Nach den Schüssen und zwei Toten bei einer Waffenkontrolle in der Oberpfalz (Bayern) wurde der Verdächtige von der Polizei festgenommen. Stundenlang redeten erfahrene Spezialisten auf den verschanzten Mann ein, versuchten, ihn vom Aufgeben zu überzeugen. Vergeblich. Die Einsatzkräfte stürmten mitten in der Nacht das Haus in Berngau. Mithilfe von Sprengmitteln und Schüssen nahmen sie den 60-Jährigen fest.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Bei dem Mann handelt es sich nach Angaben von Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) um einen Jäger und Sportschützen. Das Motiv des mutmaßlichen Schützen sei völlig unklar. Polizeilich sei der 60-Jährige zuvor nach aktuellem Stand der Ermittlungen nicht bekannt gewesen. Es gebe auch keine Hinweise auf eine wie auch immer geartete extremistische Gesinnung, sagte Herrmann am Rande eines Termins in Oberschleißheim.

Mutmaßlicher Täter besaß zehn Waffen legal

Weder Staats- noch Verfassungsschutz hätten bisher irgendwelche Erkenntnisse über den Mann. Es werde aber in alle Richtungen ermittelt und unter anderem überprüft, ob es eine Vorgeschichte im Kontakt mit dem Landratsamt Neumarkt in der Oberpfalz gegeben habe, sagte Herrmann. Der Mann besaß laut Waffenregister als Sportschütze und Jäger zehn Waffen legal. Seine Kontrolle erfolgte nach Landratsamt routinemäßig und ohne Vorankündigung.

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Der Bürgermeister von Berngau, Thomas Meier, sagte der Deutschen Presse-Agentur, er kenne den mutmaßlichen Schützen vermutlich vom Sehen, aber nicht persönlich. Nach seinen Erkenntnissen sei der 60-Jährige nicht in Vereinen oder anderen örtlichen Gruppierungen aktiv gewesen. Auch einem Schützenverein habe er nach Meiers Kenntnis nicht angehört.

Zuvor war der Tod einer weiteren Behördenmitarbeiterin bestätigt worden, insgesamt kamen damit zwei Menschen ums Leben. Die beiden Beschäftigten des Landratsamtes Neumarkt sollten nach den bisherigen Erkenntnissen in Berngau einen Waffenbesitzer kontrollieren. Dieser soll daraufhin geschossen und die zwei Behördenmitarbeiter getroffen haben.

Größerer Polizeieinsatz in der Oberpfalz
Polizeikräfte sind bei Berngau in der Nacht im Einsatz.© Tizian Gerbing/dpa | Tizian Gerbing

„Über den genauen Ablauf der Geschehnisse können derzeit noch keine genaueren Angaben gemacht werden“, sagte eine Sprecherin des Polizeipräsidiums Oberpfalz unmittelbar danach. „Das Ganze ging auf jeden Fall nicht widerstandslos, weil die Beamten auch schießen mussten.“ Die Schüsse verletzten den mutmaßlichen Täter leicht am Bein; der Deutsche wurde im Anschluss medizinisch versorgt.

Waffenkontrolle in der Oberpfalz: Verdächtiger eröffnet Feuer auf Behördenmitarbeiter

Gegen 14 Uhr am Donnerstagnachmittag hatten mehrere Zeugen per Notruf Schussgeräusche bei Polizei und Rettungskräften gemeldet. Es begann ein Großeinsatz der bayerischen Polizei, der sich bis tief in die Nacht zog. 

Zunächst umstellten die Beamtinnen und Beamten das Gebäude. Vor dem weißen Wohnhaus mit der ebenerdigen Eingangstür entdeckten sie den 45 Jahre alten Behördenmitarbeiter leblos auf dem Boden liegend. Er war bereits tot. „Der Tatverdächtige meldete sich telefonisch bei der Einsatzzentrale. Er gab in den folgenden Gesprächen an, in seiner Wohnung und im Besitz von Schusswaffen zu sein“, schilderte die Sprecherin. Er habe auch zugegeben, geschossen zu haben – und angekündigt, nicht widerstandslos aufgeben zu wollen.

