Liebe Leserin, lieber Leser,

an diesem Wochenende fange ich mal mit einer richtig guten Nachricht an: Wir haben wieder einen echten Tennis-Star. Alexander Zverev hat es auf den ersten Platz auf der Weltrangliste geschafft. Das katapultiert mich Jahrzehnte zurück, als Boris Becker und Steffi Graf für einen regelrechten Tennis-Hype sorgten. Ich war ein Fan, liebte es, stundenlang den Duellen im Fernsehen zuzuschauen. So wie sich heute Teenies für einen gemeinsamen „The Voice“-Abend verabreden, so versammelten wir uns als Clique auf dem Sofa, um jede Geste, jeden Kampf, jeden Sprung und jeden Ballverlust von unseren deutschen Idolen zu diskutieren.

Tennis: ATP tour 2026 - Vienna Open: Day 3
Nach seinem Ass, das ihn an die Weltspitze brachte: Alexander Zverev jubelt in der Wiener Stadthalle.© AFP | Helmut Fohringer

Inzwischen braucht man einen bezahlten Zugang, wenn man live dabei sein will. Ansonsten findet nur noch Fußball frei zugänglich statt. Meine Streaming-Pakete reichen jedenfalls nicht – und ganz ehrlich: Ich habe auch nicht mehr die Muße, mir ein Spiel in voller Länge reinzuziehen. Aber ich habe gelesen. Zum Beispiel, wie das Spiel gegen den Niederländer Tallon Griekspoor lief, das Zverev auf den Spitzenplatz hievte. Und die Boulevardpresse thematisiert das Verhältnis zwischen Alexander Zverev und Boris Becker. Das Idol meiner Jugend soll dem 29-jährigen Zverev ungefragt Tipps geben und auch mal rummeckern. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum Becker in den Suchanfragen zunächst mehr trendete als Alexander Zverev.

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Der beste Tennisspieler der Welt scheint jedenfalls genervt zu sein von den guten Ratschlägen. Verständlich, finde ich, denn wer hört sich schon gerne solche Tipps an, vor allem wenn man gerade so richtig auf der Erfolgswelle schwimmt. Das ist wohl der Klassiker: Die Jugend pfeift gerne auf die Erfahrung der Älteren. Warum auch nicht, sie sollen schließlich ihre eigenen Fehler machen und selbst für sich daraus die Konsequenzen ziehen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Grund genug, unzufrieden zu sein, haben die Jungen derzeit auf jeden Fall. Das Klima ist im Eimer, was wohl ihr Leben und das ihrer Kinder erheblich beeinflussen wird. Günstige Wohnungen sind kaum zu mieten und wer nicht nennenswert erbt, hat kaum Chancen, über einen normalen Job ein Eigenkapital aufzubauen, das hoch genug ist, um einen Kredit für den Immobilienkauf zu bekommen. Hinzu kommen die globalen Kriege und Krisen, und damit rückt auch eine Wehrpflicht näher.

Festnahme nach Brandstiftung im Rathaus von Limoges
Im französischen Limoges zündeten Randalierer das historische Rathaus an.© Pascal Lachenaud/AFP/dpa | PASCAL LACHENAUD

Die Jugend geht auf die Straße. Dazu hat sie auch allen Grund

Die Bundesregierung kümmert sich bei den Reformen vor allem um Themen der Alten (Rente, Pflege), während die Finanzierung eines Bildungssystems, das wenigstens ansatzweise geeignet ist, um das Aufstiegsversprechen zu erfüllen, kaum eine Debatte wert ist. Die Folge: Nie war es so schwer, als Arbeiterkind die Laufbahn eines Akademikers einzuschlagen, wie heute. Denn wenn das Elternhaus nicht helfen kann, bleiben Ambitionen in unserem Schul- und Unibetrieb schnell auf der Strecke. Mein Kollege Daniel Weidmann, gerade noch Generation Z, fühlt sich von diesem Politikbetrieb jedenfalls „gedemütigt“, schreibt er in seinem Kommentar zur Jugendbewegung, die überall in Europa auf die Straße geht.

