Liebe Leserin, lieber Leser,
neulich waren wir zu einem Familienessen in einem schicken türkisch-persisch-levantinischen Restaurant in einem gentrifizierten Berliner Szenebezirk. Wir fielen regelrecht über die Mezze, die vielen kleinen Speisen zum Teilen, her: Hummus, gerösteter Blumenkohl, ausgebackene Pilze, Dips auf Joghurt-Basis, Lamm und Feta. Die Wände waren samtig grün, die Tische aus blank poliertem Holz, akustisch hüllte uns sanfter Jazz ein. Wir saßen dort lang, genossen die Geschmacksexplosionen und bestellten Wein nach.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Das Restaurant ist nicht weit weg von einem der vielen Drogen-Hotspots der Metropole. „Hier bekam ich neulich eine Visitenkarte von einem Dealer zugesteckt“, erzählte mir auf dem Weg dorthin eine junge Anwältin, eine Freundin meiner Kinder. Richtig cool sei die Grafik darauf gewesen, voll professionell. „Falls ich mal was brauche“, habe der Typ gesagt. Dealer mit Visitenkarten? Echt jetzt?
Deutschland wird von Kokain überschwemmt
Tatsache ist: Deutschland und auch andere Länder in Europa wie Italien, Portugal oder Spanien, werden von Drogen, vor allem Kokain, überschwemmt. Gesättigt wird der Markt über Kartelle, die immer neue Wege suchen, um ihre Päckchen mit Kokain an Drogenfahndern vorbei ins Land zu schmuggeln. Kleine Häfen an der Nordseeküste sind es, wo Schmuggler das Zeug aus dem eiskalten Wasser fischen, sobald es von großen Containern abgeworfen wird.

Mein Kollege Christian Unger hat beschrieben, wie sich die Schmuggler ausrüsten, wenn sie in der Winter-Nordsee nach den Paketen tauchen oder versuchen, sie von kleinen Motorbooten aus zu orten. Mitunter gelingt das nicht, und erstaunte Touristen finden an den Stränden von Borkum oder Juist die verbotene Ware. Was zeigt, wie sehr die Realität als Vorlage für eine großartige Netflix-Serie taugt.
Die Nachfrage sei eben riesig, sagen Sicherheitsexperten. Dass in Deutschland heftig gekokst wird, bestätigen ja auch immer wieder die Abwasseranalysen.
In Teheran ist Heroin billiger als Milch
Im Iran ist es vor allem Heroin, das die Jugend sediert. Das Zeug ist dort verdammt billig, sagt Omid Nouripour im Interview, das Theresa Martus und Christian Kerl mit ihm führten: „In Teheran kostet ein Schuss weniger als ein Liter Milch.“ Und das sei von den Revolutionsgarden, der Terror-Miliz, die in den vergangenen Wochen Tausende Menschen getötet hat, auch so gewünscht. Sie seien, so der Vizepräsident des Deutschen Bundestags und ehemaliger Grünen-Chef, aktiv am Drogenhandel beteiligt – „nicht nur, um Geld zu machen, sondern auch, um die verzweifelte Jugend ruhig zu stellen“. Tiefer kann der gesellschaftliche Abgrund kaum sein, der sich auftut, wenn Terroristen an der Macht sind.
Nouripour ist als Kind mit seiner Familie vor dem Iran-Irak-Krieg geflüchtet. Kontakt ins Land hat er immer noch. Lesen Sie hier, was er von einer Intervention der Amerikaner auf die Islamische Republik hält und warum er überzeugt ist, dass nur die Menschen im Land die Mullahs dauerhaft vertreiben können.

Zurück zu den Drogen: Wie sehr sie beim Missbrauch von Kindern und Jugendlichen eine Rolle spielen, das erklärte mir vor einiger Zeit Markus Elstner, der als Kind vom Pfarrer H. mit viel Alkohol willenlos gemacht und dann missbraucht wurde. Die Folge: Neben dem schweren psychischen Trauma gehört zu Elstners Leben auch eine Suchtkarriere.

