Es ist eigentlich gar keine Impfpflicht, aber de facto doch. Und es ist die einzige, die es in Deutschland gibt: Laut dem Masernschutzgesetz vom März 2020 müssen alle Kinder vor ihrer Aufnahme in eine Kita oder Schule sowie alle Mitarbeiter in Kitas, Schulen oder Sammelunterkünften für Geflüchtete, medizinisches Personal und Tagespflegepersonen eine Masern-Immunität nachweisen. Das kann nach einer durchgemachten Infektion als natürliche Immunität ärztlich attestiert werden – was nur bei Älteren der Fall sein dürfte. Es kann aber auch durch eine zweifache Impfung gegen Masern nachgewiesen werden.
Die Bußgelder reichen bis zu 2500 Euro
Da in Deutschland eine allgemeine Schulpflicht gilt, läuft das Gesetz also auf eine Impfpflicht für Kinder hinaus. Wenn dagegen verstoßen wird, kann es für die verantwortlichen Eltern Bußgelder bis zu 2500 Euro geben – mehrfach bei Wiederholungen. Seit in den USA der impfkritische Robert F. Kennedy Jr. Gesundheitsminister ist, sind dort parallel zu sinkenden Impfquoten die Zahlen der Masernfälle drastisch gestiegen auf einen Höchststand seit 35 Jahren. Kennedy hatte die Impfungen mit Autismus als Nebenwirkung in Verbindung gebracht, eine Ansicht, die das Robert-Koch-Institut klar als „fake news“ – hervorgerufen durch eine gefälschte Studie – bezeichnet hat.
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Vor allem der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) hatte sich für eine Impfpflicht bei Masern stark gemacht und sieht sich durch sinkende Krankheitszahlen nun bestätigt: 2015 hatte es noch 2465 Fälle der hoch ansteckenden Krankheit gegeben, die das Immunsystem stark schwächen und zu lebensgefährlichen Lungen- und Gehirnentzündungen führen kann. Im vergangenen Jahr waren es 234. Deutschland wäre 2025 von der WHO beinahe als masernfrei erklärt worden, hatte aber die notwendige Impfquote von 95 Prozent bei der zweiten Dosis verfehlt.
AfD pocht auf Grundrechte und Elternrechte
Vor allem die AfD trommelt gegen die Masernimpfung. Im Juli brachte die AfD-Fraktion im Bundestag einen Antrag ein, wonach bestehende Impfpflichten aufzuheben seien, „um das grundgesetzlich geschützte Recht auf körperliche Unversehrtheit sowie das Elternrecht zu wahren“. Man fordere eine Untersuchung, die den Masernimpfstoff auf seine Wirksamkeit, schwere Nebenwirkungen, Langzeitfolgen und Gesamtmortalität vergleiche. Impfkritische Forderungen finden sich in den Wahlprogrammen der AfD in Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Sachsen-Anhalt. „Wir lehnen eine Impfpflicht ab“, heißt es bei der AfD in Berlin. Die dramatische Entwicklung in den USA führt nicht zum Umdenken. „Die Diskussion um die Masernimpfpflicht erinnert stark an die Corona-Zeit und die in Teilen fehlende journalistische Sorgfalt“, sagt Gordon Köhler, Sozialexperte der AfD im Landtag von Sachsen-Anhalt. So habe die „Tagesschau“ mit Bezug auf CDC-Statistiken von drei Toten in den USA für das Jahr 2026 berichtet. Richtig sei, dass die amerikanische Behörde für 2026 keine und für 2025 drei Tote ausgewiesen habe.
Hintergründe zur AfD – für Sie recherchiert
Bei den Ärzteverbänden stoßen die AfD-Pläne auf Widerstand. Die Impfquoten seien gerade wegen der Nachweispflicht für Kitas und Schulen in den vergangenen Jahren gestiegen, sagt Nicola Buhlinger-Göpfarth, Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands: „Von daher wäre eine Rücknahme aus unserer Sicht absolut nicht zu verantworten.“ Eine Wunderwaffe sei die Pflicht aber nicht: „2024 waren nur 78 Prozent der Kinder nach 24 Monaten vollständig gegen Masern geimpft. Das ist und bleibt zu wenig.“ Masern würden oft unterschätzt, wozu „unwahre Behauptungen in den sozialen Medien“ beitrügen. So glaubten viele, dass Masern bei Kleinkindern harmlos seien – ein Trugschluss. Auch Jakob Maske, Sprecher des BVKJ, verteidigt das Gesetz: „Tatsächlich sehen wir in letzter Zeit aufgrund der besseren Durchimpfungen weniger Masernfälle. In Berlin gab es dieses Jahr noch gar keine Masern, was extrem erfreulich ist.“ Blicke man in die USA, könne man den Zusammenhang zwischen sinkender Durchimpfungsrate und zunehmender Erkrankungsrate „erschreckend“ rasch sehen. Natürlich steige genauso rasch die Sterberate. „Deutlich wird auch, dass alle Todesfälle und schweren Erkrankungen nur Ungeimpfte treffen.“
Die AfD fischt bei den Impfgegnern, sagt ein Kinderarzt
Nur 10 von 30 europäischen Ländern kennen eine Impfpflicht für Masern. Dass sie ein scharfes Schwert ist, kann Till Reckert aus Reutlingen, Sprecher des Landesverbands der Kinder- und Jugendärzte in Baden-Württemberg, bestätigen. Der Kinderarzt trägt die offizielle Linie mit, verschweigt jedoch nicht, dass er bei Impfungen aber gegen einen Zwang gewesen sei. „Wenn Menschen sich impfen lassen, die das nicht wollen, es aber müssen, schwächt das den Impfgedanken und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die AfD fischt erfolgreich in diesem Bereich.“ Rückblickend auf die Wirkungen des Masernschutzgesetzes im Praxisalltag sagt Reckert: „Ich hatte Eltern, die deswegen in impffreiere Länder ausgewandert sind. Und andere, die ihren Kindern deswegen den Kindergarten verweigert haben.“

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Einige Eltern hätten ihre ungeimpften Kinder in Gemeinschaftseinrichtungen gebracht, weil „nirgendwo die Umsetzung des Gesetzes 100 Prozent klappt“. Andere hätten versucht, „von irgendwoher dubiose Impfunfähigkeitsatteste“ zu erlangen. Er habe auch Eltern erlebt, die zwar Masernimpfungen hätten machen lassen, aber alle anderen Impfungen nicht, weil diese ja nicht Pflicht seien.









