René Bäselt, 55, ist seit 38 Jahren bei der Bahn beschäftigt. 1987 machte er seine Lehre, damals noch bei der Reichsbahn. In seinem Job als Zugführer ist er von Berlin aus deutschlandweit unterwegs. Im Interview erzählt er, wie sich sein Beruf verändert hat, und was sich unbedingt ändern muss.
Was genau ist Ihr Job im Zug?
Als sogenannter Zugführer bin ich für alles im Zug verantwortlich. Also die Einteilung der Kollegen, für Anschlüsse bei Verspätungen und die Ansagen. Und eben auch die Sicherheit der Fahrgäste und meines Personals. Im Fall der Fälle bin ich auch für die Koordinierung beim Evakuieren zuständig.
Waren Sie „überrascht“ vom Vorfall in Landstuhl?
Überrascht kann man schon nicht mehr sein.
Gewalt in der Bahn: Zugführer erzählt – „Wir waren alle geschockt“
Sie kennen diese Gewalt also bereits.
Ja. Ich kenne halt auch ein paar Zahlen und weiß, dass diese Gewalt stetig ansteigt. Im Jahr 2010 waren es noch um die 670 Fälle von Körperverletzung, 2024 waren es über 3000 dokumentierte Fälle. Aber dass es solche Ausmaße annimmt und ein Kollege stirbt, das ist schon sehr übel.
Wie war das für Sie, als Sie vom Tod Ihres Kollegen erfahren haben?
Wir waren alle geschockt. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wie ich das in Worte fassen soll. Dass ein Mann zur Arbeit geht und dann nicht mehr nach Hause kommt.
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Haben Sie selbst schon Gewalt als Zugführer erfahren?
Leider ja. Einmal ganz am Anfang. Und dann hat mich zuletzt 2017 jemand körperlich angegriffen. Ein Fahrgast hat mir beinahe die rechte Hand gebrochen.
Was war das für eine Situation?
Eine Fahrkartenkontrolle. Ich war damals gar nicht darauf vorbereitet. Der Mann hatte keine Fahrkarte und keine Ausweispapiere. Und dann müssen wir eine Personalfeststellung machen, wofür wir die Polizei holen. Der Fahrgast hat erst gar nicht nervös oder aggressiv gewirkt, aber dann ist irgendwie ein Schalter bei ihm umgeschlagen, als er die Polizisten am Bahnsteig gesehen hat. Er ist einfach ausgerastet, von jetzt auf gleich. Er hat mich an der Hand gepackt und mich verletzt. Das hat sechs Wochen gedauert, zu heilen.
„Die Kollegen im Nahverkehr sind auf sich allein gestellt“
Bekommen sie solche Angriffe auch aus dem Kollegium mit?
Weihnachten 2024 wurde ein Kollege von mir in Frankfurt am Main aus dem Zug getreten. Und dann am Bahnsteig sogar noch getreten und verprügelt. Ein Kollege wurde mit einem Messer angegriffen, einer mit einer Schreckschusspistole bedroht. Ich bin auch schon mal dazwischen gegangen.
Was ist da passiert?
Vor ein paar Jahren war ich in Zivil unterwegs. Zwei Kolleginnen aus Berlin sind durch den Zug für die Fahrkartenkontrolle und wurden auf einmal aus dem Gang zurückgestoßen in den Türraum. Ich bin natürlich sofort dazwischen. Dann haben wir in Wolfsburg auf die Landespolizei gewartet. Das ist eben auch ein Problem.
Was meinen Sie?
Dass es an den kleinen Bahnhöfen, wie Wolfsburg, keine Bundespolizei gibt. Da wartet man dann auch mal eine halbe Stunde auf die Polizei.
Der Angriff in Landstuhl ist auch in einem Regionalzug passiert.
Ja genau. Auf so einem kleinen Bahnhof, da ist nichts. Und bis die Polizei aus dem nächstgrößeren Ort kommt, sind schon alle Messen gesungen. Das Problem ist auch, dass die Kollegen im Nahverkehr alleine sind. Die sind auf sich gestellt. Natürlich ist da noch ein Lokführer, aber der muss den Zug ja erst einmal anhalten, um zu helfen. Dann ist meistens alles schon zu spät. Wie man jetzt auch sieht.
Fühlen Sie sich noch sicher bei Ihrer Arbeit?
Ich gehe jetzt nicht mit Angst zur Arbeit oder durch den Zug. Ich glaube, das wäre auch nicht zuträglich. Aber es gibt schon so Situationen, in denen man aufpasst. Also den Fahrgästen nicht den Rücken zudreht oder so.
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Das klingt schon bedrohlich.
Die meisten Menschen verhalten sich immer noch ruhig. Klar gibt es immer mal wieder verbale Übergriffe. Das geht vom Beleidigen bis zum Anspucken. Das habe ich alles schon erlebt.
Hat das etwas für Ihre Arbeit verändert?
