Schuldenstaat

Italien vor dem Abgrund, Italiener in Ferienlaune

Ein Land im Chaos, einen Fußbreit vor dem Abgrund. Das haben wir in Italien letzten Montag erfahren. Gestört hat es keinen – wir gehen weiter an den Strand.

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Das Bild täuscht. Die elektronischen Kurstafeln an den Börsen rattern wie Fahrplanänderungen auf Bahnhöfen und Flughäfen. Kaum einer kann die Kursänderungen lesen. Doch die undurchsichtigen Zahlenkolonnen verführen fast alle dazu, die Wirtschaft für eine ähnlich präzise Angelegenheit zu halten wie die Mathematik. Schlimmer lässt sich die Sache wohl kaum missverstehen.

"Stört es Sie", fragte etwa in ihrem Frisiersalon um die Ecke die charmante "parrucchiera" meine Frau, "wenn ich Ihnen statt 30 nur 13 Euro auf die Rechnung schreibe?" Was sollte meine Frau daran stören? Beide kennen sich doch schon seit Jahren. Und an so heißen Tagen vermeidet ohnehin jeder gern unnötige Nachfragen.

Wichtiger ist da vor allem: so rasch wie möglich unter die Dusche. Doch die war leider wieder kaputt. Der Boiler. Der viele Kalk. Wir kennen das. Wir kennen nur keinen Klempner, der die Sache richten könnte – erst recht nicht am Abend.

So rief meine Frau wieder unseren "ragazzo" aus der Nachbarschaft an, der uns in solchen Fällen noch nie enttäuscht hat. Der freundliche "Junge" ist Großvater mehrerer Enkel, und wenn er – ziemlich früh am Tag – von der Firma heimkommt, in der er tagsüber arbeitet, hat er sich in solchen Notfällen noch nie damit entschuldigt, dass er noch nicht gegessen habe.

Ausreden kennt er nicht. Abends um zehn funktionierte die Dusche wieder, heiß und kalt, Gott sei Dank. Der Preis? Wer will darüber reden! Das gehört nicht hierher. Er ist doch kein Schwarzarbeiter. Die Sache war doch ein reiner Freundschaftsdienst. Wäre ja noch schöner, wenn Freunde nun anfangen würden, sich gegenseitig Rechnungen auszustellen. Wo sind wir denn?

Wir sind in Italien. Das Land befinde sich im Chaos, haben wir hier letzten Montag erfahren, einen Fußbreit vor dem Abgrund. Die Sache war im Ausland entdeckt worden, und die italienische Presse druckte sie bereitwillig nach. Tatsächlich war das Chaos am Montag aber natürlich nicht wirklich größer als am Freitag davor – oder als im letzten Jahr.

Der Jugend fehlen Perspektiven und Arbeit

Oder haben wir uns vielleicht schon so daran gewöhnt, dass wir es gar nicht mehr wahrnehmen, fragten wir uns bei Claudio, unserem "Italiener um die Ecke", dessen Laden immer so knallvoll ist, dass er schon längst Millionär sein muss, obwohl er immer noch Tag für Tag nur als der erste und fleißigste unter seinen Kellnern auffällt und sich im Jahr nie mehr als zwei Wochen Urlaub gönnt. Claudio ist gelernter Elektriker.

Bei ihm lässt sich auch nach einem Glas Wein nichts schönreden. Dass der Jugend Perspektiven und Arbeit fehlen, ist nicht nur ein Jammer, sondern dramatisch verfehlte Politik. Und dann die Korruption. Und so weiter. Von dem ganzen Drama Italiens kann man nie genug lernen.

Dass die Nation an einer "apokalyptisch hohen Verschuldung" leidet, und Silvio Berlusconi nun endlich "zum letzten Gefecht" antrete, wissen wir mit den Italienern schon seit Jahren, auch dass seine Führung angetan sei, das Land in eine "tödliche Abwärtsspirale" zu treiben.