Missbraucht: Diese Frauen schweigen nicht mehr länger
Und nun habe ich in dieser Woche drei Frauen kennengelernt, die in ihrer Kindheit Opfer von schwerem sexuellem Missbrauch, psychischer und physischer Gewalt wurden. Sie wollen, dass ihre Geschichten öffentlich werden, um den Blick auf die Opfer zu lenken. Denn die kämen, sagten mir Lena Jensen, Aliena Bartel und Katha Rosa, bei der Aufarbeitung des Epstein-Skandals kaum vor.
Was sie mir dann erzählten, ist nur schwer zu ertragen. Bei Sätzen wie: „Mein Stiefvater machte noch nicht mal die Schlafzimmertür zu“, ist sofort jedes Kopfkino an. Vielleicht wird deshalb der Blick schnell auf die Täter gerichtet.

Und es ist ja auch richtig, aufzuklären, welche Verbrechen etwa der ehemalige Prinz Andrew während seiner Freundschaft mit dem verurteilten Jeffrey Epstein auf dem Gewissen hat. Vorübergehend festgenommen wurde er an diesem Donnerstag allerdings wegen Geheimnisverrats und Amtsmissbrauchs. Der sexuelle Missbrauch von Minderjährigen ist eben schwerer nachzuweisen. Eines seiner mutmaßlichen Opfer, Virginia Giuffre, hat Memoiren geschrieben und ihn schwer beschuldigt. Kurz nach der Veröffentlichung hat sich Giuffre im vergangenen Sommer das Leben genommen.
Auch meine drei Gesprächspartnerinnen haben Selbstmordversuche hinter sich. Gerechtigkeit über die deutsche Justiz erfuhren sie nicht: Verfahren wurden eingestellt, erst gar nicht aufgenommen oder mit einer lächerlichen Bewährungsstrafe abgegolten.
Xavier Naidoo schwurbelt nach der Demo und sorgt für Fake News
Was besonders unerträglich ist: Lena Jensen, Katha Rosa, Aliena Bartl haben mit einigen weiteren Missbrauchsopfern eine Demonstration vor dem Kanzleramt organisiert. Sie haben gesungen, poetische Texte vorgetragen. Und klar erklärt, sie wollten nicht länger schweigen. Doch eine Reihe von Rechtsextremen versuchte, die Demo für ihre Verschwörungs-Schwurbeleien zu missbrauchen. Allen voran Xavier Naidoo, der Sänger aus Mannheim, der während der Corona-Pandemie als Querdenker für Aufsehen sorgte und auch mit Reichsbürgern auftrat. Er hatte rechte Sprachrohre dabei, die ihn nach der offiziellen Veranstaltung befragten und ihn hinterher zum Demo-Teilnehmer in den sozialen Medien machten. Das wiederum verdrehte die Veranstaltung meiner Gesprächspartnerinnen zur „Schwurbler-Demo“.

