Der Biergarten hinter dem Berliner Club Cassiopeia auf dem RAW-Gelände in Friedrichshain-Kreuzberg ist an diesem Nachmittag kaum besucht. Erst in den Abendstunden dürfte sich das Kulturgelände mit Menschen füllen. Niki Drakos* und Raphael Moussa Hillebrand war es wichtig, sich hier zu treffen. „Orte wie diese, gibt es immer weniger in Berlin“, sagt die 54‑Jährige. Erst vor wenigen Tagen ist das Gelände knapp einer Räumung entkommen – zumindest in Teilen. Ein aktueller Plan sieht vor, Clubs, Kultur und Gastronomie zu erhalten. Hunderte Wohnungen sollen trotzdem an dem Berliner Kultort entstehen. Es sind Veränderungen, wie diese, die zeigen, wie sehr sich die Stadt verändert.
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Nicht nur, aber auch deshalb sind Drakos und Moussa Hillebrand Teil der Berliner Kleinstpartei „Die Urbane. Eine HipHop Partei“. Im Frühjahr 2017 hatte man sich gegründet – mitten auf dem RAW-Gelände im Cassiopeia. Am 20. September tritt die Partei neben 16 weiteren bei der Berlin-Wahl 2026 an und möchte ins Abgeordnetenhaus und die BVV in Friedrichshain-Kreuzberg ziehen. Im Gespräch mit der Berliner Morgenpost machen die Gründer und Spitzenkandidaten deutlich, wofür sie stehen – und welche Rolle der Hip-Hop dabei spielt.

Hip-Hop als politische Kraft: „Die Urbane“ will ins Berliner Abgeordnetenhaus
„Uns geht es nicht darum, dass alle im Bundestag rappen“, macht Moussa Hillebrand direkt deutlich. Der Hip-Hop diene als Werteanker der Partei. „Wir sehen darin eine Kultur der Unterdrückten, die am Rande der Gesellschaft standen und bewiesen haben, einen Wert zu haben – inmitten eines patriarchalen, rassistischen und kapitalistischen Systems“, sagt der 44‑Jährige. Der Hip-Hop habe in den 1970er Jahren die Kunstwelt revolutioniert und jetzt, einige Jahrzehnte später, will „Die Urbane“ diese Revolution auf die Politik übertragen.
Nach eigenen Angaben hat die Kleinstpartei derzeit 432 Mitglieder. Bei den Bundestagswahlen 2017 und 2021 hatte die Partei 0,0 Prozent der Stimmen eingeholt. Das entspricht weniger als 3000 Erst- und weniger als 18.000 Zweitstimmen, wie die Bundeszentrale für politische Bildung vorrechnet. Für die Wahl am 20. September in Berlin will die Partei mindestens ein Prozent erreichen. Auch, um einen Anspruch auf staatliche Parteifinanzierung zu erhalten. Damit könnte der nächste Wahlkampf umso erfolgreicher ausfallen, spekuliert Moussa Hillebrand.
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Diversität als Prinzip: „Die Urbane“ will Politik neu denken
Aber der Reihe nach. „Wir fokussieren uns nicht auf die Mitte, sondern treten für uns selbst ein, also für den Rand der Gesellschaft“, sagt der 44‑Jährige. Die Versprechen, dass jeder in der Gesellschaft die gleichen Chancen hat, würden oftmals nicht zutreffen. Etwas, das die Kleinspartei für sich nutzen will. Wie andere Klein- und Kleinstparteien in Berlin fühlten sich die Vertreter von „Die Urbane“ im politischen System nicht repräsentiert. Also gründeten sie ihre eigene Partei. „Wenn meine Kinder später fragen, was ich tat, als Faschisten in deutsche Parlamente einzogen, möchte ich sagen können, dass ich mich aktiv organisiert habe“, so Moussa Hillebrand, der hauptberuflich als Choreograf arbeitet.
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In Deutschland gebe es das Privileg, dass jeder eine Partei gründen kann. Auch mit revolutionären Ansätzen. „Warum also nicht nutzen?“ Die Grundlage dafür bildet ein möglichst diverses Parteiteam – bestehend aus Frauen, Queeren, Schwarzen und Indigenen. Der weiße Mann bleibe bewusst in der Minderheit. Ein Unterschied zu anderen Parteien, der zu „ganz anderen Entscheidungen“ führen soll.
Ein veröffentlichtes Wahlprogramm für die kommende Berlin-Wahl hat die Partei bisher nicht veröffentlicht. Auf der Webseite findet sich stattdessen ein mehrseitiges Parteiprogramm. Aber auch das sei „teilweise immer noch neu“ und habe „kein finales Lektorat“ durchlaufen. Stattdessen sei das Programm „work in progress“, es bleibe „im Flow“.

