Hinweis der Redaktion:

In diesem Artikel berichten wir über laufende polizeiliche Ermittlungen, in deren Zusammenhang schwere Gewalt- und Missbrauchstaten thematisiert werden. Aus Rücksicht auf die Betroffenen und zum Schutz der Persönlichkeitsrechte verzichten wir bewusst auf die Nennung bestimmter Details. Dennoch können die enthaltenen Schilderungen verstörend und emotional belastend wirken.

Es ist kurz vor halb 9 an einem Augustmorgen im vergangenen Sommer, als Robin W. sich der katholischen Schule in der US-Metropole Minneapolis nähert. Er trägt Waffen bei sich, ein Gewehr, eine Shotgun, eine Pistole. Ein Staatsanwalt wird später erschüttert vor Mikrofonen protokollieren: „Mehr als alles andere wollte der Täter Kinder töten.“

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Weil die Tür zum Schulgebäude verriegelt ist, nähert sich W. den Fenstern. Drinnen sitzen Kinder und Prediger, es ist die erste Messe im neuen Schuljahr. Dann feuert Robin W. los. Zwei Kinder, acht und zehn Jahre, sterben, etliche werden verletzt. 116 Patronenhülsen entdeckt später die Spurensicherung auf dem Boden der Schule. Am Ende erschießt sich W. selbst.

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Ermittler entdecken kurz nach der Tat Videos im Netz, die der Täter vorher gedreht hat, sie finden „Tagebücher“. Manche nennen ihn schnell einen rechtsextremen Antisemiten, denn in den Notizen verherrlicht W. den Holocaust. Andere sehen in ihm einen Katholikenhasser, denn er suchte den Gottesdienst gezielt auf. Radikale Anhänger des US-Präsidenten nennen ihn einen „Trans-Terroristen“, denn Robin W. hieß einmal Robert, und auf einer der Waffen stand „Kill Donald Trump“.

Ein Detail aber findet in den Tagen nach der Tat kaum Beachtung. Auf die Pistole, die sich der damals 23 Jahre alte W. legal besorgt haben soll, schrieb er noch einen Satz: „There is no message“. Es gibt keine Botschaft.

Gewalt nur der Gewalt wegen, Chaos aus Liebe zum Chaos

Terrorismus – den begehen Rechtsextremisten oder Linksradikale, immer wieder auch Dschihadisten. Dieser Leitsatz gilt bis heute in den Sicherheitsbehörden, im Strafgesetzbuch. Gewalt für ein vermeintlich „höheres politisches Ziel“. Aber Gewalt nur der Gewalt wegen, Chaos aus Liebe zum Chaos – kann das Terrorismus sein?

In den dunkelsten Ecken des Internets, auf Plattformen wie Telegram und Discord, vernetzen sich Jugendliche und junge Menschen, verehren frühere Attentäter, verherrlichen Gewalt, geben sich Regeln und Dresscodes. Einige posieren mit ihren Waffen.

Sie gründen Chats und Foren, geben ihnen Namen und Logos, verbreiten „Manifeste“. Die Gruppen nennen sich „CVLT“ oder „KASKAR“ und „Maniac Murder Cult“ oder „No Lives Matter“. Jugendliche sind Täter – und Opfer zugleich. Manche von ihnen erpressen andere Online-Nutzer, wollen, dass sie intime Bilder von sich schicken. Andere wollen, dass sich ihr Gegenüber vor laufender Kamera selbst verletzt. Andere verehren Attentäter.

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    Es ist eine „True-Crime-Community“ entstanden, angelehnt an das populäre Format nacherzählter Kriminalfälle. Doch diese Szene meint es ernst. Echte Gewalttaten – und Videos davon – sind ihre „Währung“. Das Netzwerk, zu dem sich die Szene zugehörig fühlt, nennen sie „The Com“.

    Cody Zoschak, Senior Manager beim unabhängigen Thinktank Institute for Strategic Dialogue (ISD), recherchiert seit Jahren zu diesen Gruppen. Er sagt: „Es gibt keinen politischen Anführer, keine Partei, die dahintersteht. Man muss auch kein Mitglied einer politischen Bewegung sein.“ Und dennoch verbreiten gerade die Anhänger der „True-Crime-Community“ immer wieder Terror.

    Die „Fanszene“ der Attentäter eskaliert die Verehrung auf brutale Weise

    Die Analysten von ISD listen in einer Untersuchung seit Anfang 2024 mindestens 15 Angriffe mit Waffen auf Schulen oder vereitelte Anschlagspläne, die mit der Szene in Verbindung stehen. Auch das Attentat von Robin W. in Minneapolis zählen sie dazu. Und schreiben, dass sie allein in der Woche nach dieser Tat in den Chatgruppen und Foren sechs Nachahmer identifizieren konnten, die Gewaltakte planten – in den USA und außerhalb. ISD meldete die Fälle den Polizeibehörden.

