Menschenrechte

Taliban: Der stille Widerstand der Frauen in Afghanistan

| Lesedauer: 8 Minuten
Jan Jessen
Taliban feiern ersten Jahrestag des Abzugs der westlichen Truppen

Taliban feiern ersten Jahrestag des Abzugs der westlichen Truppen

In Afghanistan haben die herrschenden radikalislamischen Taliban den ersten Jahrestag des westlichen Truppenabzugs aus dem Land gefeiert. Die Taliban erklärten den Mittwoch zum nationalen Feiertag, schon am Vorabend erhellte Feuerwerk den Himmel über der Hauptstadt Kabul.

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Nach einem Jahr Taliban-Herrschaft in Afghanistan üben Frauen und Mädchen stillen Widerstand. Unser Reporter hat sich dort umgesehen.

Kabul. Naz Mohibi hat ihre Corona-Maske abgenommen, ihr buntes Kopftuch ist etwas nach hinten gerutscht, eine Strähne fällt in ihr Gesicht. Sie seufzt. Gerade hat die junge Journalistin wieder eines dieser Erlebnisse gehabt, die vor der Machtübernahme der Taliban nicht vorstellbar gewesen wären. Sie ist von einem Termin in einer Verwaltung weggeschickt worden, weil es dort keine weiblichen Gesprächspartner gab, die Männer wollten nicht mit ihr reden.

„Das ist mir jetzt schon zum dritten Mal passiert“, sagt sie und sie sieht sichtlich frustriert aus. Für die Frauen und Mädchen in Afghanistan hat im August vergangenen Jahres eine Reise in eine düstere Vergangenheit begonnen.

Naz Mohibi ist nicht der richtige Name der jungen Frau, die sich an einem neutralen Ort in der afghanischen Hauptstadt mit uns trifft. Wer die neuen Machthaber offen kritisiert, riskiert zu viel. Mindestens den Verlust des Jobs, vielleicht auch mehr. Für Journalisten ist die Lage ohnehin schwierig.

Freie Berichterstattung ist in Afghanistan nicht mehr möglich

60 Prozent haben bereits aufgegeben, weil der Druck zu groß geworden ist, eine freie Berichterstattung ist in Afghanistan nicht mehr möglich. „Ich habe immer die Wahrheit berichtet, jetzt muss ich viel verbergen“, sagt Mohibi. Als Frau hat sie es noch schwerer. „Ich hatte einmal bei einem Interview meine Maske vergessen. Das Interview durfte nicht ausgestrahlt werden.“

Ein Jahr nach der Machtübernahme schränken die Taliban die Rechte von Frauen Schritt für Schritt ein. „Frauen und Mädchen werden in fast allen Lebensbereichen diskriminiert“, schreibt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Noch gibt es aber zivilen Ungehorsam. Im Mai hatten die neuen Machthaber angeordnet, Frauen sollten das Haus nur noch aus triftigem Grund, nur vollverschleiert und in Begleitung eines männlichen Verwandten verlassen.

Die Burka ist in Kabul bisher nur selten zu sehen

Tatsächlich trifft man in diesem Sommer in Kabul noch viele Frauen, die ihr Gesicht offen zeigen. Die blaue Burka als radikalste Form der Vollverschleierung ist im Straßenbild der Hauptstadt nur selten zu sehen, häufig verbergen die Frauen ihre Gesichter lediglich hinter Corona-Schutzmasken. „Einkaufen kann ich noch problemlos gehen“, sagt Naz Mohibi.

Andere Frauen trauen sich nur noch selten vor die Tür. Samira zum Beispiel. Sie ist 19 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in einem der Kabuler Stadtteile, die in die Berge um die Hauptstadt gewuchert sind. Ihr Smartphone ist mit glitzernden Strasssteinen geschmückt, sie trägt ein elegantes schwarzes Kopftuch und eine Handtasche mit dem Logo einer französischen Luxusfirma. Zum Gespräch hat sie ihren Bruder mitgebracht. Er ist 14. „Er muss auf mich aufpassen“, sagt sie und lacht. Weiterlesen :Mohammad in Todesangst: Taliban jagen Bundeswehr-Techniker

Samiras Vater war Fahrer in einer Verwaltung. Jetzt ist er arbeitslos. Hunderttausende Menschen in Afghanistan haben seit der Machtübernahme ihre Jobs verloren. „Wir mussten unser Auto verkaufen, Möbel und Schmuck“, erzählt sie. Auch sie möchte nicht mit ihrem richtigen Namen in der Zeitung stehen.

