Hausdurchsuchung beim ehemaligen Regierungschef? Verdacht auf schwere Korruption? Das klingt eigentlich nicht nach Norwegen. Aber die Bilder von hemdsärmeligen Polizisten, die Kartons aus Thorbjørn Jaglands Osloer Wohnung tragen, zeigten im Februar nur einen Schockmoment von vielen für das Land.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Von seiner Bevölkerung wird es innig geliebt. International gilt es in vielen Bereichen als Vorbild. Ausgerechnet in Norwegen taten sich aber überraschend große Epstein-Abgründe auf, seit Ende Januar massenweise neue US-Ermittlungsakten zu dessen Fall veröffentlicht wurden. Wie kann das sein? Was folgt daraus? Das fragt man sich nicht zuletzt im Land selbst.

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Jeffrey Epstein: Enge Kontakte auch in Norwegens Politszene enthüllt

Die ganze Welt weiß inzwischen über das befremdlich vertraute Verhältnis von Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit zu dem 2019 in Haft zu Tode gekommenen Sexualverbrecher Bescheid. Aber damit also nicht genug – auch in der (außen-)politischen und diplomatischen Topriege des Landes fanden sich überraschend enge Kontakte zu Jeffrey Epstein. 

Kronprinz Haakon und Prinzessin Mette-Marit
Die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit geriet aufgrund ihres vertraulichen Verhältnisses zu Jeffrey Epstein in die Kritik. Hier zu sehen mit Ehemann Prinz Haakon.© AFP | Stian Lysberg Solum

Beispiel Thorbjørn Jagland, langjähriger Chef der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, Ministerpräsident 1996–1997, Außenminister 2000/2001. Und, ein Top-Job nach der Politik: Von 2009 bis 2015 stand er dem norwegischen Nobel-Komitee vor. 

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Wenn von einer Institution im Land moralische Integrität erwartet wird, dann von dieser. Und wenn eine Rolle in Norwegen für eine gewisse internationale Klientel nach vielversprechendem Kontakt klingt, dann offenbar diese. Das Nobel-Institut, das den Friedensnobelpreis vergibt, kündigte eigene Untersuchungen an.

Jagland und Brende rücken wegen Epstein-Kontakten ins Visier

Bevor die Polizei Jaglands Wohnung und zwei Häuser überhaupt betreten konnte, musste im Übrigen der Europarat die diplomatische Immunität seines ehemaligen Generalsekretärs aufheben – noch so ein Top-Job mit Betonung auf internationalen Verbindungen. Gegen den heute 75-jährigen Jagland wird nun also wegen Korruptionsverdachts ermittelt.

Weltwirtschaftsforum in Davos, Borge Brende
Norwegens Ex-Außenminister Børge Brende trat aufgrund seiner Kontakte zu Epstein in seiner Funktion als Chef des Weltwirtschaftsforums von Davos zurück.© Laurent Gillieron/KEYSTONE/dpa | Laurent Gillieron

Auch der norwegische Ex-Außenminister Børge Brende trat aufgrund seiner Kontakte zu Epstein in seiner Funktion als Chef des Weltwirtschaftsforums von Davos zurück. Brende hatte zunächst bestritten, Kontakt zu Epstein gehabt zu haben. Doch dann tauchte sein Name mehrmals in den vom US-Justizministerium veröffentlichten Akten auf. Demnach traf er sich mit Epstein zu Geschäftsessen und kommunizierte mit ihm über SMS und E-Mail – und zwar nach dessen Verurteilung.

Norwegen setzt auf Vertrauen, Wohlstand und soziale Sicherheit

Zum Selbstverständnis der Norweger gehört, in einer auf Vertrauen und Miteinander aufgebauten Gesellschaft zu leben. Dass der Staat mit seinen über Jahrzehnte geschickt angelegten Einnahmen aus der Öl- und Gasproduktion einzigartig hohe Finanzreserven hat, verstärkt das sichere Gesamtgefühl. 

Mehr zum Fall Epstein

Fortschrittlich, korruptionsarm, starke Demokratie, unschlagbare Langlauf-Genies, starkes Engagement für Menschenrechte und Frieden: Der Ruf des Landes könnte kaum besser sein, und da ist noch nicht mal die überwältigend schöne Natur genannt. Nun müssen die Norweger sacken lassen, dass sie es sich vielleicht zu gemütlich eingerichtet hatten in ihrer Zufriedenheit. Dass auch unter ihnen solche sind, die den Verführungen von Macht, Einfluss und Luxus erliegen. 