    Teenager verehren Musikgruppen, andere lieben Sportidole, hängen Poster über ihr Bett. Die „Fanszene“ der Attentäter eskaliert die Verehrung auf brutale Weise, teilt über die Plattformen Fotos und Videos von selbst gestalteten Kunstwerken zu früheren Gewalttaten, manche produzieren eigene Videos, unterlegen Sequenzen von Attentaten mit Techno-Musik, bauen improvisierte Schreine aus Stahl oder Holz, die sie in ihren Zimmern aufstellen. Analyst Zoschak sagt: „In einigen Fällen produzieren Anhänger von Attentätern auch fiktionale und pornografische Darstellungen ihrer vermeintlichen ‚Helden‘. Es ist eine Art kultähnliche Verehrung.“

    Eine der größten Gruppen nennt sich „764“, benannt nach der Postleitzahl des Gründers

    Als „Helden“ gelten etwa die Attentäter, die 1999 Schüler ihrer Columbine High School im US-Bundesstaat Colorado angriffen, sie töteten ein Dutzend junge Menschen und einen Lehrer. Ende 2024 greift die damals 15 Jahre alte Natalie R. eine Schule im Bundesstaat Wisconsin an. In einem „Manifest“, das R. verfasst und Ermittler beschlagnahmen, nennt das Mädchen die Attentäter von Columbine, die sie „verehre“. Auch weitere Namen von jungen Attentätern, die in der Türkei, Finnland und auf der Krim töteten.

    Und nicht immer geht es um Attentate und Anschläge. Eine der größten Gruppen nennt sich „764“, benannt nach der Postleitzahl des Gründers. Ein „Ökosystem“ aus semi-autonomen Zellen, mit Mitgliedern in den USA, Kanada, Europa und Australien. Über Zeitzonen hinweg tauschen sie sich über Methoden, Propaganda und ihre Opfer aus. Kanada ist das erste Land weltweit, das „764“ als terroristische Vereinigung einstuft.

    Jugendliche sind Täter, andere Jugendliche sind Betroffene, manche gerade erst zehn Jahre alt. Und diese Gruppe ist auch in Deutschland aktiv. In Hamburg steht derzeit ein Teenager vor Gericht. Er soll sich „White Tiger“ genannt haben – und Teil des Netzwerks „764“ gewesen sein. Angeklagt ist er nicht als Mitglied einer Terrorgruppe oder einer kriminellen Vereinigung. In Deutschland ist „764“ nicht von den Behörden klassifiziert.

    Täter bei „764“ locken laut Sicherheitsbehörden gezielt Minderjährige an, binden sie erst an sich, um sie dann zu erpressen – und zu missbrauchen. Der in Hamburg Angeklagte soll laut Ermittlern einen 13 Jahre alten Jungen im US-Staat Washington so weit getrieben haben, dass er sich im Livestream erhängte. Die Szenen aus den Ermittlungen seien so abstoßend gewesen, dass die Beamten psychologisch betreut wurden.

    In den Gruppen herrscht ein „Wettbewerb, sich gegenseitig zu übertreffen“

    Was treibt die Täter zu Gewalt, wenn es nicht in erster Linie eine politische Ideologie ist? „Ansehen ist immer wieder ein Hauptantrieb“, schreibt der Kanadier Marc-André Argentino in seinem Blog, der wie nur wenige andere zu der Szene forscht. „Taten wie Tierquälerei, Graffiti und Straftaten im realen Leben dienen als eine Art soziale Währung.“ In den Gruppen herrsche ein „Wettbewerb unter den Jugendlichen, sich gegenseitig zu übertreffen“, bilanziert Argentino. Die „abscheulichen und traumatisierenden Handlungen“ würden einzig begangen, um „administrative Rechte in einem Chat oder auf einem Server zu erlangen, einen besonderen Titel oder ein Tag neben ihrem Benutzernamen zu bekommen, in eine Liste einer der Community-Gruppen aufgenommen zu werden oder Zugang zu verschlossensten Netzwerken dieser Gemeinschaften zu erhalten“, schreibt Argentino.

    Mitglieder des „Com“-Netzwerks beschreiben auch deutsche Experten wie Felix Neumann von der Konrad-Adenauer-Stiftung als „Clout Chaser“. Sie jagen nach Aufmerksamkeit. Mit Gewalttaten in der Gruppe aufzusteigen, ist ihnen wichtiger als ein politisches Ziel. Von der Polizei ertappt zu werden, gilt als Auszeichnung – nicht als Abschreckung.

