• Künstliche Intelligenz ist inzwischen Alltag an deutschen Hochschulen
  • Immer mehr Studierende nutzen ChatGPT für Essays, Hausarbeiten und Recherchen
  • Warum der Trend das Studium entwerten könnte, erklärt ein Generationsforscher

Der Essay ist noch nicht fertig, die Frist läuft in wenigen Stunden ab. Aber statt Bücher aufzuschlagen, öffnen Studierende heute oft ein Chatfenster. Sekunden später erscheint ein fertiger Text: Einleitung, Argumente, Fazit. Ein kurzer Check, Quellen prüfen, Formulierungen anpassen. Nach zehn, vielleicht zwanzig Minuten kann die Arbeit hochgeladen werden.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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So hat es auch Jonas gemacht, der eigentlich anders heißt. Der 28-Jährige hat Mathematik auf Lehramt studiert und Künstliche Intelligenz zunächst aus technischem Interesse getestet. „Ich habe sie ausprobiert, aber vollständige Hausarbeiten wollte ich damit nicht schreiben, die Qualität war schlicht zu schlecht“, sagt er. Vor allem die Quellenarbeit machte ihn skeptisch: KI erfand Studien oder griff auf Publikationen von kleinen internationalen Hochschulen zurück, die zwar existierten, in der Fachliteratur aber kaum Bedeutung hatten. Also nutzte er die Tools zunächst für seine Rechtschreibung und einen besseren Stil.

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Mit späteren Modellen, ab GPT-4, änderte sich das. „Da ließ ich kürzere Essays und teilweise auch komplette Hausarbeiten von der KI erstellen“, erzählt Jonas. Anschließend las er den Text mehrmals durch, passte Formulierungen an und ergänzte oder ersetzte Quellen, damit sie zu den Argumenten passten. Dann gab er die Arbeit ab. Zeitaufwand: etwa „zwanzig Minuten“. Ganz unkritisch sei er dabei jedoch nicht gewesen: „Halluzinierte Quellen gibt es nach wie vor.“ Deshalb kontrollierte er systematisch, ob es die Studien tatsächlich gab und ob sie fachlich anerkannt waren.

Umfrage: Große Mehrheit der Studierenden nutzt ChatGPT & Co.

Jonas ist damit kein Einzelfall. Laut einer bundesweiten Studie der Hochschule Darmstadt von März 2025 nutzen 91,6 Prozent der Studierenden in Deutschland KI-Tools wie ChatGPT im Studium, ein Viertel von ihnen sogar sehr häufig. 66,7 Prozent der Befragten setzen die Tools ein, um Verständnisfragen zu klären oder sich fachspezifische Konzepte erklären zu lassen. Mehr als die Hälfte (51,7 Prozent) nutzt laut Studie KI für Textanalyse, Textverarbeitung oder Texterstellung; zwei Jahre zuvor lag dieser Wert noch bei 24,8 Prozent. Außerdem greife fast jede zweite Person für Recherchen (46,2 Prozent) auf entsprechende Tools zurück; ebenso viele nutzen sie zur Problemlösung und Entscheidungsfindung (44,8 Prozent).

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Mit der breitflächigen Anwendung verschiebt sich auch die Motivation im Studium, beobachtet Jonas. „KI macht es extrem verlockend, mit minimalem Aufwand gute Noten zu holen.“ Er habe gemerkt, dass seine Bereitschaft sank, sich stundenlang in Texte einzuarbeiten, „wenn die KI in kürzerer Zeit Ergebnisse auf einem für das Studium ausreichenden Niveau liefert“. Zwar wisse er, dass es im Studium um Wissensaufbau gehe, doch seien viele Studiengänge mit nebensächlichen Inhalten überfrachtet. „Genau solche Arbeiten lässt man sich dann gern von der KI abnehmen.“

Forscher: Wer nicht hinterfragt, „ist der Technologie ausgeliefert“

Der Psychologe und Generationenforscher Rüdiger Maas beobachtet die Entwicklung mit Sorge. „Viele junge Menschen lesen heute kaum noch selbst komplette Bücher oder Fachtexte, sondern lassen sich Inhalte von ChatGPT oder anderen KI-Tools zusammenfassen.“ Das führe zu einem oberflächlichen Zugang und widerspreche dem eigentlichen Ziel des Studiums: sich tief mit einem Thema auseinanderzusetzen.