Solange es friedlich bleibe, sei der Protest gerechtfertigt. Leider ist das alles andere als selbstverständlich, das haben die Ausschreitungen der vergangenen Woche in Frankreich und Italien gezeigt: Dort wurden die berechtigten Anliegen der Schülerinnen und Schüler sowie der Studierenden teilweise gekapert von Extremisten und Plünderern, die sich über die sozialen Medien angestachelt haben.  

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Birgitta Stauber, Textchefin© Montage | FMG/Reto Klar/FFS

Ähnliches drohte für diesen Samstag auch in Deutschland. „Gen Z regelt“ hieß der Aufruf zu Halloween. Wer dahintersteckt? Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Albrecht Kaiser hat versucht, hinter die Kulissen zu blicken. Existiert der angebliche Initiator wirklich? Stecken auch Linksextremisten hinter dem Aufruf? In der vergangenen Woche wurden die Zweifel immer größer, und zahlreiche Gruppen, die eigentlich auf die Straße gehen wollten, haben sich distanziert. So war zunächst weniger los als erwartet. Doch am Abend eskalierte die Stimmung dann doch in Köln, Hamburg, Berlin oder Frankfurt, weil vermummte Chaoten unterwegs waren, die Straßenblockaden errichteten, Bengalos zündeten und Steine warfen.

In Serbien sorgte die Jugendbewegung für einen Regierungswechsel

Ich meine, es ist dringend Zeit, sich den Problemen, mit denen sich junge Leute derzeit herumschlagen, zu stellen. Sie haben ihr Leben vor sich und sie machen sich Sorgen. Und ihre Proteste haben Kraft: In Serbien waren es die Jungen, die so lange gegen Machthaber Aleksandar Vučić und seine korrupten Machenschaften demonstrierten, bis sich auch ältere Bevölkerungsgruppen anschlossen. Die Hintergründe dazu und die Folgen für die Europäische Union hat Thorsten Knuf zusammengefasst.

Vorgezogene Parlamentswahl in Serbien
Menschen feiern, nachdem der Vorsitzende der rechtsgerichteten Serbischen Fortschrittspartei (SNS), Vučić, seine Niederlage bei der Parlamentswahl eingestanden hat.© Armin Durgut/AP/dpa | Armin Durgut

Ihre Studentenliste war so stark, dass sie bei den Wahlen am vergangenen Wochenende klar als Wahlsieger hervorging. Auch im Iran gehen die Proteste gegen die Mullahs vor allem von den Jungen aus, weil sie sich nicht länger von den Regeln eines Gottesstaates einschränken lassen wollen.

Selbst Donald Trump muss sich Sorgen machen: Vor zwei Jahren verdankte er seinen Wahlsieg auch der jungen Generation. Doch damit könnte bei den Zwischenwahlen Schluss sein: Ihm laufen die jungen Leute davon, übrigens aus ähnlichen Gründen, die in Europa Schüler und Studierende auf die Straße treiben: Die Preise sind zu hoch, die Mieten unerschwinglich, das Leben in Wohlstand, das noch die Eltern führen, ist nicht mehr sicher.

Donald Trump: So schmutzig ist sein Wahlkampf

Ich frage mich ohnehin, wie man überhaupt auf die Idee kommen kann, jemanden wie Donald Trump zum wichtigsten Mann der Welt zu wählen. Denn wie kann man vor jemandem Respekt haben, der selbst vor nichts Respekt hat? Der alles und jeden mit äußerster Brutalität und primitiver Wortwahl in den Schmutz zieht, sobald sein schlichtes Weltbild nicht konform geht.

