Moskau

Russlands brutale Staatswillkür gegen die Bürger

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Foto: AFP

Trotz Gewohnheitsrecht der Anwohner und noch anhängigen Gerichtsverfahren wird die Moskauer Datschensiedlung Retschnik nach und nach abgerissen. Verzweifelt versuchen Bewohner, die Zerstörung ihrer Häuser zu stoppen. Ein Lehrstück darüber, wer die wahre Macht besitzt.

Sie rücken nachts an oder am frühen Morgen. Miliz, Gerichtsvollzieher in ihren schwarzen Kampfanzügen und mit schwarzen Helmen, begleitet von Bulldozern und reichlich Geheimdienst in Zivil sind aufgeboten, um angeblich dem Recht zum Triumph zu verhelfen. Im Scheinwerferlicht werden die ersten Häuser in der Moskauer Siedlung „Retschnik“ dem Erdboden gleichgemacht, der schwache Widerstand wird unterdrückt. Für Iwan Starikow, den ehemaligen Abgeordneten des Föderationsrates, besteht kein Zweifel: „Vor unseren Augen spielt sich ein ungeheuerlicher Akt des staatlichen Terrorismus und Vandalismus ab.“

Der Besuch der Siedlung, im Moskauer Westen an einer Moskwa-Krümmung gelegen, erweist sich als nicht ganz einfach. Die Miliz hat die Zufahrt gesperrt. Fahrzeuge werden angehalten. Die knapp drei Kilometer müssen zu Fuß bewältigt werden. Der 91-jährige Filip Zyglakow, ein Einwohner von „Retschnik“, kräht mit Altmännerstimme vor Vergnügen. Was, der Journalist kommt aus Deutschland? „Dann sind wir ja Landsleute!“ Auf die Frage, wie das zu verstehen sei, erzählt er vergnügt, „na, ich war doch im Krieg einen Monat in eurer Gefangenschaft“.

Der Alte, den hier alle Djed (Großvater) Fjodor nennen, ist ein Spaßvogel, obwohl die Situation wenig Anlass für Fröhlichkeit bietet. Selbst die 20 Grad Frost haben ihn nicht im Haus gehalten. Eingemummt in eine dicke Steppjacke, die Schapka auf dem Kopf und Walenki, die praktischen Filzstiefel, an den Füßen, ist er auf eisglatten Wegen zu der Ruine getrippelt, die einmal ein Fertighaus war. Schließlich muss man wissen, was für ein Ungemach droht. „Das Abrisskommando kam morgens um acht“, erzählt ein Nachbar, der ebenfalls um seinen Besitz fürchtet. „Die Hausherrin war nicht da, aber das hinderte die nicht, ein paar persönliche Sachen hier draußen in die Ecke zu werfen und das Haus abzureißen.“

Die Datschensiedlung „Retschnik“, in der Djed Fjodor seit mehr als 50 Jahren lebt, steht vor ihrem Ende. Ein heißes Thema in diesen frostigen Tagen in Moskau. Selbst das Staatsfernsehen, sonst eher auf Hochglanz poliert, zeigt allabendlich schaurige Bilder von nächtlichen Abrissaktionen. 17 der insgesamt etwa 50 Häuser hat es schon erwischt, scheinbar wahllos herausgepickt. Weitere 20 sollen demnächst folgen. Djed Fjodor versteht die Welt nicht mehr. „Warum das alles? Es gehört doch uns.“ Tatsächlich wurde die Genossenschaft „Retschnik“ (Der Flussschiffer) 1957 gegründet. Die Mitarbeiter des Moskwa-Kanals, in den 30er-Jahren als Verbindung zur Wolga ausgeschachtet, bekamen kleine Grundstücke „zur unbefristeten Nutzung“ zugewiesen.

„Meine Frau arbeitete damals beim Kanal, ich im Rüstungsbetrieb von Suchoi. Sie verteilten dieses Stück Sand, so nannten wir das damals, damit das Volk weniger säuft und mehr arbeitet. Es war nur Schwemmsand, die Muttererde schleppten wir in den folgenden Jahren eimerweise heran.“ Erlaubt waren Obstgärten, später auch kleine Häuschen. „Als die Bäume größer wurden, habe ich etwas angebaut. Als die Demokraten kamen, noch etwas mehr. Aber schau dir an, was die sogenannten Geschäftsleute sich hingebaut haben!“ Neid schwingt mit in den Worten des Alteingesessenen, wobei sich die geschmackvollen Holzhäuser der Wohlhabenden gegenüber dem Prunk an der Millionärsmeile Rubljowka bescheiden ausnehmen.

Doch es geht nicht um große Villen oder kleine Häuschen, es geht um Besitz und Macht. Beides wird von der russischen Bürokratie aus uralter Gewohnheit als ihre Domäne angesehen. Dagegen berufen sich die Alteingesessenen auf ihr Gewohnheitsrecht, das nach 50 Jahren tatsächlich gelten müsste. Die Jüngeren berufen sich auf Erbschaft und Verwandtschaft, auf Papiere, Gerichtsentscheide und Gegenentscheide. Seit 2006, als der Moskauer Bürgermeister die Siedlung zum Teil einer Naturschutzzone gemacht hat, streiten sie mit den Behörden. Der Abriss begann, obwohl noch Klagen der Bewohner bei den Gerichten anhängig sind.