Gleichzeitig sieht Maas die Chancen: „Natürlich kann KI im Studium sinnvoll eingesetzt werden: beim Programmieren, in naturwissenschaftlichen Berechnungen, in der linguistischen Analyse großer Datenmengen oder in der Medizin.“ Auch als Sparringspartner könne sie nützlich sein, vorausgesetzt, Studierende erarbeiten Inhalte erst selbst und gleichen sie danach mit KI ab, um Lücken oder Fehler zu erkennen.

Das sei vergleichbar mit einem Taschenrechner: „Ein guter Mathematiker bedient sich des Rechners, um schneller zu werden“, sagt Maas. „Ein schlechter Mathematiker kann damit keine Wissenslücken schließen.“ Genauso funktioniere KI: Wer sein Fach verstehe, könne die Ergebnisse einordnen. „Wer das nicht kann, ist der Technologie ausgeliefert.“

Gefahr durch ChatPGT & Co.: Junge Nutzer verlieren wichtige Fähigkeiten

Maas sieht darin ein größeres Risiko: Wer sehr abhängig von KI sei, verlerne grundlegende Fähigkeiten. „Manche fragen ChatGPT, was sie am nächsten Tag anziehen sollen oder wie sie mit Alltagsproblemen umgehen“, sagt Maas. Deswegen sei es entscheidend, zu verstehen, wie KI funktioniert: „Large Language Models wie ChatGPT sind letztlich Wortfindungsmaschinen.“ Bedeutet: Sie berechnen wahrscheinliche Wortfolgen und erzeugen daraus plausibel klingende Texte. Sie recherchieren aber nicht wie ein Mensch, können nicht hinter Paywalls schauen und Inhalte nur sehr begrenzt logisch bewerten.

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Jedoch neigen gerade jüngere Menschen dazu, ihre Fähigkeiten beim Prompten oder Googeln zu überschätzen, warnt Maas. „Selbst das beste Prompting verhindert kein Halluzinieren oder Fehler. Viele junge Menschen hinterfragen die Antworten nicht und übernehmen sie zu schnell. Das birgt echte Risiken.“ Das beobachtet auch Jonas, der inzwischen als Lehrer arbeitet, im Unterricht. „Ich sehe bei meinen Schülerinnen und Schülern, dass beim Googeln zuerst die KI-Zusammenfassung gelesen wird, noch vor den eigentlichen Suchergebnissen.“ Er warne sie dann davor, sich darauf zu verlassen: „Large Language Models erzeugen sprachlich überzeugende Texte, aber sie sind nicht dafür gemacht, verlässliche Informationen zu liefern oder Zwischenmenschliches authentisch abzubilden.“

Studenten sitzen in einem Hörsaal
Hörsaal: Studierende nutzen KI – doch fleißiger lernen sie damit nicht unbedingt.© Bernd Weißbrod/dpa/dpa-tmn | Bernd Weißbrod

KI in Prüfungen: Nutzung durch Studierende lässt sich kaum vermeiden

Außerdem warnt Maas davor, zu glauben, dass KI immer besser werde: „Das Training der Daten wird besser, aber nicht die Recherche, denn vor allem Large Language Models ziehen ihre Daten aus dem Internet, und dort häufen sich Fehler, Fake News und schlechte Zusammenfassungen.“ Greifen die Modelle immer wieder auf dieselben fehlerhaften Inhalte zurück, entsteht ein Rückkopplungseffekt: Fehler werden erneut übernommen und dadurch verstärkt.

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Trotz dieser Risiken nutzen Studierende Tools wie ChatGPT zunehmend im Alltag. „Man muss heute ohnehin davon ausgehen, dass Studierende KI verwenden“, sagt Maas. Doch Hausarbeiten erfüllen ihren eigentlichen Zweck kaum noch, wenn sie von KI generiert werden. Maas fordert daher andere Prüfungsformen. „Ich würde mündliche Prüfungen stärker gewichten“, sagt er. Alternativen sind laut Jonas auch vor Ort geschriebene Klausuren oder selbst durchgeführte Studien. In diesen Formaten könne KI zwar unterstützen, übernehme aber nicht die gesamte Leistung.

Für Maas liegt das Problem aber auch in der Motivation der Studierenden: „Wer nicht einmal ein Buch selbst lesen will, sondern alles von einer KI zusammenfassen lässt, zeigt, dass ihn das Fach gar nicht wirklich interessiert.“ Zwar entwerte KI das Studium an sich nicht direkt, aber „einzelne Studierende entwerten ihre eigene Leistung, wenn sie sich durchmogeln“. Es gehe dann nur um den schnellen Abschluss. „Und wer so studiert, wird sehr wahrscheinlich auch später so arbeiten.“