Größerer Polizeieinsatz in der Oberpfalz
Die Polizei sichert den Tatort rund um das Haus des Tatverdächtigen.© Tizian Gerbing/dpa | Tizian Gerbing

Als die Einsatzkräfte Sicherungsmaßnahmen innerhalb des Gebäudes durchführten, in dem sich der Mann zu diesem Zeitpunkt noch verschanzte, entdeckten sie eine weitere Leiche. Es handelte sich um die 54 Jahre alte Kollegin des 45-Jährigen. „Wir gehen davon aus, dass sie schon im Zuge der Schüsse unmittelbar gestorben ist“, sagte ein Polizeisprecher. Dafür spreche die Auffindesituation.

Wie viele Schüsse die beiden Behördenmitarbeiter trafen, soll eine Obduktion klären. Auch der genaue Ablauf der Tat muss noch rekonstruiert werden. Persönliche Angaben zu den beiden Opfern wurden zunächst nicht veröffentlicht.

Polizei wollte durch Verhandlungen eine friedliche Lösung erreichen

Die beiden Opfer hatten den Angaben zufolge eine routinemäßige Kontrolle im Rahmen von legalem Waffenbesitz durchführen wollen. Dabei geht es unter anderem darum, ob die Waffen richtig gelagert werden. Doch statt dies unter Beweis zu stellen, soll der 60-Jährige das Feuer auf die beiden Kontrolleure eröffnet haben.

Daraufhin fuhr unter anderem ein Spezialeinsatzkommando mit einem gepanzerten Fahrzeug nach Berngau, auch ein Polizeihubschrauber war im Einsatz. Die Menschen im Ort sollten derweil ihr Haus nicht verlassen oder zumindest den abgesperrten Bereich um das Haus des Verdächtigen meiden. 

Stundenlang setzte die Polizei auf Verhandlungen, stürmte die Wohnung im Ortskern von Berngau nicht. Der Sprecher erläuterte die Einsatztaktik folgendermaßen: „Wir versuchen immer, die friedliche Lösung herbeizuführen, das findet grundsätzlich mit Kommunikation statt. Die Alternative ist auch allen klar. Aber Ziel ist durchaus, dass man eine gewaltfreie Lösung schafft.“

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Zugriff erfolgte um 2.20 Uhr – Schütze verletzt

Doch das Vorhaben ging diesmal nicht auf. „Schlussendlich ist dann ein Zugriff erfolgt, unter Anwendung auch von Sprengmitteln“, schilderte der Polizeisprecher nach dem schlagartigen Eindringen in die Wohnung gegen 2.20 Uhr. „Dabei wurde der 60-jährige mutmaßliche Schütze durch Schüsse ins Bein leicht verletzt.“ Der Mann werde nun zunächst medizinisch versorgt.

Doch schon bald werden ihn die Ermittler der Kripo Regensburg in enger Absprache mit der zuständigen Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth befragen. Auch zu seinem Motiv – denn darüber herrschte zunächst absolutes Rätselraten.

Der mutmaßliche Schütze soll auf Antrag der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth nach seiner medizinischen Versorgung einem Ermittlungsrichter vorgeführt werden. Dieser entscheidet üblicherweise darüber, ob Untersuchungshaft angeordnet wird. Welche konkreten Vorwürfe dem 60-Jährigen gemacht werden, war zunächst noch nicht bekannt. Die Ermittler müssen zudem klären, ob es eine Vorgeschichte zwischen dem Mann und dem Landratsamt gab und ob die Waffen ordnungsgemäß aufbewahrt wurden.

Landratsamt trauert um zwei getötete Mitarbeiter

Die Mitarbeitenden des Landratsamtes Neumarkt trauerten am Tag nach der Tat um ihre beiden Kollegen. „Wir haben gestern durch die schreckliche Tat eines Einzelnen zwei liebgewonnene und sehr zuverlässige Mitarbeiter bei uns im Landratsamt Neumarkt verloren“, sagte Landrat Martin Meier (Freie Wähler) der Deutschen Presse-Agentur.

Eine größere politische Debatte über das Waffenrecht entbrannte zunächst nicht. Alexander Heidel, Geschäftsführer des Bayerischen Sportschützenbunds, sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Eine derartige Einzeltat ist mit keinem Gesetz der Welt zu verhindern.“ Die Grünen im bayerischen Landtag forderten eine Erklärung von Innenminister Herrmann dazu, wie es zu dem Vorfall kommen konnte.

Die Gewerkschaft Verdi verlangte, den Schutz von Beschäftigten im Außendienst „konsequent zu überprüfen und weiterzuentwickeln“. Herrmann betonte am Freitag, die bisherigen Erkenntnisse gäben noch keine Hinweise darauf, was künftig anders gemacht werden könne.

dpa