Es ist ein Foto, bei dem man sofort hängen bleibt. Ein kleines Mädchen mit feuerrotem Haar sitzt auf einem Kinderfahrrad. Sie trägt ein ärmelloses, kariertes Kleid, ihre Haare sind zu zwei kleinen Zöpfchen geflochten. Das Mädchen blickt konzentriert in die Ferne. Es könnte ein normales Kinderfoto sein, eine süße Erinnerung an die ersten Lebensjahre. Wenn da nicht der Schriftzug wäre, der auf dem Foto prangt und der sofort unangenehm ins Auge sticht. „Raped by a man“ (dt. „Vergewaltigt durch einen Mann“) steht in großen Lettern auf dem Bild.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Das Foto ist so groß wie ein Plakat, Lena Jensen hält es in der Hand, hebt es in die Höhe, sodass es jeder vor dem Bundeskanzleramt sehen kann. Die Fotografie zeigt sie selbst als Kind, im Alter von etwa drei bis vier Jahren. In diesem Alter begann für sie nämlich die schlimmste Zeit ihres Lebens. Nach eigenen Angaben wurde Jensen im Alter zwischen zwei und sechs Jahren sexuell schwer missbraucht – unter anderem von Freunden ihrer Eltern. Trotzdem wurden ihre Täter nie verurteilt.
Lesen Sie auch
Kindesmissbrauch: Allein in Deutschland mehr 16.000 registrierte Fälle jährlich
Heute ist Jensen 32 Jahre alt. Mit mehr als einer halben Million Followern in den sozialen Netzwerken klärt sie seit Jahren über sexualisierte Gewalt auf, hält Vorträge an Schulen und Universitäten und vernetzt Betroffene bundesweit. Jensen ist auch die Initiatorin der Demo „Justice for Survivors“ (dt. „Gerechtigkeit für Überlebende“), die an diesem Dienstag rund 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor das Kanzleramt in Berlin lockt. „Viele schauen lieber weg, weil das bequemer ist, als sich mit der Wahrheit auseinanderzusetzen“, ruft Jensen in die Menge. Die Menge applaudiert.
Es ist kalt an diesem Februartag, minus vier Grad zeigt das Thermometer an. Trotzdem haben sich Hunderte Menschen vor dem Kanzleramt versammelt. Viele von ihnen wurden nach eigenen Angaben selbst Opfer von sexualisierter Gewalt. Wie Jensen beteuert, ist es das erst Mal in Deutschland, dass sich Missbrauchsopfer öffentlich zu einer eigenen Bewegung vernetzen, zu einer Demo gehen, um gemeinsam politische Veränderungen einzufordern. „Das System ist darauf ausgelegt, dass Betroffene sich schämen müssen – und die Täter fühlen sich sicher, weil ihnen nichts passiert. Es ist Zeit, dass sich das ändert“, ruft Lena Jensen ins Mikro.
Die junge Frau hofft: „Wir als Gesellschaft können jetzt nicht mehr wegschauen.“ Aber: „Es ist schockierend, dass man erst die Akten eines toten Manns braucht, um den Opfern zu glauben.“ Damit gemeint ist der verstorbene US-Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. In den Epstein-Akten finden sich Hinweise auf schweren, sexuellen Missbrauch an Minderjährigen. Influencerin Jensen sagt dazu: „Für mich ist das alles gar nicht so schockierend. Ich kenne es. Das war mein Leben.“ Es fühle sich an, „als würde die Welt endlich die Wahrheit sehen“.
Gerechtigkeit für Missbrauchsopfer: AfD und NPD mischen sich unter die Demonstrierenden
Zentrales Anliegen der Demonstration ist eine Reform des Strafrechts im Bereich sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Nach aktuellen Schätzungen werde nämlich nur etwa einer von 100 Tätern verurteilt – eine Zahl, die viele Betroffene als unerträglich bezeichnen. Gleichzeitig ist die sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Deutschland weitverbreitet. Allein im Jahr 2024 wurden hierzulande 16.354 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch angezeigt, die Dunkelziffer dürfte aber viel höher sein. „Es darf nicht sein, dass ein Kind gegen einen Erwachsenen aussagt und dann nichts passiert“, sagt Lena Jensen.

Die Organisatorinnen betonen, dass ihr Anliegen ausdrücklich überparteilich sei. „Wir wollen keine Parteifahnen oder Parteipropaganda sehen“, ruft Initiatorin Lena Jensen den Versammelten zu. Es gehe um den Schutz von Kindern und um Gerechtigkeit für Betroffene – nicht um parteipolitische Instrumentalisierung. Dennoch mischen sich auch einzelne Mitglieder der AfD sowie der NPD unter die Demonstrierenden, verteilen Flyer und verbreiten verschwörungsideologische Inhalte. Die Organisatorinnen distanzieren sich davon deutlich. „Wir wollen für die richtige Sache einstehen, statt uns spalten zu lassen“, sagt Jensen.








