Liebe Leserin, lieber Leser,
Friedrich Merz hatte in dieser Woche seine schönen Momente. Er war aber auch so richtig in seiner Welt: Die globalen Wirtschaftsgrößen waren bei ihm zu Gast, rund 200 CEOs und Unternehmenslenker aus dem In- und Ausland, die Entscheider, deren Daumen bei Investitionen hoch- oder runtergeht.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Schon vor dem Gipfel „Invest in Germany“ war klar, da kommt ziemlich viel Geld zusammen. Die Unternehmensinitiative, angeführt von Siemens-Chef Roland Busch und Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing, will bis 2028 mehr als 800 Milliarden Euro in Deutschland investieren. Ende September war sogar von 850 Milliarden die Rede. Wow, was für eine Zahl! Zum Vergleich: Die so heiß diskutierte abschlagsfreie Frührente (sogenannte Rente mit 63 für langjährige Versicherte) kostet laut DIW Berlin den Staat zwischen 9,5 und 10 Milliarden Euro pro Jahr. Falls Sie jetzt denken, was hat das eine mit dem anderen zu tun: Mir geht es nur darum, eine Zahl in Relation zu setzen.
Lieben Sie gut recherchierte Geschichten, spannende Interviews und Reportagen?
Textchefin Birgitta Stauber sucht sie in ihrem Newsletter „Das Beste am Sonntag“ für Sie aus, eingebettet in ein persönliches Editorial. Kostenlos abonnieren können Sie den Newsletter hier.
Die 800 oder 850 Milliarden bekamen dann beim Gipfel noch mal eine Bühne. Von beschleunigtem Wachstum ist die Rede, und zwar trotz der globalen Lage und des sprunghaften Anstiegs der Energiepreise. So gut das klingt: Reine Neuinvestitionen sollen nur im dreistelligen Millionenbetrag liegen, relativierte Siemens-Chef Busch gegenüber der ARD.

Dennoch: Die Stimmung beim Gipfel war offensichtlich gut, und allein das würde ich als endlich mal gute Nachricht durchgehen lassen. Denn da gibt es offenbar eine Menge Unternehmer und Firmenchefs (und -chefinnen), die den Standort Deutschland für ihre Aktivitäten attraktiv finden. Mein Kollege Thorsten Knuf sieht das ein wenig differenzierter.
Wie peinlich: Der Kanzler wirbt mit Handtüchern auf Poolliegen
Ich war allerdings ein wenig irritiert, dass der Bundeskanzler unsere peinliche Charakterschwäche hervorhob: Die Deutschen, sagte er in seiner Begrüßungsrede, seien superfleißig, superpünktlich. Sogar im Urlaub stünden sie ganz früh auf, um die besten Poolliegen mit Handtüchern zu reservieren.

Mag sein, dass er es witzig meinte. Doch diese Unsitte gehört nicht als Kalauer auf dieses Forum. Es macht uns einfach unsympathisch. Mich hält die Handtuch-Reservierung sogar davon ab, Pauschalurlaube zu buchen, denn Beobachter sprechen von regelrechten Handtuchkriegen. Es ist genauso wie an der Tür zur U-Bahn, wenn sich Fahrgäste so schnell es geht die freien Plätze schnappen, obwohl sie im Büro ohnehin den ganzen Tag sitzen.
Zurück zu den Investitionen: Wenn künftig mehr Unternehmen aus aller Welt in Deutschland ihre Fabriken bauen, Forschungsstätten errichten und Logistikzentren, dann werden damit auch jede Menge fleißige und gut ausgebildete Menschen aus anderen Ländern versuchen, ihren Lebensmittelpunkt in den Thüringer Wald, den Berliner Speckgürtel, den Niederrhein oder sonst wohin in Deutschland zu verlagern. Ich hoffe, der Bundeskanzler hilft mit, eine Willkommenskultur aufzubauen, denn mit unseren Ressentiments gegenüber fremden Kulturen können wir genauso rigoros sein wie mit der Reservierung von Poolliegen.

Ich werde jedenfalls nie vergessen, wie mich mal eine Vermieterin angemeckert hat, weil ich mir von Italienern die Sitte abgeguckt hatte, Sonne und Wind für die schnelle Trocknung meiner Wäsche zu nutzen. Der Anblick von ihrer Gartenterrasse im Erdgeschoss auf meine Bettwäsche, die über der Balkonbrüstung hing, gefiel ihr nicht. Dabei musste sie ganz schön den Kopf in den Nacken legen, um sie überhaupt zu entdecken.
Dieser japanische Superstar trotzt dem Tabu Homosexualität
Und was unsere angebliche Tugend, die Pünktlichkeit, angeht: Damit kann es nicht weit her sein, denn warum sollten wir sonst angesichts der Zustände bei der Deutschen Bahn mit den Schultern zucken und trotzdem buchen? Selbst Züge, die sechs Minuten zu spät sind, gehen als pünktlich in die Bahn-Statistik ein. Ich habe das noch mal nachgelesen: Da wird auch noch unterschieden, mit wie viel Minuten Verspätung das Ziel erreicht wurde. Da gelten sogar 15 Minuten als tolerabel. Ich finde das nicht so schlimm, denn ich bin ja schon froh, wenn der Zug überhaupt fährt.
In Japan gelten sechs Minuten als nicht akzeptabel. Züge fahren dort in der Regel nicht nur auf die Minute, sondern auf die Sekunde pünktlich ein. Die Bahn funktioniert wie ein Uhrwerk. Und so ist es auch mit der Gesellschaft. Wie ein Rädchen greifen Arbeit, Familie und Freizeit ineinander. Was da nicht reinpasst, gilt schnell als tabu. Dazu gehört auch das Thema Homosexualität. Die Homo-Ehe ist immer noch verboten, und wer nicht dem Ideal des „harten Kerls“ entspricht, muss mit Spott rechnen. So beschreibt es unser Korrespondent Felix Lill.

