Die Attacke aus der Wolfsburger VW-Zentrale auf das Tarifwerk beim Autobauer ließ die Börse am Tag danach kalt. Sowohl die Volkswagen-Stamm- als auch die -Vorzugsaktien setzten ihre Talfahrt fort und notieren inzwischen unter der Marke von 70 Euro. Eine beispiellose Kapitalvernichtung aus Sicht der Aktionäre, die zunehmend das Vertrauen in VW verlieren. Nun soll es aber auch den VW-Beschäftigten erneut ans Portemonnaie gehen. Nichts anderes steckt hinter der Kündigung von zehn Tarifverträgen durch das Unternehmen. Volkswagen droht dadurch ein „echter“ Streik, der sich von den sonst zur Tariffolklore gehörenden Warnstreiks deutlich unterscheiden würde. Das wäre ein weiteres Novum in der jüngsten Kette von Tabubrüchen.
Viele Einschnitte bei VW seit 2024
Deren erstes Glied stammt aus dem Herbst 2024, als die Volkswagen AG die bis dahin geltende Beschäftigungssicherung gekündigt hat. So etwas hatte es in Wolfsburg noch nicht gegeben. Zur Volkswagen AG gehören die Marken VW und VW-Nutzfahrzeuge, die Komponentenfertigung sowie ein kleinerer Anteil sogenannter Konzernstellen. Was bis Ende 2024 folgte, war eine bis dahin vergleichsweise harte Tarifrunde, in der das Unternehmen viele seiner Ziele durchsetzte.
Auch interessant
Dazu gehört der Abbau von 35.000 Arbeitsplätzen bei der Volkswagen AG in Deutschland bis 2030 – konzernweit sind es sogar 50.000 Stellen. Dazu gehören ferner finanzielle Einschnitte für die Beschäftigten, darunter fällt eine ausgesetzte Entgelterhöhung. Eine weitere Vereinbarung aus 2024: Bei VW wird derzeit ein neues Entgeltsystem verhandelt, das die Personalkosten um 6 Prozent senken soll.
Großer Gesprächsbedarf bei VW
Obwohl diese Vereinbarung noch nicht einmal zwei Jahre alt ist, gibt es in diesen Tagen großen Gesprächsbedarf – von der IG Metall und von Volkswagen. Beide drängten auf ein im 2024er Tarifvertrag vorgesehenes Überprüfungsgespräch, das am Mittwoch geführt wurde und fortgesetzt werden soll. VW will Nachbesserungen; die Gewerkschaft pocht auf das Einhalten von Investitions- und Produktzusagen für die deutschen Werke und wittert Vertragsbruch.

Donnerstag
Wirtschaft in Berlin
Abonnieren Sie kostenlos den Wirtschafts-Newsletter der Berliner Morgenpost
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Zum Auftakt dieser Gespräche kündigte VW zehn Tarifverträge, darunter den Manteltarifvertrag, in dem Arbeitszeit und Urlaubsanspruch geregelt sind. Unangetastet blieb dagegen bisher der 2024 vereinbarte Tarifvertrag, der den Arbeitsplatzabbau regelt und die 2024 erneuerte Beschäftigungssicherung bis Ende 2030 vorsieht. Das Unternehmen will also auf breiter Front Veränderungen im Tarifwerk, drängt quasi auf eine Reform des „Sozialstaats“ VW.
VW-Chef Blume will weniger Urlaub und eine längere Wochenarbeitszeit
Zur Disposition stehen nun unter anderem eine tarifliche Zulage von 167 Euro monatlich und eine tarifliche Zusatzvergütung. Die lässt den Beschäftigten die Wahl zwischen sechs zusätzlichen freien Tagen oder einer einmal im Jahr fälligen Extrazahlung. Wohin die Reise auch noch gehen soll, deutete recht konkret VW-Konzernchef Oliver Blume im Podcast mit Gabor Steingart an: weniger Urlaub und eine Erhöhung der wöchentlichen Arbeitszeit ohne Lohnausgleich. Zudem will der Konzern weltweit weitere 50.000 Arbeitsplätze streichen, die Hälfte davon in Deutschland.
Das Unternehmen begründet diesen Schritt mit dem massiven Wandel seit Ende 2024. Genannt werden US-Zölle, das schwache Chinageschäft, der weltweite Angriff chinesischer Autobauer und unter anderem die Tatsache, dass sich mit E-Autos längst noch nicht so gut verdienen lässt wie mit Verbrennern. Ein weiterer Aspekt bleibt unerwähnt: die Renditeerwartungen der Familien Porsche und Piëch als VW‑Großaktionäre. Über die Porsche-Holding SE halten sie die Mehrheit der stimmberechtigten VW-Stammaktien. Sie drückt noch eine Milliarden-Schuldenlast aus der Übernahme eines Aktienpakets des Sportwagenbauers Porsche, und die will abbezahlt werden.
