Nigeria

Nollywood, die größte Traumfabrik in Afrika

Nach Bollywood entstehen in Nigeria die meisten Filme weltweit. Doch die Produzenten kämpfen mit Geldnöten. Nur eine von zehn DVDs wird legal verkauft.

Foto: Christian Putsch

"Wo ist der verdammte Schlüssel?“ Die Minuten verrinnen und mit ihnen das Budget für „Behind Closed Doors II“, den zweiten Teil des nigerianischen Kassenschlagers „Hinter geschlossenen Türen“. Ruhelos läuft Regisseur Lancelot Oduwa Imasuen vor den Mauern der Villa auf und ab, in der längst gedreht werden sollte.

Das Handy am Ohr, ruft er: „Wo bist du...? Weißt du, was mich das kostet?“ 20 Leute stehen am Straßenrand, darunter einige der bekanntesten Schauspieler des Landes. Doch der Drehort bleibt versperrt. Imasuen ist klein und muskulös, um den Hals baumelt eine Kette mit Kreuz. Seine Arme fuchteln ununterbrochen, seine Stimme ist lauter als der Straßenverkehr.

Regisseur Oduwa hat mit 40 Jahren schon 105 Filme im Kasten

Seine Autorität leidet nicht einmal unter den Badelatschen, mit denen er heute zum Dreh gekommen ist. Fünf Szenen müssen in den Kasten, dann hat Imasuen seinen 105. Spielfilm fast fertig – dabei ist er gerade mal 40 Jahre alt.

Imasuen ist einer der Superstars der nigerianischen Filmindustrie „Nollywood“. Doch in Nigeria fallen an manchen Tagen auch Superstars dem Chaos zum Opfer. Der Besitzer der Villa mit den riesigen Marmorsäulenkopien am Eingang ist der Kultusminister des Bundesstaats Edo – und hat gerade seinen Job verloren.

Es gab wohl einige Unregelmäßigkeiten im Kabinett, woraufhin es vom Gouverneur komplett aufgelöst wurde. Und das ausgerechnet an diesem Morgen. Nach einer Stunde kommt sein Sohn schließlich doch noch, schließt auf, und Imasuen treibt sein Team durch die Pforten. Noch ein kurzes Gebet, dann ertönt sein Ruf „Ääääktschen!“.

Nollywood ist die zweitgrößte Filmindustrie der Welt

Es ist nicht unbedingt zu erwarten, dass sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei ihrem Nigeria-Besuch einen Nollywood-Streifen anschauen wird – ihre Reise ist ähnlicher Natur wie der Stil Imasuens, der „Quick-Quick-Style“. Nur einen Tag verbringt sie zum Ende ihrer Afrikareise in der Hauptstadt Abuja. Dort wird sie eine Technologiemesse besuchen.

Im Schlepptau eine ganze Reihe von deutschen Unternehmern, die auf eine Intensivierung der Handelsbeziehungen mit dem Rohstoffgiganten Nigeria hoffen. Zumal das Land in einigen Jahren zur größten Volkswirtschaft Afrikas werden wird. Merkel wirbt für den Kampf gegen Korruption – und soll ganz nebenbei der Wirtschaft den Zutritt zu dem sträflich vernachlässigten Markt erleichtern.

Doch wer Nöte, Träume und Ehrgeiz Nigerias wirklich verstehen will, der sollte sich einen der Filme von Imasuen zu Gemüte führen. Oder eines anderen Filmemachers des bevölkerungsreichsten Landes Afrikas, das – mit 600 Filmen jährlich rein quantitativ – die weltweit größte Filmindustrie nach Bollywood (Indien) stellt. Umgerechnet knapp 200 Millionen Euro erwirtschaftet die Branche jährlich und ist damit nach dem öffentlichen Sektor der zweitgrößte Arbeitgeber des Landes (die Ölindustrie bringt zwar ein Vielfaches an Profit, aber schafft nur wenige Arbeitsplätze).