Jagland soll mehrfach Epsteins Wohnungen genutzt haben

Laut der zuständigen norwegischen Strafverfolgungsbehörde Økokrim nutzten Jagland und seine Familie zwischen 2011 und 2018 etwa mehrfach Epsteins Wohnungen in Paris und New York für Aufenthalte. Auch sein Anwesen in Palm Beach sollen sie besucht haben. Mindestens in einem Fall soll Epstein die Reisekosten übernommen haben. Als weiteres Beispiel für Vorteile aus der Bekanntschaft nannte der norwegische Rundfunk NRK, dass Epstein für Jagland und seine Frau je eine Arztrechnung in New York beglichen habe. 

Der Ton zwischen dem Norweger und Epstein war sehr informell. Der einstige Ministerpräsident erwähnt in einer Nachricht etwa seine Reisetermine – und kommentiert dazu wie nebenbei die „außergewöhnlichen Mädchen“ in Tirana. 

Epstein soll über Jagland Kontakt zu Putin gesucht haben

Und was hatte Epstein von diesem Kontakt? Das internationale Netzwerk und der gute Ruf nicht nur dieses Norwegers gelten als Grund für sein Interesse. Epstein hat laut der Zeitung „Verdens Gang“ (VG) etwa immer wieder versucht, über Jagland an ein Treffen mit Russlands Präsident Wladimir Putin zu kommen. 

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Jagland hatte den Umfang seiner Epstein-Kontakte lange heruntergespielt. Norwegische Medien versuchten schnell zu ergründen, welche Folgen die ersten Erkenntnisse aus den Epstein-Files für die Bevölkerung hatten. Laut einer Umfrage im Auftrag von VG meinten 44 Prozent der Befragten Anfang Februar, Kronprinzessin Mette Marit könne nun nicht mehr Königin werden. 

Epstein-Affäre erschüttert Vertrauen der Norweger in Politik

Ihr Erstgeborener, der nicht royale Marius Borg Høiby, steht derzeit unter anderem wegen Vergewaltigungsvorwürfen vor Gericht. Dieser aufsehenerregende Prozess war eigentlich mehr als genug an Problemen für das Königshaus. Die Kronprinzessin äußerte sich beschämt über ihre Epstein-Phase, sprach von schlechtem Urteilsvermögen und stellte für später ausführlichere Erklärungen in Aussicht. 

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Der Sender TV 2 ließ die Folgen der politisch-diplomatischen Epstein-Verwicklungen untersuchen. Gut drei Viertel der Norweger sagten demnach in einer Umfrage, ihr Vertrauen in das politische System sei durch die Erkenntnisse „stark“ oder „etwas“ geschwächt. 

Epstein: Kinder von Diplomaten-Ehepaar sollen in Testament stehen

Zu den Gründen gehören die Erkenntnisse um das Ehepaar Terje Rød-Larsen und Mona Juul. Die beiden galten als sehr beliebt, nicht zuletzt wegen ihrer Diplomaten-Rolle im sogenannten Oslo-Friedensprozess zum Nahostkonflikt in den 1990er-Jahren.

Terje Rod-Larsen
Der Diplomat Rød-Larsen zog sich schon 2020 aus der Leitung des New Yorker Thinktanks International Peace Institute (IPI) zurück.© picture alliance/AP Photo | Matt Dunham

Rød-Larsen zog sich schon 2020 aus der Leitung des New Yorker Thinktanks International Peace Institute (IPI) zurück, nachdem Verbindungen zu Epstein und dessen finanzielle Unterstützung für IPI bekannt geworden waren. 

Aber wie sehr er und seine Familie mit dem da bereits für Sexualstraftaten Verurteilten verbunden waren, wurde erst jetzt klar. So sollen die beiden Kinder des Paares in Epsteins Testament gestanden haben, sie sollten jeweils fünf Millionen Dollar erben. Von ihren Aufgaben als Botschafterin für Jordanien und Irak wurde Juul im Februar zunächst suspendiert, dann legte sie selbst ihr Amt nieder. 

König Harald: Neues Familienfoto könnte Zeichen setzen

Zum 89. Geburtstag des weithin sehr beliebten Königs am vergangenen Samstag veröffentlichte das Königshaus ein neues Foto. Es zeigt König Harald zusammen mit Kronprinz Haakon und dessen Tochter, Prinzessin Ingrid Alexandra, nur diese drei. Die Zeitung „Nettavisen“ lobte das Foto. Es zeige die Gegenwart und die Zukunft. „Wir brauchen es vielleicht gerade, daran erinnert zu werden. König Harald hält die Familie und die Nation zusammen.“

Das allein reicht aber derzeit nicht. Norwegen verlangt nach Antworten. Eine vom Parlament beauftragte, unabhängige Untersuchungskommission soll den norwegischen Epstein-Verbindungen auf den Grund gehen.