IG Metall reagierte erwartbar auf die VW-Kündigungen
Um sich für die anstehenden Verhandlungen zu munitionieren, hat die IG Metall bereits vor wenigen Tagen eine Forderung für die im neuen Jahr anstehende Entgelttarifrunde formuliert. 5 Prozent mehr Lohn sollen es für die VW-Beschäftigten bitteschön sein – und das in dieser Zeit! Wichtiger als die Zahl ist jedoch die Motivation für diese Forderung. Die Gewerkschaft benötigt Verhandlungsmasse, zudem wird sie durch eine konkrete Forderung erst streikfähig. Es geht also zuvorderst um Taktik.
Auch interessant
Zurück zum Überprüfungsgespräch: Die Reaktionen der IG Metall auf die Kündigungen der Tarifverträge durch das Unternehmen waren absolut erwartbar. Von einer „Ungeheuerlichkeit“ ist ebenso die Rede wie von einem „ernsten und anstandslosen Stilbruch“ oder einem „üblen Foul“. Wie anders könnte die Gewerkschaft als Lobbyverband ihrer Mitglieder reagieren?
Dudenhöffer: VW will zu viel in zu kurzer Zeit
Sie wird durch das Verhalten des Unternehmens in die Ecke gedrängt und zur Gegenwehr gezwungen. Zumal die IG Metall noch keine eigenen Vorschläge vorgelegt hat, was sie dem Unternehmen als Gegenleistung zum Beispiel für den Erhalt von Arbeitsplätzen bietet. Bislang beschränkt sie sich auf Ablehnung und Verweigerung. Die Zeichen stehen also derzeit uneingeschränkt auf eine bislang nicht gekannte Konfrontation.
Das birgt aus Sicht des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer ein sehr hohes Risiko. Seine Einschätzung: Das Management des Autobauers will in zu kurzer Zeit zu viel: eine neue Modellpolitik, neue Plattformen, eine Neuordnung auf den weltweiten Märkten, das massive Senken der Kosten und nun auch noch die Attacke auf das Tarifwerk in Deutschland. So laufe das Unternehmen Gefahr, sich zu verzetteln, sagte Dudenhöffer unserer Redaktion.
VW-Beschäftigte werden mit schlechten Nachrichten konfrontiert
Der IG Metall bleibe keine andere Wahl, als in den Gegenwehr-Modus zu schalten, sagte Dudenhöffer, der IG Metall und Betriebsrat sonst durchaus kritisch gegenübersteht. „Besser wäre es gewesen, beide Seiten hätten sich im Vorfeld verständigt und nach Kompromissen gesucht“, ist er überzeugt. Zumal ein andauernder Konflikt das Unternehmen bremse und viel Energie koste.
Ein weiterer Aspekt: Die VW-Beschäftigten werden seit Jahren immer wieder mit schlechten Nachrichten konfrontiert sowie mit Forderungen ihres Arbeitgebers nach Zugeständnissen. Zwar birgt die Haltung des Unternehmens „kein Tarifvertrag sorgt für sichere Arbeitsplätze, sondern nur für Wettbewerbsfähigkeit“ viel Wahres. Doch wird es unter den gegenwärtigen Umständen für das Management sehr schwierig, die Belegschaft hinter sich zu versammeln, um das Unternehmen aus dieser historischen Krise zu führen. Genau das bräuchte es aber. Für Dudenhöffer ist dieses Vorgehen eindeutig ein Fehler des Vorstands um Oliver Blume.
Lies könnte in die Rolle des Vermittlers bei VW schlüpfen
In dieser verfahrenen Situation könnte Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) eine ganz besondere Rolle zukommen – die des Vermittlers. Das Land ist mit einem Anteil von rund 20 Prozent an den Stammaktien ebenfalls VW-Großaktionär und verfügt zudem über eine Sperrminorität. Das Land kann also Entscheidungen wie Standortverlagerungen verhindern.
Zwar sitzt Lies im Aufsichtsrat auf der Kapitalseite, auf der Seite der Aktionäre und damit auf der Seite der Familien. Allerdings hat das Land nicht nur Interesse an einem möglichst profitablen Unternehmen, sondern auch an dem Erhalt der Werke im eigenen Land. Von den vier VW-Werken Hannover, Emden, Zwickau und der Audi-Fabrik in Neckarsulm, die von einer Schließung bedroht sind, liegen Hannover und Emden in Niedersachsen.
Lies kennt nicht nur beide Perspektiven und Interessen – die der Kapitalseite und die der Arbeitnehmervertreter. Er weiß zudem genau, dass es einem politischen Selbstmord gleichkäme, würde eine niedersächsische Landesregierung einer Werksschließung zustimmen. Gute Voraussetzungen also, um als Vermittler aktiv zu werden.






