Zeitgeschichte

Der Kniefall, der in Polen fast nicht stattfand

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Gerhard Gnauck

Foto: AFP

Brandts Geste in Warschau vor 40 Jahren störte den Ostblock, das berühmte Foto wurde kaum veröffentlicht. Auch heute gibt es noch Kritik.

Willy Brandt in Warschau: Am 7. Dezember vor 40 Jahren entscheidet der Bundeskanzler, vor dem „Denkmal für die Helden des Gettos“ nicht nur einen Kranz niederzulegen, sondern auf die Knie zu sinken. Ein spontan gefasster Entschluss, sollte Brandt später sagen; und doch eine Geste, die das kollektive Gedächtnis der Europäer auf Jahrzehnte beschäftigen wird. An diesem Dienstag wird Bundespräsident Wulff mit einem Besuch in Warschau an das Ereignis erinnern. In Deutschland gilt der Kniefall als einer der wichtigsten Augenblicke der eigenen Nachkriegsgeschichte. Aber wie wurde er damals, wie wird er heute in Polen wahrgenommen?

Die Antwort ist beklemmend. Nach dem Ereignis druckten die polnischen Zeitungen Fotos, die derart abgeschnitten waren, dass man nicht sah, dass Brandt kniete. Erst Tage später veröffentlichten die jüdische „Folks Sztyme“ und das Fernsehen Bilder des knienden Kanzlers. In den Tagebüchern und Memoiren aus jener Zeit steht der Kniefall im Schatten der Anerkennung der Grenze, des Gewaltverzichts und der Normalisierung der Beziehungen zwischen Bonn und Warschau, die bis dahin im jeweiligen Partnerland nicht einmal Botschaften unterhielten. Ministerpräsident Cyrankiewicz, der frühere Auschwitz-Häftling, der mit Brandt den Warschauer Vertrag unterzeichnete, würdigte ihn als für Europa wichtigen entspannungspolitischen Schritt, der helfe, die „Kruste des Kalten Krieges“ zu überwinden – was natürlich zutreffend war.

Unbequeme Geste eines guten Deutschen

Doch Wladyslaw Gomulka, der kommunistische Parteichef, der sich diesen Fortschritt als Leistung hätte gutschreiben können, und Cyrankiewicz stürzten noch vor Weihnachten. Eine drastische Erhöhung der Lebensmittelpreise hatte zu Unruhen vor allem der Werftarbeiter geführt, unter ihnen der junge Lech Walesa. Die Sicherheitskräfte schlugen die Proteste nieder, es gab Dutzende von Toten. Die Polen hatten schnell ein anderes Thema als den Kniefall.

Auch die Medien der übrigen Ostblockländer taten alles, um diese unbequeme Geste eines guten Deutschen aus der „bösen BRD“ zu vertuschen. Etwa die DDR. Denn der Kniefall stand im Gegensatz zur „Faschismus“-Theorie von SED-Chef Walter Ulbricht, wonach allein sein Staat aus der Geschichte gelernt habe. „Dieses System brauchte einen Feind“, kommentierte Walesa das gegenüber der „Welt“.

Den Besuch am Getto-Mahnmal hatte Bonn erst drei Tage zuvor in das Programm eingefügt – gegen Warschauer Widerstände. Dabei dürfte eine Rolle gespielt haben, dass sich das Regime erst 1968 in einer schmutzigen Kampagne antisemitischer Stimmungen im Land bedient hatte. Überdies war es im Ostblock geschichtspolitische Doktrin, der NS-Opfer pauschal als „Antifaschisten“ zu gedenken, aber die Vernichtung der Juden nicht eigens zu erwähnen.

"Das war erschütternd"

Heute erinnern sich jene, die im engeren oder weiteren Sinne Zeitzeugen waren, nur schemenhaft an das Ereignis. Mieczyslaw Tomala, damals Übersetzer der Gespräche Brandts, sagt, er habe später oft mit dem gestürzten Parteichef Gomulka gesprochen, doch nie sei die Rede auf den Kniefall gekommen, allenfalls auf den Vertrag. Dagegen meint der Holocaust-Überlebende Feliks Tych, lange Leiter des Jüdischen Historischen Instituts: „Das Knien des Kanzlers hat die Warschauer Intelligenz bewegt, aber keineswegs die gesamte Bevölkerung.“

Bis heute ist in Polen die heikle Frage lebendig, wem der Kniefall Brandts eigentlich galt: den Opfern des Holocaust oder allen Opfern des NS-Terrors in Polen, und ob er für sich allein ausreiche. So sagte der frühere Außenminister, der Holocaust-Überlebende Stefan Meller, Deutschland habe nach 1989 keine dem Kniefall vergleichbare Geste gegenüber Polen gefunden. Wladyslaw Bartoszewski, ebenfalls zeitweise Außenminister und einst KZ-Häftling, lobt in seinem neuen Buch über Deutsche und Polen zwar den Kniefall: „Ich halte das für eine große Geste, die eines Staatsmannes würdig ist.“ Doch er habe „nicht vor allen Opfern gekniet“.

Brandt „hätte auch das Gedenken an die übrigen Polen ehren sollen, vor einem anderen Denkmal, das dem Kampf um die Unabhängigkeit Polens galt (...) Das kam Brandt nicht in den Sinn.“ Der „ehrliche Mensch“ Willy Brandt habe zu sehr in den Kategorien Faschismus-Antifaschismus gedacht. Eine besondere Erinnerung an den Kniefall hatte Marek Edelman, einst Kommandeur des Aufstands im Getto: „Das war erschütternd. Brandt hat gezeigt, wie das deutsche Volk nach seinem Willen sein sollte. Eine große Sache.“ Edelman hatte, wie er kurz vor seinem Tod erzählte, über einen deutschen Diplomaten die Verabredung getroffen, 1970 in Warschau als Privatperson zu Brandt vorgelassen zu werden. Doch einige „Aufpasser“ wiesen ihn ab: Sie hätten keine Weisung, ihn durchzulassen.

Aktuell erschienen sind: „Durfte Brandt knien?“ (Hg. A. Behrens), „Nie mehr eine Politik über Polen hinweg“ (Hg. F. Boll, K. Ruchniewicz) und „Denkmalsturz? Brandts Kniefall“ (M. Wolffsohn, T. Brechenmacher).

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