Das Budget für die Filme ist meistens sehr klein

Nollywood-Filme werden oft mit einem Budget von rund 10.000 Euro produziert. Sie erzählen Geschichten aus dem Herzen Nigerias, über Liebe und Verrat, wirtschaftlichen Aufstieg oder die Kraft des zumeist christlichen Guten gegen das Böse. Dargestellt werden sie von einer Mischung aus mehr oder weniger erfahrenen Schauspielern, die Szenen am Laptop zusammengeschnitten – angereichert mit Spezialeffekten, die an Hollywoods B-Movies der 50er-Jahre erinnern.

So hat auch Imasuen angefangen. Inzwischen ist er einer der „Big Men“ Nollywoods. Sein Film „Close Enemies“ kostete über 200.000 Euro und gehört damit zu den aufwendigsten in der Geschichte Nigerias. Aber gestern zählt nicht, jetzt fließt seine Energie in „Behind Closed Doors II“, bei dem mit Richard Mofe Damijo (kurz RMD) einer der Topverdiener Nollywods mitspielt – für Leute wie ihn werden über 10.000 Euro pro Film bezahlt.

Das etwas verwirrende Drehbuch in den Worten des Regisseurs: „Ein impotenter Ehemann bittet seinen unverheirateten Bruder, seine Frau zu schwängern. Als er sich umentscheidet, erwartet die Frau bereits ein Kind. Er ist besessen von dem Gedanken, dass sie einen Bastard austrägt, schließlich schießt er auf sie.“ Es sei ursprünglich kein zweiter Teil vorgesehen gewesen, aber der Erfolg sei gewaltig gewesen.

Die Qualität der Filme ist in den vergangen Jahren besser geworden

Also weiter: „Wie durch ein Wunder überleben alle und ein DNA-Test ergibt schließlich, dass es sein eigenes Kind ist. Er war gar nicht impotent.“ Vor der Villa wird in der Mittagshitze eine Szene nach der anderen abgedreht. Die beiden Brüder liefern sich ein dramatisches Wortgefecht vor dem Eingang, am Ende fliegt ein Koffer durch das Bild. Auf einem Autostellplatz sitzen Schauspieler auf Plastikstühlen, lernen ihren Text.

Und Imasuen ist einfach überall. Bei den Schauspielern, dem Kameramann, der Drehbuchautorin. „Cut! Das war gut“, krächzt er und wirft die Arme auseinander zum Zeichen des Etappenziels. „Bringt mir die anderen Schauspieler.“ Weiter geht's. Am Nachmittag hat der Regisseur die Verspätung des Vormittags aufgeholt. Pause.

„Wir erzählen die Geschichten, mit denen sich Nigerianer identifizieren können“, sagt Imasuen. „Unsere Filme haben auch nicht immer ein Happy End wie Hollywoodfilme. Die Welt ist nicht fair, warum sollten wir das vorspielen?“ Die Qualität vieler Produktionen ist in den vergangenen Jahren besser geworden, es gibt mehrere Schauspielschulen und sogar Pläne, neue Kinos zu bauen – in Nigeria gibt es derzeit kaum welche.

Das größte Problem ist die Produktpiraterie

Die Industrie hätte einen Ausbau bitter nötig, sie finanziert sich allein über die Kabelsender oder den Straßenverkauf von DVDs. Oft finanzieren Kirchen Filme, um ihre Botschaften zu verbreiten. So manche Produktionsfirma nimmt das Geld gern an, zumal der Konkurrenzdruck steigt, zum Beispiel aus Ghana.

Das größte Problem aber ist die Produktpiraterie. Nur jede zehnte DVD wird legal verkauft, schon für einen US-Dollar gibt es auf den verstopften Straßen von Lagos die neuesten Filme. Und selbst die Fernsehsender zeigen Filme bisweilen, ohne dafür zu zahlen. Auch das hält ausländische Investoren ab. Nigerias Präsident Goodluck Jonathan hat 130 Millionen Euro für die Behebung des Problems versprochen.

Imasuen ist skeptisch, ob das reicht. Am Abend sind die fünf Szenen im Kasten, der Film ist so gut wie fertig. „Wenn er rauskommt, bleiben mir nur ein paar Tage, um die Kosten wieder einzuspielen“, sagt er, „danach sind zu viele Raubkopien im Umlauf.“ Doch dann wird er mit den Gedanken ohnehin woanders sein. Beim Casting für den nächsten Film.