Besonders schwierig ist es für Sportler, die sexuelle Orientierung auszuleben. Nun hat es ausgerechnet ein Frauenschwarm getan: Profi-Volleyballer Rui Takahashi, 26, wurde als „Schönling“ umjubelt – bis er sich vor Kurzem in den sozialen Medien als homosexuell outete. Lesen Sie hier, welche Wellen das in der strengen japanischen Gesellschaft schlägt.
Alice Schwarzer macht Schluss mit „Emma“
Eine, die seit Jahrzehnten dafür kämpft, genau diese engen Grenzen zu sprengen, ist Alice Schwarzer. Ihr geht es nicht nur um Frauenrechte, um Sexismus, Frauenhass. Sondern auch um eine gleichberechtigte Sexualität – auch von lesbischen Frauen. Mit ihrem Magazin „Emma“ hat sie 50 Jahre lang den politischen Blick auf Frauen journalistisch geprägt. Ich war viele Jahre eine ihrer treuesten Abonnentinnen, auch noch zu Zeiten, als ich dafür in die „Emanzen-Schublade“ gepackt wurde.

Die „Emanze“ war schließlich ein schlimmes Schimpfwort, voller Häme und Abwertung. Mir war das egal, denn mir gefiel der klare Blick auf Pornografie, die Kritik an der Männerjustiz, der Kampf gegen finanzielle Abhängigkeit. Doch die Gesellschaft entwickelte sich weiter, und Alice Schwarzer und ihr Team entwickelten sich nicht mit. Als sie dann Kampagnen startete gegen Transsexualität und Islamismus, den sie nicht eindeutig vom Islam abgrenzte, als Alice Schwarzer plötzlich von Rechtsextremen hofiert wurde, als sie dann auch noch eine seltsame Haltung zu Russland bezog, reichte es mir. Ich bestellte „Emma“ ab. Nun stampft Alice Schwarzer ihr Magazin ein. Lesen Sie hier meinen – zugegebenermaßen provozierenden – Kommentar dazu.
Anni dachte, es geht in den Urlaub. Dann stach er zu
Und nun zum Thema, das mich in dieser Woche besonders bewegt hat. Es ist die Geschichte einer Familie, die auf dem Weg in den Urlaub ist. Zumindest denken das die Frau und die beiden Kinder. Der Ehemann läuft, so sagt er es, vor der Abfahrt mit dem Auto noch mal ins Haus zurück, um etwas zu holen.
Zurück soll er vermummt mit einem Messer gekommen sein. Er soll seinen Sohn erstochen und seine Ehefrau und Tochter schwer verletzt haben. WAZ-Reporterin Annika Fischer hat zusammen mit der überlebenden Ehefrau und den Ermittlungsergebnissen die Tat rekonstruiert. Was unfassbar ist: Die Frau konnte zunächst nicht glauben, dass es der eigene Mann gewesen sein soll, der sie überfiel. Denn sie hielt ihre Ehe, ihren Familienzusammenhalt, für solide. Die Mutter und die Tochter versuchen, so gut es geht, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Welch unfassbarer Mut und welche Kraft dahinterstecken, geht über meine Vorstellungskraft hinaus.
Eleyna war 15, als die Mutter an Demenz erkrankte
Ähnlich geht es mir bei einer anderen Mutter-Tochter-Geschichte. Eleyna ist 15, als ihre Mutter mit 52 Jahren an Demenz erkrankt. Und das wirft den Teenager zunächst völlig aus der Bahn. Nach und nach übernimmt Eleyna Verantwortung, kümmert sich um den Haushalt. Inzwischen lebt die Mutter mit Alzheimer in der Endstufe in einem Pflegeheim. Als junge Frau hat Eleyna eine ganz besondere Beziehung zu ihr aufbauen können. Lisa Nordholt hat sie getroffen.
Daniella war Geisel der Hamas und kam frei. Nun singt sie in Sydney
Und noch ein bewegendes Schicksal: Die Israelin Daniella Gilboa ist 19, als sie am 7. Oktober 2023 beim Anschlag der Hamas verschleppt wird. 477 Tage ist sie in der Gewalt der Terroristen. Für Videoaufnahmen muss sie den eigenen Tod vortäuschen. Es sollte aussehen, als sei sie bei einem israelischen Luftangriff getötet worden.

Doch jeden Tag singt sie ihre Lieder, leise und auf Arabisch, um die Terroristen nicht zu provozieren. Im Januar 2025 kommt sie frei – und singt weiter. Mit ihren Liedern tritt sie nun in Sydney auf. Ihre Botschaft ist klar: Sie will mit ihrer Musik Menschen aus der ganzen Welt verbinden. Lesen Sie hier, warum Daniella ausgerechnet in Australien ihre Karriere als Sängerin startet.
Ich hoffe, diese Geschichten machen Ihnen genauso viel Mut wie mir. Genießen Sie die geschenkte Stunde an diesem Sonntag und kommen Sie gut in die Woche.
Wie immer wünsche ich Ihnen einen erholsamen Sonntag.
Ihre Birgitta Stauber





