Urplötzlich ist die Ordnung dahin. Eben noch standen die Zuschauer in geraden Linien am Denkmal für die Helden des Ghetto-Aufstands in Warschau und betrachteten fröstelnd und ohne große Erwartung Bundeskanzler Willy Brandt, der auf das Denkmal zuschritt. Sie sahen, wie er an diesem 7. Dezember 1970 die Schleifen des Kranzes zurechtrückte und einige Schritte zurücktrat. Ein normaler Protokolltermin, so scheint es. Sekunden später geraten die Zuschauer in Bewegung. Fotografen schubsen sich beiseite; Menschen, denen die Sicht genommen ist, fragen ihre Vorderleute: „Was ist denn los?“ Die Antwort klingt unglaublich: „Er kniet.“
Der Kniefall des deutschen Regierungschefs gehört bis heute zu den bewegendsten und bekanntesten Fotos der Nachkriegsgeschichte. Es ist in Schulbüchern gedruckt worden, fast keine Dokumentation über die Ostpolitik kommt ohne das Motiv aus. Bis heute ist aber umstritten, ob Brandts Geste spontan war oder doch gründlich überlegt. Ebenfalls unklar ist, an wen sie sich, so sie denn inszeniert gewesen sein sollte, richtete.
Ein Signal an Israel und die Juden
Der Münchner Zeithistoriker Michael Wolffsohn interpretiert den Kniefall entgegen üblichen Deutungen. Die Geste habe nicht vorrangig den Polen gegolten, sonst hätte Brandt sich eher am Denkmal für den unbekannten Soldaten hingekniet, wo er kurz zuvor ebenfalls einen Kranz niedergelegt hatte. Überhaupt stehe die Geste weniger im Kontext der Ostpolitik der sozialliberalen Koalition. Vielmehr habe es sich um ein Signal an Israel und die Juden in aller Welt gehandelt, welche die Unterstützung Bonns für die Verteidigung ihres Existenzrechts im damals aktuellen Nahost-Konflikt ausdrücken sollte. Seit dem Antritt der SPD-FDP-Koalition war es zu Irritationen gekommen, unter anderem, weil Brandt in seiner Regierungserklärung den Staat Israel nicht erwähnt hatte.
Kurz vor dem 40. Jahrestag der Geste diskutierten jetzt auf Einladung der „Welt“-Gruppe und der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft im Axel-Springer-Haus in Berlin Zeitzeugen, Historiker und Diplomaten, ob diese neue Deutung die Rätsel um den Kniefall lüftet. Es ging auch um Inszenierungen in der Politik. Am 7. Dezember selbst wird Bundespräsident Christian Wulff in Warschau an die Geste Brandts und an den Warschauer Vertrag erinnern, mit dem die Bundesrepublik die Unveränderlichkeit der Nachkriegsgrenzen bekräftigte und ein neues Verhältnis zu den Staaten Ostmitteleuropas möglich machte.
Für Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, der in den frühen Siebzigerjahren gegen die Mehrheit in der CDU für die Ostpolitik Brandts eintrat, lenkt Wolffsohns These ab: „Die zentrale Frage war der Umgang mit den ehemaligen Kriegsgegnern im Osten.“ Für ihn prägte der Kniefall den Besuch in Warschau mehr als die Unterschrift unter den Vertrag. Weizsäcker fragt sich bis heute, ob Brandt die Lenkungswirkung seiner Geste bewusst war.
Zu den Vertrauten Brandts gehörte seinerzeit der Journalist Klaus Harpprecht. Für ihn ist klar, dass der Bundeskanzler zwar wusste, dass bei dem schwierigen Besuch „etwas Besonderes“ geschehen müsse. Jedoch sei der Kniefall nicht inszeniert oder vorgeplant gewesen, sondern eine Folge seines Bewusstseins für die Situation. Auch der Historiker Arnulf Baring ist sich sicher: Überlegungen zu den deutsch-israelischen Beziehungen hätten keine Rolle gespielt.
