Russland

Diktator Stalin wird wieder als Held verehrt

| Lesedauer: 4 Minuten

Foto: dpa

Zum 65. Jahrestag des Sieges über Hitlerdeutschland sollen Plakate mit dem Diktator Stalin an den "Vater aller Völker" erinnern. Menschenrechtler kündigen Widerstand an: Sie wollen an die Millionen Stalin-Opfer und das daraus resultierende Leid erinnern. Premier Putin hingegen findet diese Betrachtung "einseitig".

Der Diktator Josef Stalin kehrt in die Straßen der russischen Hauptstadt zurück. Zum bevorstehenden 65. Jahrestag des Sieges über Hitlerdeutschland, der am 9. Mai begangen wird, will die Stadtverwaltung Werbeflächen mit Porträts des „Vaters aller Völker“ und Schlächters von Millionen Sowjetbürgern zieren lassen.

„Auf Bitten zahlreicher Kriegsveteranenorganisationen“, wie es in bestem sowjetischen Stil hieß, soll so an die Rolle Stalins als Oberkommandierender der sowjetischen Streitkräfte im Großen Vaterländischen Krieg und seinen herausragenden Anteil an der Zerschlagung des Faschismus erinnert werden.

Die Billboards werden dort aufgestellt, wo sich die Veteranen des Krieges üblicherweise am Tag des Sieges Treffen, um der gefallenen Kameraden zu gedenken: an der Gedenkstätte Poklonnaja Gora, dem Manegen-Platz, auf dem Gogol-Boulevard, im Sokolniki-Park und auf den Sperlingsbergen.

Der Inhalt der Stalin-Werbung, so teilte der für die Aktion zuständige Leiter des Moskauer Werbekomitees, Wladimir Makarow, mit, werde entweder mit dem militär-historischen Institut des Verteidigungsministeriums oder dem zentralen Museum des Großen Vaterländischen Krieges, ebenfalls in der Hand der Militärs, abgestimmt.

Damit liegt es in der Hand der Generäle, wie Russlands Geschichte interpretiert wird. Die berühmte Rede Chruschtschows auf dem 20. Parteitag der KPdSU im Jahr 1956, in der der Parteichef feststellte, der Krieg sei nicht wegen Stalin, sondern trotz seiner Fehler gewonnen worden, ist weitgehend vergessen.

Gennadi Sjuganow, Chef der russischen Kommunistischen Partei und politischer Enkel des Diktators, freute sich bereits über die „unzweifelhaft richtige, aber auch mutige“ Entscheidung. Sollte sie realisiert werden, werde erstmals seit 20 Jahren wieder daran erinnert, dass der Sieg unter Stalins Führung errungen worden sei.

Russische Menschen- und Bürgerrechtler wie Ljudmila Alexejewa und Lew Ponomarjow haben Widerstand angekündigt. Sie sehen in Aktionen wie dieser den Versuch, den Diktator und sein Gewaltregime zu rehabilitieren. „Stalin ist ein Krimineller und es ist eine Schande, für sein Regime zu werben, das Millionen Menschen ermordet hat”, sagte Alexejewa.

Selbst den Fraktionschef der Putin-Partei Geeintes Russland beschlichen Zweifel. Boris Gryslow nannte den Plan “falsch”, denn Poster könnten “die dubiose Rolle Stalins im Leben unseres Landes nicht ändern”, wird er von der Agentur RIA Nowosti zitiert.

Bereits im vergangenen Jahr war es zu einem Skandal gekommen, als in der Metrostation Kurskaja wieder eine Stalin-Büste aufgestellt wurde. Moskaus Stadtarchitekt Alexander Kusmin feuerte die Aufregung weiter an, indem er behauptete, man habe die „historische Gerechtigkeit“ wieder herstellen wollen. Dabei wurde in dem ebenfalls wieder angebrachten Jubelvers zwar der Name Stalins genannt, nicht aber, wie in der Urfassung, auch der Name Lenins. Der wurde erst später ergänzt.

Russland hat erhebliche Probleme mit seiner eigenen Vergangenheit, von der russischen kanonisierten Fassung abweichende Betrachtungsweisen werden als Angriff auf die Substanz des Staates aufgefasst. Insbesondere die Weigerung der baltischen Staaten, Polens und der Westukraine, die Vertreibung der deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg als Befreiung zu sehen, verärgert die russische Führung zutiefst.

Man wolle die Ergebnisse des Krieges korrigieren, lautet der unsinnige Vorwurf. Niemand stellt den Sieg über Hitlers Deutschland infrage, nur können viele die darauf folgende sowjetische Besatzung nicht als Befreiung empfinden. Für Moskau ein Sakrileg, dem mit einer Geschichtskommission und dem Gesetz über das Verbot der Geschichtsfälschung zum Schaden der Russischen Föderation begegnet werden soll.

In der Beurteilung dieser für die meisten Russen angesichts der großen Opferzahlen sehr schmerzlich jüngeren Vergangenheit zeigten sich Rissen im russischen Führungstandem. Premier Wladimir Putin wandte sich gegen die angeblich einseitige Betrachtungsweise der Rolle Stalins, denn „wir haben den Großen Vaterländischen Krieg gewonnen“.

Präsident Dmitri Medwedjew dagegen verwies auf die Toten der stalinschen Industrialisierung und erklärte, kein wie auch immer geartetes Argument rechtfertige menschliche Opfer.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos
Beschreibung anzeigen