.

Kronprinz Håkon schien daran anzuschließen, bei seiner Rede auf dem Blumenumzug, bei dem 250.000 Osloer mitgingen: „Heute sind die Straßen voll von Liebe.“ Seine Rede brachte die Hauptstadtzeitung „Aftenposten“ am nächsten Tag in voller Länge auf der Titelseite. Und Stoltenberg verspricht beständig mehr Demokratie und mehr Offenheit. Der Dreiklang aus Kronprinz, Ministerpräsident und dem Mädchen aus dem Volk ist gelebte norwegische Gleichheit.

Über soviel Gefühl und Schmerz und auch Poesie muss natürlich berichtet werden. Auf dem Stortorget, dem Platz vor der Kirche, stehen 13 Übertragungswagen, die 13 Satellitenschüsseln in den sonnigen Himmel richten. Das Kopfende des Feldes haben sich die Fernsehstationen gesichert, sieben Kameraaugen glotzen auf Besucher und Blumenmeer.

„Eigentlich passiert hier nichts“, sagt eine Nachrichtenfrau des deutschen Senders N24. „Aber die Leute interessiert es halt. Also senden wir weiter.“ Ein Vater fotografiert seine beiden Jungs vor dem Blumenfeld, sie hocken vor den Rosen, er sagt: „Jetzt lächeln!“ Hier passiert Geschichte, das muss mit fünf Megapixeln festgehalten werden. Wir waren dabei.

Auf dem Youngstorget, einem quadratischen Platz nahe am Regierungsviertel, bietet Scientology Gespräche mit „freiwilligen Helfern“ an. „Hast Du Bedarf mit jemanden zu reden? Wir hören zu!“ steht auf dem handgeschriebenen Plakat.

Universität will den Gedenk-Schatz archivieren

Vielleicht ist es ein Zeichen beginnender Normalität, wenn sich die Staats- und Volkstrauer langsam trivialisiert. Die Glasereien haben Hochkonjunktur, überall stehen Hebebühnen, auf denen die Handwerker Sperrholzplatten wieder mit Fenstern ersetzen. Die Zeitungen berichten von den Ersatzbüros, in denen die Minister jetzt wieder arbeiten können.

Das Ereignis, das noch vor wenigen Tagen außerhalb der Vorstellungskraft der Norweger lag, findet seinen Platz in der kollektiven Erinnerung, wird allmählich abgeheftet im Geschichtsordner mit den schrecklichen Erfahrungen, gleich hinter dem Zweiten Weltkrieg.

Montag soll die Straße vor der Domkirche wieder freigegeben werden. Eine Universität hat an den Hunderten Zetteln, Karten und Briefen Interesse und will den Gedenk-Schatz archivieren. Wo die unzähligen Blumen landen werden, ist indes ungewiss.

Vielleicht bekommt dann auch der Besitzer des schwarzen Mountainbikes sein Rad wieder, das er irgendwann mal an der Kirchenmauer abgestellt hat. Es ist mit Blumen übersät, die spielerisch in den Speichen, am Sattel und über den ganzen Rahmen verteilt sind. Jemand hat eine Karte hinter eine Rose gesteckt, darauf steht das Versprechen, das hier am häufigsten zu lesen ist: „Wir werden Euch nie vergessen.“