Ohnehin sei es weniger bedeutend, aus welchen Motiven heraus Brandt gekniet habe, sagte der französische Historiker und Experte für Gedenkpolitik, Etienne François: „Entscheidend sind die damalige Wahrnehmung und die Wirkung der Geste bis heute.“ Viele Politiker, die sich an Symbolpolitik versuchen, würden gern eine solche Resonanz wie Brandt erreichen – aber gerade wenn eine symbolische Handlung inszeniert werde, fehle es ihr häufig an Wahrhaftigkeit. „Brandts Geste wirkte, weil sie so unvorstellbar war.“ Langfristig erwies sich der Kniefall als wichtig, weil er mehr als nur eine Geste war, sondern im Kontext einer neuen Politik der Aussöhnung stand und unterschiedlich verstanden werden konnte. Als Geste der Demut oder des Respekts, als Abschluss mit der Vergangenheit oder Aufbruch.
Deutsche hielten Kniefall für übertrieben
Viele Bundesdeutsche konnte mit dem Kniefall zunächst wenig anfangen. Auf die Frage des „Spiegels“, „Durfte Brandt knien?“, antworteten damals 48 Prozent, sie hielten die Geste für übertrieben. „Für Polen war die Geste einfach zu decodieren“, befand der polnische Botschafter in Berlin, Marek Prawda: „Brandt hat uns auf ein anderes Deutschland aufmerksam gemacht.“ Für den Publizisten Adam Krzeminski, der als Journalist die Ereignisse 1970 verfolgte, leitete der Kniefall „eine neue Zeitrechnung“ ein: „Er galt allen Opfer des Nationalsozialismus – und das am Tag, an dem Brandt mit seiner Unterschrift unter den Vertrag ein Viertel Deutschlands aufgab.“
Bis dahin hatten die Ablehnung der Oder-Neiße-Grenze in der Bundesrepublik und das Festhalten an den ehemaligen Ostgebieten die Polen mit „Angst und Hass“ erfüllt. Dieses Misstrauen prägte auch die Atmosphäre beim ersten Besuch eines Kanzlers seit Adolf Hitler. Der damalige polnische Dolmetscher Brandts, Mieczyslaw Tomala, erinnerte daran, wie frostig die Stimmung war. Abseits der Tischreden habe man kaum Worte füreinander gefunden. Die Vergangenheit überlagerte zu sehr die Annäherung.
In Deutschland erregte 1970 der Vertragsabschluss die Gemüter. Schlagworte wie „Gebietsabtretungsvertrag“ oder „Verhökern des Rechts auf Heimat“ dominierten bei der Opposition. Das färbte auf den Kniefall ab. Peter Gauweiler, damals Referent von CSU-Generalsekretär Max Streibl und inzwischen Bundestagsabgeordneter: „Für uns fand der Kniefall in einem Land des Warschauer Paktes statt, vor Soldaten einer Armee, die zwei Jahre zuvor mit der Sowjetunion in Prag einmarschiert waren.“
Heute hält Gauweiler Brandts Geste jedoch für „eines der wichtigsten Bilder der westdeutschen Erfolgsgeschichte, ohne das die Einheit 1990 kaum vorstellbar wäre“. Nach dem Sturz des Kommunismus 1989/90 brauchte es noch einige Zeit, bis die Geste im kollektiven Bewusstsein verankert wurde. Für den SPD-Politiker Karsten Voigt ist sie das seltene Beispiel für das Zusammenwachsen deutscher und polnischer Geschichtsbilder zur „transnationalen Erinnerungskultur“.
Willy Brandt selbst sprach nur selten über die Motive, die ihn zum Knien brachten. Thomas Schmid, Herausgeber der „Welt“ und Gastgeber des Kolloquiums, zitierte aus den Memoiren des Kanzlers: „Am Abgrund der deutschen Geschichte und der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“