Das wissen wir auch aus der angelsächsischen Presse, die in ihrer Aufklärungsarbeit nie müde wird, Europas Süden mit einem publizistischen Sperrfeuer zu belegen wie in den Tagen ihrer "schwarzen Legenden", als Spaniens Armada noch vor Englands Küsten kreuzte.

Die Woche war aber noch nicht zu Ende, als die Römer von der noch apokalyptischeren Verschuldung der USA erfahren mussten und davon, dass es in dem transatlantischen Medienimperium Rupert Murdochs über viele Jahre zu Ungeheuerlichkeiten kam, die selbst für italienische Verhältnisse ungewöhnlich sind. Für Italiens Misere ist das natürlich weder Trost noch Hilfe.

Wie sollte es da an Kritik mangeln?

Rasche Hilfe in der Gefahr, die Kreditwürdigkeit zu verlieren, kam vor dem Ende der gleichen Woche hingegen von dem Manöver, mit dem in einer fast überparteilich nationalen Notstandsallianz unter Finanzminister Giulio Tremonti ein gigantisches Sparpaket im Handstreich durch Senat und Parlament gewinkt wurde, um das Haushaltsdefizit zu sanieren. Bis 2014 sollen rund 80 Milliarden eingespart werden. Da ist jeder Italiener betroffen.

Wie sollte es da an Kritik mangeln? In drei Tagen war der Etat dennoch durch. Und auch in Ferienlaune fiel keinem ein, Rom dafür in diesen Tagen so lahmzulegen, wie die Griechen es für ihr Sparpaket mit Athen vorgemacht haben.

Der Großteil der Italiener geht offensichtlich lieber an den Strand oder einem von mehreren Jobs nach, wie unser "ragazzo", der zuverlässige Freund für alle Fälle. Plötzlich hatte die Ratio des "sacro egoismo" die Nation insgesamt erfasst, deren Regierungen auf die Selbstischkeit der Einzelnen schon seit jeher zuverlässig gebaut haben.

Hinter dem Premier tritt deshalb plötzlich wieder jene Finanzelite in den Blick, denen die Italiener ihr wirtschaftliches Heil seit den Tagen des Premiers Giuliano Amato vor 20 Jahren vor allem anvertraut haben, über dessen Nachfolger Carlo Azeglio Ciampi, Lamberto Dini und Romano Prodi bis zum jetzigen Finanzminister Giulio Tremonti.

Kein Wunder, dass Mario Draghi, der gerade zum Chef der Europäischen Zentralbank aufgestiegen ist, dieser Kultur entstammt. Zuerst half er in der letzten Woche aber noch einmal, das Sparpaket größer zu schnüren. Wird es ernst, dann tut man in Italien meist rasch das Richtige.

Sparpaket bringt nicht das Ende aller Nöte

Dann wird das nationale Interesse an jedem Premier vorbei vor allem an der letzten Instanz neu ausgerichtet: am Souverän selbst, dem italienischen Volk. Das aber hat enorme Extraressourcen, auch in der Wirtschaft natürlich – die man sich hier nie ohne ihre "zweite Wirtschaft" vorstellen darf, jener Schattenwelt jenseits der Bilanzen, die aus unzähligen kleinen Familienbetrieben besteht, fleißigen und findigen Italienern, ohne die im Land nichts funktionieren würde – wo im Grunde immer alles funktioniert, nur anders als anderswo.

Ausgerechnet die italienische Wirtschaft dürfen wir uns also durchaus rational als eine Art präziser Wissenschaft vorstellen, mit jener legendären "precisione elastica" freilich, für die Hans Magnus Enzensberger vor Jahrzehnten die Italiener zu Meistern des Chaos erklärte und sich Italien als Modell für jenes zukünftige Europa der Krisen wünschte, von denen uns damals noch jede Ahnung fehlte.

Eine der kräftigsten und effektivsten Polizeiverbände Italiens ist immerhin die Guardia di Finanza – für Notfälle aller Art. Das neue Sparpaket bringt nicht das Ende aller Nöte. Doch sollte es je ganz ernst kommen, ist sogar vorstellbar, dass die Italiener eines Tages noch anfangen könnten, ihre Steuern zu zahlen wie der Rest der Welt.