„Der Finger ist am Abzug“: In einer kämpferischen Rede machte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu Mittwochabend gegenüber der israelischen Öffentlichkeit seine Absichten klar. Weniger als 24 Stunden, nachdem US-Präsident Donald Trump eine 14-tägige Waffenruhe im Nahostkrieg verkündet hatte, versicherte Netanjahu: „Das ist nicht das Ende der Kampagne. Es ist nur eine Vorbereitung dafür, um all unsere Ziele zu erreichen.“

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Es besteht kein Zweifel daran, dass Netanjahu die Kämpfe im Iran gerne fortgesetzt hätte, sich aber letztlich Trump unterordnen musste. Einem israelischen Leak zufolge gelang es Netanjahu immerhin, sich von Trump grünes Licht für eine Fortsetzung der Kämpfe im Libanon zu holen.

Aktuelle News aus dem Nahen Osten

Israel fliegt schwerste Angriffe im Libanon seit Kriegsbeginn

Wie heftig die israelischen Angriffe im Libanon sein würden, dürfte aber auch in Trumps Regierung manche überrascht haben. „Die Israelis haben, soweit ich das verstanden habe, tatsächlich angeboten, sich im Libanon ein wenig zurückzuhalten, weil sie sichergehen wollen, dass unsere Verhandlungen erfolgreich sind“, sagte Vizepräsident JD Vance. Von einer Zurückhaltung konnte keine Rede sein: Israel flog bereits Stunden nach dem Inkrafttreten die schwersten Luftschläge seit Kriegsbeginn.

Die Antwort aus Teheran folgte jedenfalls prompt: Die strategisch wichtige Straße von Hormus wurde, nachdem sie nur für eine winzige Anzahl von Schiffen geöffnet worden war, wieder geschlossen. Was treibt Netanjahu an, die Waffenruhe im Iran durch die heftigen Angriffe im Libanon möglicherweise zu gefährden?

Auch interessant

Netanjahu profitiert innenpolitisch vom harten Kurs gegen Iran

Israel und die USA verfolgten in diesem Krieg zum Teil gegenläufige Ziele, und das hat auch innenpolitische Gründe. Anders als Trump hat Netanjahu kein Problem, seiner Wählerbasis das militärische Vorgehen im Iran schmackhaft zu machen. Im Gegenteil: Es ist eher das Ende der Kämpfe, das einigen unter Netanjahus Fans schwer zu vermitteln ist – zumal sämtliche Ziele, die Netanjahu zu Beginn verkündet hatte, im Zuge des 40-tägigen Kriegs nicht erreicht werden konnten.

Während Trump die Skeptiker in der eigenen Partei, aber auch die Finanzmärkte beruhigen muss, muss sich Netanjahu mit diesen Problemen nicht herumschlagen. Israel ist eine kleine Regionalmacht mit einer unbedeutenden Börse – keine Supermacht wie die USA.

238539_569_238539_cover.jpg
Raketen aus dem Libanon: Alltag im Norden Israels im Schatten des Iran-Kriegs
Im Krisenmodus
 

Hisbollah-Konflikt: Israel will Angriffe im Libanon fortsetzen

Israel wiederum hatte in diesem Krieg ein zentrales Anliegen, das auf der amerikanischen Prioritätenliste weniger weit oben gereiht war: die iranischen Proxys in der Region, allen voran die Hisbollah im Libanon. Israel habe aus Washington „volle Rückendeckung“, was seine Angriffe im Libanon betrifft, meint der israelische Experte Kobi Michael vom Misgav Institut. Michael glaubt, dass der Kampf gegen die Hisbollah noch einige Zeit andauern wird.

Dass Israel im Falle einer Waffenruhe im Iran auch seinen Kampf gegen die Hisbollah einstellen würde, hatte kaum jemand erwartet. Israel hat schon bald nach Beginn dieses Kriegs kein Geheimnis daraus gemacht, dass der Krieg im Libanon länger dauern könnte als die Offensive im Iran. Man will diese Gelegenheit nutzen, um „die Gefahr für die Bewohner im Norden (Israels, Anm.) zu beseitigen“, sagte Verteidigungsminister Israel Katz.