Einer der Aktivisten ist Alexander Nawrotski, ehemaliger Hauptmann der Sowjetarmee. Er trägt seine alte Uniform nur heute, weil ein Fotograf das so wollte. Sie ist bestückt mit den Medaillen, die ihm während seiner Dienstzeit verliehen worden waren. Viel wichtiger ist ihm aber ein schlichtes silbernes Abzeichen, das er erhalten hat, lange nachdem er im Frühjahr 1991 den Dienst quittiert hatte – „und die Parteimitgliedschaft gleich mit“, wie er nachdrücklich anmerkt. Es ist die Medaille für die, die im August 1991 das Weiße Haus in Moskau und den damaligen Präsidenten Boris Jelzin gegen Putschisten verteidigt haben. Ein wenig fühlt er sich heute wieder so wie damals, als sie mit dem Rücken zur Wand standen und nicht wussten, wie es ausgehen wird.

In seinem geräumigen, zweistöckigen Blockhaus, in dem überall Heiligenbilder und Ikonen hängen, geht es zu wie in einem Frontstab. Leute kommen und gehen, es wird telefoniert und diskutiert. In den Sesseln lümmeln sich junge Mitglieder der Linken Front. Rechtsradikale lassen sich hier nicht sehen, sie haben sich am Ortsrand im provisorisch eingerichteten Pressezentrum niedergelassen. Sie alle wollen die Siedlung vor der Behördenwillkür schützen, sagen sie. Wahrscheinlicher ist, dass sie die Gelegenheit nutzen wollen, um auf sich aufmerksam zu machen.

Alexej Artjomenko kommt herein, der Vorsitzende der Genossenschaft. Auch sein Haus ist bedroht. Er hat einen offenen Brief der Genossenschaftsmitglieder an Präsident Dmitri Medwedjew verfasst. Darin erinnern die Bewohner den Staatschef an seine Funktion als Garant der Verfassung, die die Rechte und Freiheiten der Bürger schütze, und bitten dringend um Hilfe. Er möge den Abriss stoppen, bis alle Rechtsmittel ausgeschöpft sind, „einschließlich des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte“. Er endet mit dem Aufschrei: „Herrgott, verlass uns nicht in dieser schweren Stunde!“

Auf die Frage, ob es denn stimme, dass die „Retschnik“-Bewohner die USA um Hilfe bitten wollen, wie russische Medien berichtet haben, reagiert er verärgert. „Das ist eine Provokation. Wir vertrauen auf unsere eigene Staatsmacht“, sagt er grimmig. Um etwas später zuzugeben, dass er sehr wohl mit dem Gedanken spiele, sich an die deutsche Bundeskanzlerin zu wenden. „Vielleicht sollte ich nach Deutschland umsiedeln?“ Seine älteste Tochter hat in England studiert, dort lebe sie jetzt auch. Zeitweilig sei es ihm nach dem Ausscheiden aus der Armee und einem Zwischenspiel als Taxifahrer sehr gut gegangen. Nawrotski war im Immobiliengeschäft, „ich war sogar mal Millionär, aber auf die Höhen folgten immer wieder Tiefen“.

Jetzt scheint Nawrotski in einer dieser Tiefen zu stecken. Das Haus ist das Letzte, was ihm geblieben sei, versichert er. Eine andere Bleibe gebe es für ihn nicht. „Wenn sie mein Haus abreißen wollen, ziehe ich mir die Uniform wieder an und verbrenne mich selbst, anders weiß ich mir dann auch nicht mehr zu helfen.“ Zumindest in dem Moment glaubt der Ex-Offizier zutiefst an das, was er sagt. „Tja“, seufzt er und fährt fort, „ihr Deutschen habt euch vom Faschismus befreit, wir haben ihn jetzt in Russland.“

Einer plötzlichen Eingebung folgend, setzt er sich nachdenklich an ein kleines Schreibpult und verfasst so etwas wie einen Nachruf. Zügig gleitet der Stift über das Papier: Sollte er zu Tode kommen – in Klammern fügt er das Wort „Selbstverbrennung“ ein – möge man die Verantwortung bei Bürgermeister Juri Luschkow und seinen Staatsbediensteten suchen.

Inzwischen hat der Vorsitzende des Moskauer Stadtparlaments, Wladimir Platonow, gegenüber der Zeitung „Komsomolskaja Prawda“ die Katze aus dem Sack gelassen. Egal, ob die Genossenschaftler Baugenehmigungen haben oder nicht, selbst wenn sie alle notwendigen Papiere beieinander haben, würden ihre Häuser abgerissen. Weil, und das drückt die wahren Rechts- und Machtverhältnisse im heutigen Russland aus, „das Dorf zur Liquidierung vorgesehen ist“.

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