Hauptsächlich wirklich, dass ich aufmerksamer bin. Insbesondere bei Nachtverbindungen. Da versuchen wir immer, zu zweit durchzugehen.
Sie versuchen es. Es lässt sich aber nicht immer machen?
Wir sind vergangenes Jahr reduziert worden. Früher waren wir eigentlich immer zu dritt im Zug. Wir gehen zwar zu zweit durch den Zug, aber wenn einer vorne anfängt, der andere hinten, dann dauert es ewig, bis man helfen kann, falls was passiert. Es hieß damals, man würde trotz Reduzierung nicht an der Sicherheit sparen. Aber irgendwo dann ja doch schon.
Zugführer über Bahn-Sicherheit: Das fordert er von der Politik
Was denken Sie, muss passieren, um mehr Sicherheit zu gewährleisten?
Zum Beispiel, dass die DB-Sicherheit bei längeren Standzeiten nachts die Bahnsteige bestreift. Aber die haben eben auch ein Personalproblem, das nicht von ungefähr kommt. Die werden schlecht bezahlt. Wer will sich das für so wenig Geld antun? Das ist kein schöner Job. Ich würde ungern in Frankfurt am Main am Hauptbahnhof Streife laufen. Obwohl ich ihnen ja sehr dankbar bin für Ihre Arbeit.
Und im Zug selbst?
Insbesondere in den Zügen des Nahverkehrs sollten immer mindestens zwei Kollegen sein. Das fordert die GDL auch schon ewig. Natürlich kann niemand sagen, was wäre wenn. Wir können nicht hellsehen. Aber vielleicht hätte ein zweiter Mann den Angreifer in Landstuhl davon abgehalten. Oder wenn Sicherheitskräfte im Zug und am Bahnhof gewesen wären. Aber da muss eben auch die Politik endlich eingreifen.
Was erwarten Sie von der Politik?
Die bestellen ja die Züge, die machen die Ausschreibungen. Und die müssen das Problem endlich ernst nehmen. Sonst ändert sich da nichts. Wir sind ja nicht umsonst ein Staatsbetrieb! Trotzdem tut sich da viel zu wenig. Wir fordern auch schon lange eine Verfolgung von Amtswegen wie in der Schweiz.
Was ist das?
Dass von Amtes wegen Angriffe auf „Uniformierte“ direkt an die Staatsanwaltschaft gemeldet werden. So passiert das zum Beispiel bei Polizei und Feuerwehr. Aber bei uns eben nicht, obwohl wir bei einem Staatsunternehmen sind.
Übergriffe auf Bahnpersonal: „Nach Corona haben wir einen extremen Anstieg bemerkt“
Was ist denn 2017 nach dem Angriff auf Sie passiert?
Damals habe ich Anzeige erstattet, aber es ist bis heute nichts passiert. Das war vor fast neun Jahren! Bei den beiden Kolleginnen damals ist auch nie etwas passiert.
Jetzt kam gerade von vielen Stellen, man wolle etwas ändern.
Ja, jetzt ist wieder großer Aufschrei. Aber ich wette, in einer Woche ist alles wieder vergessen. Ich weiß nicht, wo das alles hinführen soll.
Können Sie sich erklären, warum sich das Miteinander im öffentlichen Raum so verändert hat? Sie beobachten das ja schon länger.
Die Leute sind gereizt. Die Zahlen der Übergriffe steigen natürlich schon seit Jahren, aber nach Corona haben wir einen extremen Anstieg bemerkt. Ich will es nicht nur auf Corona schieben. Aber ich denke, dass dieses Einschränken, die Angst um den Job, die Inflation gerade ... Man merkt, dass die Leute gereizter sind. Und das wird ja nicht besser.
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Also eine allgemeine schlechte Stimmung im Land?
Ich denke schon. Unser Bundeskanzler Herr Merz macht es ja auch nicht besser mit allem, was er von sich gibt. Dann kommt, dass die Leute angeblich nicht genug arbeiten und dann auch noch am besten die Zähne selber zahlen sollen. Da baut sich Frust auf. Und der entlädt sich irgendwann. Da reicht es manchmal schon, wenn irgendwie die Bahnkarte nicht richtig auf dem Handy angezeigt wird.
Machen Sie Ihren Job trotzdem noch gerne?
Ja, es macht mir immer noch Spaß. Das ganze Umfeld, die Arbeitskollegen, und ich agiere auch gerne mit den Fahrgästen.
Wirklich?
Ja, tatsächlich. Es gibt ja auch nette. Ich nehme es so, wie es kommt. Und meistens ist alles schön. Ja, klar, jetzt gerade wissen wir selber, wie es mit der Pünktlichkeit aussieht. Das ist auch nicht gerade förderlich für die Laune der Leute, aber tatsächlich haben sich die meisten schon langsam damit abgefunden. Was eigentlich traurig ist, aber es ist leider so. Und ich mag meinen Job immer noch.




