Die Wände des Krankenhauses sind von Narben von Schrapnell-Einschlägen bedeckt. Natalia Filenko hält die Begrüßung kurz und geht zügig zu einem kleinen Gebäude. Es ist nicht ratsam, hier zu lange unter freiem Himmel zu verweilen. „Wir werden jeden Tag angegriffen.“

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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In dem Häuschen riecht es nach Frikadellen und Tod. In einem Aufenthaltsraum essen zwei Männer gerade zu Mittag. Zwei Räume weiter liegen die Leichen der kürzlich Verstorbenen. Ein Toter mit abgedecktem Gesicht befindet sich auf einer Bahre, an seinem Körper sind noch Elektrodenpflaster befestigt. An Beinen, Armen und am Bauch sind die winzigen Wunden der Splitter zu sehen, die ihm den Tod gebracht haben. Der 82-Jährige ist der 34. Zivilist, der in diesem Jahr durch russischen Beschuss in Cherson getötet worden ist. Er gilt als Opfer eines Kriegsverbrechens. Natalia Filenko und ihr Team helfen dabei, diese Kriegsverbrechen aufzuklären, damit die Täter zur Rechenschaft gezogen werden.

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Cherson unter Dauerbeschuss: Russische Angriffe treffen Zivilisten täglich

Cherson ist eine Stadt, die besonders unter dem russischen Angriffskrieg leidet. Nach dem Beginn der Invasion im Februar 2022 wurde sie von Putins Truppen erobert. Die Russen errichteten ein brutales Besatzungsregime. Es endete im November des gleichen Jahres mit der Befreiung der Stadt. Jedoch liegt Cherson seitdem unter ständigem Beschuss.

Die Stadt liegt am Dnipro, dem größten Fluss des Landes, und die gegenüberliegende Uferseite ist noch immer russisch besetzt. Nahezu täglich feuern die russischen Streitkräfte auf die Stadt. Mit Grad-Raketenwerfern, mit Mörsern, mit Gleitbomben. Am gefährlichsten sind ihre kleinen Kamikaze-Drohnen, mit denen sie Jagd auf Zivilisten machen. Es gibt einen zynischen Begriff dafür: menschliche Safari. Cherson ist eine Stadt, in der Journalisten die Presseschilder auf den Schutzwesten abkleben sollen, weil sie sonst Zielscheiben werden.

Drohnenangriffe fordern zahlreiche Opfer in Cherson

Oleksandr Prokudin sagt lakonisch: „Die Situation hier ist sehr schwierig“. Der Gouverneur der Stadt und der Region sitzt in einem Bunker in Cherson und zählt die nüchternen Zahlen auf. 1055 getötete Zivilisten in vier Jahren, darunter 80 Kinder. 6655 Verletzte. Aktuell 2500 Drohnenangriffe pro Woche auf die Stadt und die Region. „Jeder, der sich in der Region bewegt, ist ein Ziel.“

Ein Kind auf einem Fahrrad. Eine alte Frau, die ihre Ziegen hütet. Passagiere eines der kleinen Verkehrsbusse, die noch immer in der Stadt fahren. „Sie nehmen Videos von ihren Taten auf, laden sie auf Telegram hoch und machen sich darüber lustig.“ Die Bekämpfung der Drohnen ist das Hauptziel der Sicherheitskräfte. Sie sind für die Hälfte der gewaltsamen Tode in der Stadt verantwortlich.

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Drohnenangriffe: Ukrainer setzen auf Netztunnel und Störsysteme

Überall in der Stadt stehen Soldaten, die ständig in den Himmel schauen, lauschen, ob das helle Sirren der kleinen Killermaschinen zu hören ist. Notfalls müssen sie auf sie schießen, die Chance, sie zu treffen, ist aber verschwindend gering. Über viele Straßen sind Netztunnel gespannt, in denen sich anfliegende Drohnen verfangen. Ein dreischichtiges elektronisches Abwehrsystem soll die Funksignale stören. 96 Prozent der anfliegenden Drohnen werden neutralisiert, bevor sie einschlagen können, sagt Prokudin. „Aber die Russen verbessern ihre Offensivfähigkeiten ständig.“

Molniya-Drohnen mit Starrflügeln tragen kleinere Kamikazemaschinen tiefer in die Stadt und die Region hinein, mit Glasfaserkabeln gesteuerte Drohnen können nicht elektronisch bekämpft werden. Die Angriffe auf Zivilisten sind für Prokudin „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Jeder, der dafür verantwortlich sei, müsse zur Rechenschaft gezogen werden. „Wir dokumentieren jeden Fall.“

Ermittler riskieren täglich ihr Leben bei Angriffen in Cherson

Dafür ist Ihor Demyanyuk verantwortlich. Er ist der Leiter der Abteilung für Kriegsverbrechen bei der Polizei in Cherson, ein Kriminalbeamter mit 20 Jahren Erfahrung. Die vergangenen vier Jahre haben ihn an seine Grenzen gebracht. Demyanyuk steht an diesem Tag unter einem Wellblechdach vor einigen kleinen Einkaufsläden in einem Hochhausviertel der Stadt, er wirkt nervös. Immer wieder sind hier Explosionen zu hören. Er will nicht fotografiert werden, er ist ein Hochwert-Ziel für die Russen. „Unsere Ermittler sind fast jeden Tag mehrmals draußen, um Einschlagsorte zu inspizieren.“