    Screenshot White Tiger /Mordfall Internet
    In Hamburg ist ein junger Mann angeklagt: Unter dem Pseudonym „White Tiger“ soll er Teil der Gruppe „764“ gewesen sein. © Polizei Hamburg

    Hinzukommt laut Fachleuten, dass die Täter sich vor allem junge Menschen suchen, die psychisch labil sind, in Krisen stecken. Teenager, die Halt und Hilfe suchen, nutzen die Täter aus. Oftmals beginne es damit, bestimmte Kleidung zu tragen und sich so der Szene zuzuordnen. Heftiger wird es, wenn junge Menschen sich den Namen einer Gruppe in die Haut ritzen, sich selbst verletzen.

    Ist kein politisches Motiv und Ziel der Gewalttat zu erkennen, sprechen Polizisten wie Politiker bis heute schnell von „Amok“. Doch sehen Fachleute größere Zusammenhänge, eine global vernetzte, radikalisierte Subkultur mit eigenen Hierarchien, Szene-Codes, Propaganda. Einige Experten sprechen von „nihilistischem, gewaltbereitem Extremismus“.

    Auf der politischen Bühne ist die „nihilistische Gewalt“ noch nicht angekommen

    Eine neue Kategorie auch für den Verfassungsschutz und das Bundeskriminalamt? Wer mit Kriminalbeamten spricht, hört auf jeden Fall Wachsamkeit. Doch über Ermittlungsgruppen, die der Szene nachspüren, ist bisher nichts bekannt. Auch die Forschung steht noch am Anfang, diese gewaltbereite Subkultur zu untersuchen. Auf der politischen Bühne ist die „nihilistische Gewalt“ noch nicht angekommen – in der Online-Welt jedoch verwobener denn je.

    Umso mehr sorgte eine Untersuchung des Landeskriminalamts Baden-Württemberg kürzlich für Aufsehen. Forschende vom Anti-Terrorismuszentrum des Bundeslandes um Daniel Köhler tasten sich an die Szene heran – und blicken auf das Phänomen „Terrorgram“ als einen Teil dieser militanten „Attentäter-Fanszene“. Weltweit einmalig ist, dass das LKA für die Studie 37 tatsächliche Fälle der deutschen Strafverfolger auswertet, von 2020 bis 2025. Ein Teil der mutmaßlichen Täter war bereits mit Vorbereitungen für einen Anschlag beschäftigt.

    Wichtig sind folgende Erkenntnisse: Das Durchschnittsalter aller ausgewerteten Fälle liegt bei 16,4 Jahren. Gewalttäter werden immer jünger, das besorgt die Ermittler seit einigen Jahren zunehmend. Die Hälfte von ihnen radikalisierte sich in weniger als einem Jahr. Forscher Köhler spricht von einer „Blitzradikalisierung“, die typisch für die Szene sei.

    Sehr hoch (68 Prozent) ist auch die Quote der psychischen Erkrankungen der mutmaßlichen Täter. Es ist das, was auch in den „Manifesten“ früherer Attentäter auffällt: Hinweise auf Selbsthass, Zweifel, pathologische Wut auf andere, Gewaltfantasien. Viele der untersuchten jungen Tatverdächtigen haben selbst Missbrauch, Gewalt oder Vernachlässigung in der Familie erfahren. Und alle 37 in Deutschland untersuchten Fälle sind: männlich.

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    Hakenkreuze, SS-Totenköpfe, Vernichtungsfantasien gegenüber Frauen oder Juden

    Es sind Fälle, die beim Kriminalamt und Verfassungsschutz landen, weil sich in den Chatgruppen doch auch bekannte extremistische Symbole finden: Hakenkreuze, SS-Totenköpfe, Vernichtungsfantasien gegenüber Frauen oder Juden. Dann aber auch wieder satanische Codes, und manchmal paart sich Neonazi-Ideologie mit Islamismus. Auch die Staatsschützer in Baden-Württemberg schreiben von einer „Hybridisierung und Entgrenzung zwischen bestimmten extremistischen Ideologien und Subkulturen“.

    Die junge Attentäterin Natalie R. aus Wisconsin wirft in ihrem „Manifest“ mit rassistischen Worten gegen Schwarze um sich. Dann aber wettert sie gegen ihre Eltern, gegen ihren Therapeuten, gegen sich selbst. Sie benutzt Ideologie, aber sie wirkt wenig ideologisch. Überschrieben sind ihre Hasstiraden mit „Krieg gegen die Menschheit“.

    Anmerkung der Redaktion

    Aufgrund der hohen Nachahmerquote berichten wir in der Regel nicht über (mögliche) Suizide oder Suizidversuche, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Suizidgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen.

    Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.