Donald Trump liebt die deftige Wortwahl.
Donald Trump liebt die deftige Wortwahl.© AP/dpa | Matt Burkhartt

Dirk Hautkapp berichtet täglich über den Irrsinn dieses atemberaubenden Wahlkampfes vor den Midterms. Aber was er über die Methoden des amtierenden US-Präsidenten zusammengetragen hat, erschüttert mich. Es ist eine Mischung aus Lügen, Schimpftiraden und KI-generiertem Wahnsinn, alles voller Hass und Pöbeleien, mit der er und seine Leute auf Stimmenfang gehen, um die Mehrheit im Kongress zu verteidigen. Besonders niederträchtig ist der Fall des republikanischen Kandidaten in Ohio. Um seine Kontrahentin in den Schmutz zu ziehen, zeigt er in einem Werbespot ein Video ihrer Mutter, die ihre Tochter als Lügnerin darstellt. Was daran perfide ist: Die Tochter und demokratische Kandidatin wurde von ihrem Stiefvater missbraucht, die Mutter stellte sich im Prozess auf die Seite ihres Mannes – gegen die eigene Tochter.

Dschingis Khan in Berlin und Leslie Mandoki im Interview

Ganz anderes Thema: Ich wechsle zur Kultur, genauer, zu einer Ausstellung, für die der mongolische Staatspräsident nach Berlin kam: Die James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel präsentiert das Erbe Dschingis Khans und der Mongolen. Der Herrscher ist uns näher, als mir bewusst war: Seine Nachfolger führten die Mongolen bis nach Schlesien. Sie schufen das größte zusammenhängende Landreich der Geschichte. Ganz klar, der Besuch der Ausstellung steht ganz oben auf meiner Liste an diesem Wochenende.

Dschingis Khan und die Welt der Mongolen
„Dschingis Khan und die Welt der Mongolen“: Ausstellung in der James-Simon-Galerie Berlin.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Ein wenig banal ist, dass mir nun immerzu der Refrain „Dsching-, Dsching-, Dschingis Khan“ nicht aus dem Kopf geht. „He, Reiter, ho, Leute, he, Reiter, immer weiter.“ Die Älteren unter Ihnen erinnern sich: Der Song „Dschingis Khan“ war 1979 ein internationaler Hit, die gleichnamige Band trat damals beim Eurovision Song Contest auf und erreichte Platz vier. Das Gesicht der Band war Leslie Mandoki, ein junger Mann, der vier Jahre zuvor aus der damaligen kommunistischen Volksrepublik Ungarn geflohen war. Nach dieser ersten Karriere brachte Mandoki Pop- und Jazz-Legenden zusammen (Mandoki Soulmates), er produzierte Alben für Phil Collins, Lionel Richie oder Peter Maffay. Nun ist er 73 und hat seine Flucht zum Projekt gemacht: Mit dem Buch „Sehnsucht nach Freiheit“, einem Dokumentarfilm und auch noch einer Konzertreihe. Petra Koruhn sprach mit ihm über dieses Projekt, seine Auftritte, die Verantwortung der Generationen. Für die Politik wünscht er sich den „richtig großen Wurf“. Und die Fähigkeiten, Mehrheiten zu finden und sich dafür begeistern zu lassen.

Leslie Mandoki
Trägt immer noch lange Haare und Schnauzer: Leslie Mandoki.© Red Rock Production | RRP

Ja, da spricht mir Leslie Mandoki richtig aus der Seele. Ich fürchte nur, wir sind davon ziemlich weit entfernt. Es wäre ja schon ein Lichtblick, wenn die Zukunft der Jugend stärker in den Blick gerät. Damit es erst gar nicht so weit kommt, dass Extremisten den Unmut der Generation Z kapern für ihre kriminellen Aktionen.

Ob Sie sich nach Halloween ausschlafen oder am Allerheiligen-Tag Lichter auf den Gräbern Ihrer Angehörigen besuchen: Ich wünsche Ihnen einen geruhsamen 1. November.

Ihre Birgitta Stauber