Mietendeckel und Kultur im Fokus: Das fordert „Die Urbane“
Festgehalten sind neben der Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte, der Kampf für Klimagerechtigkeit, ein bedingungsloses Grundeinkommen, der Stopp jeglicher Rüstungsexporte und das Ende von Grenz- und Visasystemen, kostenloser öffentlicher Personen-Nahverkehr und kostenlose Zugreisen und das Aus der privaten Krankenversicherung. Für Berlinerinnen und Berliner außerdem zentral: die Frage nach Enteignungen großer privater Immobiliengesellschaften. Laut Grundsatzprogramm unterstützt „Die Urbane“ die Volksinitiative von 2021 und schließt sich der Forderung der Enteignung an. Zudem soll genossenschaftlicher Wohnungsbau gefördert und ein bundesweiter Mietendeckel eingeführt werden.
Mit Blick auf die Berlin-Wahl seien vor allem auch Kunst und Kultur im Fokus. Diese seien ein Schlüssel zur Transformation, sagt Niki Drakos. Während öffentlich eine Spaltung der Gesellschaft angeprangert wird, könnten kulturelle Angebote und Räume auf eine Art Menschen zusammenbringen und wieder einen Austausch herstellen. „Menschliche Begegnungen müssen gefördert werden. Politisch streiten kann man sich dann immer noch“, so Drakos.
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Kritik übt die 54-Jährige am derzeitigen Berliner Kulturbetrieb. 95 Prozent des Kulturetats der Stadt würden in die Hochkultur fließen – also in Ballett, Oper oder Museen. „Die Urbane“ möchte den Berliner Kulturetat stattdessen verdreifachen, um „Grassroots-Projekte“ zu fördern. Viele Touristen würden nach Berlin kommen, um genau diese freie Szene zu erleben, ergänzt Moussa Hillebrand. „Wir sind an einem Kipppunkt. Das goldene Zeitalter von Berlin ist zu Ende. Diese freien Räume gibt es kaum noch, der Druck wächst.“
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Eines der zentralen Anliegen der Urbanen ist aber auch eine engere Verknüpfung zwischen Bildungsbereich und Kultur. „Gerade Hip-Hop wird vereinzelt von Lehrkräften erfolgreich genutzt. Es gibt Lehrende, die diese Elemente nutzen, um Schüler*innen zu helfen, sich selbst zu regulieren, Inhalte und Werte zu vermitteln und Traumata zu verarbeiten. Oder einfach, um eine Gemeinschaft zu bilden“, sagt Drakos. Die hauptberufliche Programmreferentin ist sich sicher, dass dadurch keine großen Kosten entstehen würden. Im Gegenteil: „Das würde ganz viel an anderen Stellen sparen, wo durch gesellschaftliche Ungleichverhältnisse viel kaputtgeht.“

Abolitionismus: Partei „Die Urbane“ stellt Polizei infrage
Ganz grundsätzlich, aber auch in Berlin, befürwortet die Partei den Abolitionismus. Dahinter steht eine Bewegung, die heutzutage die Abschaffung der Polizei und der Gefängnisse fordert. Einer der deutschen Hauptvertreter ist der Sozialwissenschaftler Daniel Loick. Drakos erklärt, dass die Polizei ihrer Ansicht nach „nicht unser Freund und Helfer“ sei. Die Rolle der Polizei sei es, die derzeitigen Besitzverhältnisse aufrechtzuerhalten. Laut Drakos müsse eine Polizei, die für alle da sein will, diese Machtverhältnisse aber angreifen. Die 54-Jährige räumt zugleich aber ein, dass Abolitionismus in vielen Teilen eine Utopie sei. In erster Linie müsse es die gesellschaftlichen Verhältnisse geben, die es erlauben, auf eine Polizei zu verzichten.
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Drakos sei zwar von der ständigen Frage genervt, was „Die Urbane“ und „Die Linke“ unterscheide. Im Kern sei es aber genau dieser abolitionistische Ansatz. „Wir nennen uns nicht sozialistisch. Wir nennen uns nicht kommunistisch. Das sind Konzepte, die es schon gibt und die zu sehr besetzt sind“, sagt Drakos. Der Urbanen gehe es stattdessen erst einmal darum, als Gesellschaft zusammenzukommen und zu überlegen, wie man denn zusammenleben möchte. „Das ist das Geile am Hip-Hop. Die Leute verbinden damit etwas, aber er ist politisch noch nicht so besetzt.“
*Niki Drakos ist auf den Wahlzetteln als Nicole Drakos gelistet. „Niki“ ist jedoch ihr griechischer Rufname.