Ich war bei der Demo dabei und danach mit meinen Gesprächspartnerinnen auf dem Weg in die Redaktion. Sie mieden den Kontakt mit Naidoo und anderen Personen aus dem Spektrum, wurden aber immer wieder angesprochen, obwohl sie längst den Platz mit mir verlassen hatten.
Aus dem Redaktionsalltag: So gehen wir gegen Fake News vor
Inzwischen kursieren Behauptungen im Netz, sie hätten die Nähe gesucht. Ich kann nur sagen: Es ist erschreckend, wie die Agitationsmaschine professionell orchestrierte Fake News schaffen kann. Schlimm ist, dass ich nun Leserbriefe und Social-Media-Kommentare bekomme, die genau auf derartigen Fake News beruhen.
Viele haben sich aber auch bedankt, dass wir den drei mutigen Frauen den Platz, diesen Raum gegeben haben. „Dafür zahle ich gerne mein Abo“, schrieb mir eine Leserin, und das hat mich besonders gefreut, denn hinter gut recherchierten Nachrichten und Hintergründen stecken eben Profis, die ihren Job lieben.
Hier mal ein Einschub aus unserem Arbeitsalltag: Fake News und KI-generierte Bilder erschweren längst unseren Arbeitsalltag. Wir verlassen uns nur noch auf eigene Fotografen, Reporter oder Agenturen, die ein gründliches und transparentes Fact-Checking betreiben. Im Zweifel lassen wir die Finger von Bildern, uns zugespielten Informationen und Dokumenten. Das mag uns langsamer machen, aber die gründliche Recherche ist die einzige Chance, diese Flut von Falsch-Nachrichten zu kontern.
KI im Uni-Alltag: Ist die Masterarbeit noch etwas wert?
Das eigene Erleben, das selbst geführte Gespräch von Angesicht zu Angesicht, das wird kein noch so kluger Prompt ersetzen. Zumindest bislang nicht. Allerdings gehört der Umgang mit KI, etwa ChatGPT, längst zum Alltag. An den Universitäten etwa verliert gerade die Hausarbeit oder auch die Abschlussarbeit für den Bachelor oder Master ihren Wert. Das beschreibt meine Kollegin Katharina Engeln. Denn mit geschickten Prompts lassen sich in kürzester Zeit umfangreiche Texte erstellen. Lesen Sie hier, was da auf die Universitäten zukommt und wie Professoren reagieren.

Übrigens ist der Umgang etwa mit ChatGPT auch an Schulen ein großes Thema. Mir hat neulich ein Vater erzählt, der Deutschlehrer seiner Tochter bewerte inzwischen nur noch die Prompts, die die Schülerinnen und Schüler schreiben, und nicht mehr die so generierten Aufsätze.
KI hilft mir auch. Nur meine Texte, die schreibe ich selbst
Das ist vielleicht ein kluger Ansatz. Und wenn Sie sich jetzt fragen, wie meine Newsletter entstehen und auch unsere Kommentare und sonstigen Texte, ob wir einfach nur noch ChatGPT oder andere KI-Tools beauftragen: In unseren Richtlinien ist es untersagt, Texte mit KI zu generieren. Und bei der Beschaffung von Informationen ist es für uns selbstverständlich, die Quellen zu checken, die eine KI zitiert.
Ich bin da ohnehin altmodisch und verlasse mich lieber auf mein Sprachgefühl und nicht auf einen glatt gebügelten Automatismus. Aber ich lasse mir Überschriften-Vorschläge geben. Manchmal bringen sie mich auf ganz neue Ideen. Und das spornt mich an, denn ich habe den Ehrgeiz, immer noch besser zu sein als die Maschine.
Hoffen wir mal, dass es so ausgeht mit der künstlichen Intelligenz: Sie hilft den Kreativen, noch kreativer zu sein. Den Forschenden, noch genauer zu suchen, um die Ecke zu blicken, das Besondere zu entdecken. Aber auch den Faulen, schneller die Beine hochzulegen.
Ein Newsletter mit schweren Themen – aber auch Zuversicht
Dealer mit Visitenkarten, ein Terrorregime mit Drogenkasse, sexueller Missbrauch, der Strudel an Desinformation, in den ich selbst hineingeraten bin – und dann auch noch die KI: Es ist schon eine schwere Kost, die ich Ihnen in dieser Woche zumute. Aber vielleicht erkennen Sie meinen optimistischen Ansatz, wonach uns die Entwicklungen der Zeit zwingen, genauer hinzusehen, uns mehr Mühe zu geben. Zumindest, wenn wir Wahrheit und Lüge voneinander trennen wollen. In diesem Sinne: Bleiben Sie zuversichtlich!
Es grüßt Sie herzlich
Ihre Birgitta Stauber