Träume vieler Mädchen und Frauen sind zerplatzt

Früher hat sich die junge Frau oft mit ihren Freundinnen getroffen, jetzt chattet sie mit ihnen auf WhatsApp. Ihr Traum, sagt Samira, sei es gewesen, Juristin zu werden. Diesen Traum hat sie nun begraben. „Ich besuche mit zehn anderen Frauen einen Englischkurs. Vielleicht finde ich einen Job bei einer Hilfsorganisation.“

Mit der Machtübernahme der Taliban sind in Afghanistan die Träume vieler Mädchen und Frauen vor allem in den Städten zerplatzt. Noch dürfen Frauen zwar arbeiten, als Ärztinnen, Krankenpflegerinnen, Lehrerinnen oder bei der Polizei. Aus anderen Berufen werden sie jedoch herausgedrängt, insbesondere aus den Verwaltungen, in denen die neuen Machthaber jetzt ihre eigenen Leute installieren.

Auf dem Land hat sich für die Frauen wenig verändert. Dort sind die klassischen Rollenmuster in den vergangenen zwanzig Jahren erst gar nicht aufgebrochen worden.

Bevölkerung leistet punktuell Widerstand gegen Benachteiligung von Mädchen

Der Besuch einer weiterführenden Schule ab der siebten Klasse ist Mädchen derzeit meistens nicht möglich. Das habe keine ideologischen, sondern lediglich organisatorische und kulturelle Gründe, sagt die Führung der Islamisten. „Ich hoffe, dass dieses Problem, ob es nun mit der Qualität (des Unterrichts, die Red.) oder auf Prozesse zusammenhängt, gelöst werden wird“, ließ sich Anas Haqqani, einer der führenden Taliban-Vertreter, erst kürzlich in afghanischen Medien zitieren.

Die Taliban verweisen auch darauf, dass Tausende Schulen noch immer zerstört seien oder bei den jüngsten schweren Überschwemmungen im Land beschädigt wurden. Die Bevölkerung in den Städten leistet punktuell Widerstand gegen die Benachteiligung von Mädchen.

Der afghanische Nachrichtensender Tolonews berichtete Mitte August auf seiner englischsprachigen Internetseite von einer Einrichtung in Kabul, in der tausend Mädchen und junge Frauen unterrichtet werden, ebenfalls in Kabul weihten Aktivistinnen erst vor wenigen Tagen eine Bibliothek für Frauen und Mädchen ein. Auf dem Land wiederum können auch viele Jungen die Schulen nicht besuchen, schlicht deshalb, weil sie arbeiten müssen, damit ihre Familien genug zu essen haben.

Schule unter der Taliban: Mädchen werden per Skype unterrichtet

„Für mich wäre es überhaupt kein Problem, wenn Mädchen weiter unterrichtet würden“, sagt Abdul Elam, Leiter einer Schule mit über 1000 Schülerinnen und Schülern im Westen Kabuls. Elam trägt einen weißen Turban und einen Bart, er ist seit vierzig Jahren Lehrer, ein Talib ist er nicht. Jedoch steht einer der Vertreter der neuen Machthaber im Büro Elams, als der Schulleiter mit uns spricht. Mehr zum Thema: Dramatische Armut in Afghanistan: „Wir haben Gott verärgert“

„Wir unterrichten die Mädchen jetzt über Skype. Das hat schon während des Corona-Lockdowns ganz gut funktioniert“, behauptet Elam. Schwierigkeiten gebe es allerdings in den naturwissenschaftlichen Fächern, räumt er ein. Welche organisatorischen Hürden überwunden werden müssten, um wieder Präsenzunterricht für die Mädchen ab der siebten Klasse zu ermöglichen? Darauf bekommt man von Elam keine Antwort.

Während der ersten Taliban-Herrschaft durften auch junge Mädchen nicht zur Schule

Vor der Schule stehen vier Mädchen in ihrer Schuluniform, schwarzes, langes Kleid und weißes Kopftuch. Im Hintergrund ist das Geräusch von Schüssen zu hören, die afghanische Armee hat neben der Schule ein Ausbildungszentrum. Samia, Ahsanat, Sadiria und Peymann sind zwischen zehn und zwölf Jahren alt, sie wollen Lehrerinnen oder Medizinerinnen werden. „Wenn wir nicht mehr in die Schule gehen können, werden wir in Online-Kursen weiterstudieren“, sagt Samia. Kommentar zum Thema: Der Westen muss mit den Taliban verhandeln

Drei ihrer Lehrerinnen, ganz in wallendes Schwarz gehüllt und die Gesichter verschleiert, dürfen nur mit Frauen sprechen. Eine Englischlehrerin sagt, sie sei froh, überhaupt noch Arbeit zu haben, und dass die Mädchen nicht komplett vom Schulbesuch ausgeschlossen seien wie zur Zeit der ersten Taliban-Herrschaft.

Auch die Journalistin Naz Mohibi sagt, die neue Generation der Taliban sei nicht ganz so radikal wie die, die 1996 bis 2001 das Land regierte. „Es gibt unter ihnen auch gebildete Leute, die im Ausland waren und kein Problem mit Frauen haben.“ Sie sagt aber auch: „In Afghanistan setzt sich aber leider immer die Dunkelheit gegen das Licht durch.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.