Erst an diesem Morgen hat es einen Verkehrsbus an einer Haltestelle im Stadtzentrum getroffen. Drei Menschen wurden verletzt. Seine Kollegen haben wie üblich Fragmente der Drohne eingesammelt, ihre Flugbahn berechnet, Zeugen und Opfer des Angriffs befragt. Auch für die Ermittler ist es gefährlich. Häufig warten die Russen, bis an einem Einschlagsort Polizei und Rettungskräfte eintreffen, und greifen dann ein zweites Mal an. An manchen Orten sind intensive Ermittlungen unmöglich. „In der Nähe des Flusses machen wir nur Videos, die wir dann später auswerten.“ Die rote Zone, in der ihre Arbeit nur eingeschränkt möglich ist, wird jeden Tag größer. Er atmet tief durch: „Wir verlieren regelmäßig Kollegen.“

Russische Kriegsverbrechen: Ermittler dokumentieren 30.000 Fälle

Seit dem Beginn der russischen Invasion vor vier Jahren haben Ermittler wie Demyanyuk rund 30.000 Fälle russischer Kriegsverbrechen dokumentiert. Der Polizist klappt sein Tablet auf, zeigt Bilder. Von den Kellern, in denen die Russen während der Besatzung von Cherson Menschen gefoltert haben, von Einschlagsorten, an denen seine Kollegen arbeiten. Am nächsten sind ihm nicht die Fälle gegangen, bei denen Menschen durch Attacken getötet oder verwundet wurden. „Am fürchterlichsten sind die Vergewaltigungen. Sie haben Frauen und Männer vergewaltigt. Das machen sie, um Menschen zu bestrafen. So haben sie das in ihrem Gefängnissystem gelernt.“

Forensikerin arbeitet in Institut
Natalia Filenko, Forensikerin in der Region Cherson. Die Stadt versucht mit Polizei, Behörden und Justiz die Kriegsverbrechen Russlands zu dokumentieren und zu ahnden.© FUNKE Foto Services | André Hirtz

Haben sie ihre Ermittlungen abgeschlossen, geben sie die Akten an die Staatsanwaltschaften und an die Gerichte. „Im vergangenen Jahr gab es 33 Anklagen, mehrere Täter sind in Abwesenheit verurteilt worden.“ Vor Gericht erscheint natürlich keiner der Angeklagten. „Aber wir stellen diesen Leuten sogar Anwälte.“ Demyanyuk lässt sich dadurch nicht frustrieren. „Es ist wichtig für die Opfer oder ihre Angehörigen, dass wir diejenigen identifizieren, die für solche Verbrechen verantwortlich sind.“

Forensiker in Cherson arbeiten trotz zerstörtem Institut weiter

Natalia Filenko und ihr Team tragen zu diesen Ermittlungen entscheidend bei. Filenko ist die Leiterin der regionalen Forensik, sie und ihre Leute untersuchen die Körper der Menschen, die bei russischen Angriffen getötet wurden. Das Institut, in dem sie ursprünglich gearbeitet hat, ist im vergangenen Sommer zerstört worden, und damit auch die große Leichenhalle, in der 150 Körper aufbewahrt werden konnten. Jetzt arbeiten sie und ihr Team in einem Krankenhaus, die Leichenhalle ist dort deutlich kleiner und sehr beengt. „Aber der Kühlschrank hier ist der größte in Cherson.“

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Auch sie schickt ihre Experten raus, wenn es Todesopfer gegeben hat, um schon am Tatort ermitteln zu können. „Aber es wird immer gefährlicher für sie.“ Die Forensiker arbeiten eng mit der Polizei zusammen, erzählt sie: „Wir beantworten die Fragen der Ermittler.“ Welche Verletzungen genau haben zum Tod geführt? Der 82-jährige Mann, der vor einer Woche bei einem Drohnenangriff schwer verletzt wurde, im Krankenhaus seinen Verletzungen erlag und jetzt in der Leichenhalle liegt, ist gestorben, weil Schrapnelle seine inneren Organe zerfetzt haben.

In einer Kladde hat Filenko in akkurater Handschrift die Fälle aufgeschrieben, die hier reinkommen. „An manchen Tagen sind es drei oder vier Körper. An manchen Tagen kommt Gott sei Dank keine Leiche.“ So hart gesotten sie mittlerweile sind, gibt es doch Tage, die auch sie noch immer schockieren. Mitte Oktober 2024 trifft eine Bombe einen Markt in Cherson, sechs Menschen sterben. Ihre völlig zerfetzten Körper müssen Filenko und ihr Team Personen zuordnen. Die Arbeit mit toten Kindern ist belastend. „Emotional ist es manchmal sehr schwierig.“ Filenko ist selbst Mutter, ihre Tochter lebt mit dem Enkelkind in Odessa, 200 Kilometer westlich. Der Mann ihrer Tochter ist beim Militär, er ist Arzt. Er gilt als vermisst. „Wir hoffen, dass er in Gefangenschaft geraten ist.“