Zwei Monate nach dem Start des neuen Freiwilligen Wehrdienstes kommt die zügige Einführung der Wehrpflicht wieder in die Diskussion. Der Wehrbeauftragte Henning Otte äußert in seinem neuen Jahresbericht „Zweifel an der Erfolgsaussicht des Freiwilligkeitsprinzips“: Otte verweist auf die sicherheitspolitische Lage und die geplante Größenordnung der Bundeswehr von 260000 aktiven Soldaten und 200000 Reservisten, die für eine glaubhafte Abschreckung zwingend sei. Der Bundestag müsse schon nächstes Jahr zügig und kritisch prüfen, ob die personellen Ziele der Bundeswehr mit dem Freiwilligen Wehrdienst erreicht werden – andernfalls sei die Rückkehr zur Wehrpflicht der konsequente nächste Schritt, heißt es in dem Jahresbericht, den Otte am Dienstag vorlegte.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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„2027 muss entschieden werden“, drängt der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete. „Entscheidungen zur Wehrhaftigkeit unseres Landes dulden keinen weiteren Aufschub.“ Der Wehrbeauftragte des Bundestags bringt dafür einen neuen Pflichtdienst ins Gespräch: Weil mit der Wehrpflicht ohnehin ein Ersatzdienst für Kriegsdienstverweigerer angeboten werden müsste, sei dies eine Gelegenheit, „ein modernes Pflichtdienstmodell zu schaffen und dadurch den sozialen Zusammenhalt in Deutschland zu fördern und die Gesamtverteidigungsfähigkeit langfristig zu stärken“.

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Der Wehrbeauftragte dringt auf Tempo: „Bereits jetzt muss die Bundeswehr dafür Sorge tragen, eine ausreichende Anzahl an Ausbildern nebst notwendiger Infrastruktur für die absehbar steigende Anzahl an Rekruten sicherzustellen.“ Zugleich fordert Otte, den Wehrdienst gezielt weiter attraktiv auszugestalten und die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen – von Musterungszentren bis zu Kasernen. Angesichts der Sicherheitslage und der Zusagen an die Nato „ist ein wesentlich höheres Tempo zwingend“, heißt es in Ottes Bericht.

Wehrbeauftragter sieht Verbesserungsbedarf bei Einstellungen

Der Wehrbeauftragte sieht aber auch Verbesserungsbedarf bei der Einstellungspraxis der Bundeswehr: Regelmäßig beklagten Soldatinnen und Soldaten in Eingaben die aus ihrer Sicht falschen Informationen der Karriereberater bei Bewerbung und Einplanung. Viele aktive Soldaten schilderten ihm bei Truppenbesuchen auch den Eindruck, dass wohl das Motto „Quantität vor Qualität“ in den Karrierecentern gelte. In der Basisausbildung befänden sich demnach vermehrt Soldaten, die gesundheitlich gar nicht für den Dienst in der Truppe geeignet seien. Otte zitiert Berichte über „Rekruten mit massivem Übergewicht, Taubheit auf einem Ohr, angeborenem Bluthochdruck oder Bänderriss, der ein Laufen unmöglich mache“.

Jahresbericht 2025 zur Lage der Bundeswehr
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (l.) bei der Übergabe des Jahresberichts 2025 zur Lage der Bundeswehr mit Henning Otte (r.), Wehrbeauftragter des Bundestags.© Elisa Schu/dpa | Elisa Schu

Generell mahnt der Wehrbeauftragte Rückhalt und klare Unterstützung aus Politik und Gesellschaft für die Soldatinnen und Soldaten an. Die Erwartungen an die Leistungsfähigkeit der Truppe seien außergewöhnlich, doch brauche sie verlässliche Rahmenbedingungen. „Ankündigungen müssen sich in Einsatzbereitschaft und damit in Strukturen, Ausstattung und Unterstützung widerspiegeln.“ Zentral sei eine schnell einsatzbereite, voll ausgestattete und durchhaltefähige Bundeswehr. „Goldrandlösungen gehören der Vergangenheit an“, erklärt Otte.

Sexismus in der Bundeswehr: Zahl der gemeldeten Fälle gestiegen

Beim Personal sieht er vor allem noch Potenzial bei Frauen. Trotz aller Bemühungen sei der Anteil der Soldatinnen nur minimal auf 13,7 Prozent gestiegen, in der kämpfenden Truppe liegt er sogar nur bei zehn Prozent. „Viel zu wenig“, sagt Otte. Eine frühzeitige und gezielte Förderung von Frauen in der Truppe sei nötig, habe aber nur Erfolg, wenn die Bundeswehr jeder Diskriminierung wegen des Geschlechts entschieden entgegentrete. „Noch immer beanstanden speziell Soldatinnen sexistisches Verhalten oder diskriminierende Äußerungen im Dienstalltag“, berichtet Otte.

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Er verweist auf Daten des Verteidigungsministeriums, nach denen voriges Jahr 430 Verstöße gegen die sexuelle Selbstbestimmung gemeldet wurden, neun Prozent mehr als 2024. „Sexismus hat keinen Platz in der Bundeswehr“, betont Otte. Aber wie die Nulltoleranz gelebt werde, habe immer noch viel mit dem Klima in den einzelnen Einheiten und damit auch mit Führungskultur zu tun.

Zahl der Extremismus-Vorfälle leicht angestiegen

Auch die Zahl von Extremismus-Vorfällen ist 2025 erneut leicht angestiegen. Beim Wehrbeauftragten gingen 275 Meldungen vorwiegend wegen Rechtsextremismus ein, ein Jahr zuvor waren es 252. Es gehe etwa um rechtsextreme und verfassungsfeindliche Äußerungen, die Teilnahme an Veranstaltungen mit rechtsextremistischem Hintergrund, entsprechende Kleidung, Tattoos oder Musik. Voriges Jahr sind dem Bericht zufolge 13 Personen wegen gravierenden verfassungsfeindlichen Verhaltens aus der Bundeswehr entlassen worden. Doch betont Otte, „dass extremistische Verhaltensweisen in der Bundeswehr klare Ausnahmen sind“.

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Der Wehrbeauftragte, der nach seinem Amtsantritt im Mai 2025 zum ersten Mal einen Jahresbericht vorlegte, wollte seine Bilanz ausdrücklich nicht als reinen Mängelbericht verstanden wissen. Er lobte nicht nur, dass die Bundesregierung wichtige Schritte zur Stärkung der militärischen Verteidigungsfähigkeit eingeleitet habe, sondern verwies auch auf sichtbare Erfolge: So habe sich die Ausstattung der Soldaten mit Bekleidung – in früheren Jahren ein ständiger Kritikpunkt der Wehrbeauftragten – ganz eindeutig verbessert. Die Soldaten klagten nicht mehr über fehlende Ausrüstung, sondern darüber, dass es für die „Flut“ persönlicher Ausstattung nicht genügend Schränke und andere Unterbringungsmöglichkeiten gebe.