Womöglich Tausende Tote, maximale Gewalt: Die Lage im Iran ist dramatisch wie nie. Doch wie geht es weiter? Ist das der Anfang vom Ende der Mullahs? „Ich habe tagelang nicht geschlafen“, sagt Aktivistin Gazelle Sharmahd, als wir sie per Videocall erreichen. Sie lebt in Los Angeles und führt den Kampf ihres Vaters Jamshid Sharmahd fort.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Er ist eines der prominentesten Opfer des Mullah-Regimes. Seinen Einsatz für ein Ende der Regierung bezahlte der Dissident, Aktivist und Unternehmer mit dem Leben: Im Sommer 2020 wurde er vom iranischen Geheimdienst entführt und nach jahrelanger Haft und Folter im Oktober 2024 hingerichtet. Seine Tochter Gazelle Sharmahd führt seinen Kampf von Los Angeles aus weiter. Die Ereignisse im Iran verfolgt sie mit großer Sorge, aber auch mit viel Optimismus.
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Liebe Gazelle Sharmahd, Sie haben in den vergangenen Jahren so intensiv, so vehement gekämpft um das Leben Ihres Vaters Jamshid Sharmahd, der entführt, inhaftiert, zum Tode verurteilt und dann auch hingerichtet wurde. Seinen Einsatz für die Befreiung der Menschen im Iran vom Mullah-Regime bezahlte er mit dem Leben. Was geht jetzt angesichts der dramatischen Entwicklung im Land in Ihnen vor?
Gazelle Sharmahd: Mein Vater hat für diesen Moment sein Blut gelassen. Wir haben 20 Jahre lang dafür gearbeitet, damit dies passiert. Das Regime ist am Ende. Mein Vater guckt von oben zu und hilft. Durch mich ist er dabei, durch meine Vertretung der Kingdom Assembly of Iran.

Glauben Sie, das Regime fällt?
Sharmahd: Ganz klar ja, es wird fallen. Das haben die Menschen entschieden. Diesmal ist nicht nur der Untergrund auf den Straßen, diesmal ist es die gesamte Bevölkerung. In Hunderten Städten wird protestiert, Kinder, Mütter, Busfahrer, alle machen mit. Es geht nicht um Reformen oder die wirtschaftlichen Probleme. Die Slogans lauten nicht „Wir wollen mehr Brot“, sondern „Das ist die letzte Schlacht, Pahlavi wird zurückgebracht“ oder „Wir kämpfen, wir sterben, wir nehmen uns Iran zurück“. Es geht um den ganzen Apparat, um das Ajatollah-Regime. Die einzige Frage ist: Wie lange dauert es? Und wie viele Menschen werden dabei sterben? Dauert es sechs Wochen, sechs Tage oder sechs Jahre? Sterben 600 Menschen oder 60.000? Es geht um Blut und um Zeit.
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Es ist jetzt offensichtlich bereits sehr blutig. Es gibt Bilder von Leichenbergen, die Rede ist von vielen Tausend Toten. Menschen wird mit Schrot ins Gesicht geschossen.
Sharmahd: Die Basidsch-Milizen werden brennen. Sie sind der brutalste paramilitärische Arm der Revolutionsgarden. Moscheen brennen. Vor wenigen Tagen lauteten die Slogans noch: „Keine Angst, wir stehen zusammen.“ Gestern und vorgestern riefen die Menschen den Basidsch entgegen: „Keine Angst. Wenn ihr eure Waffen niederlegt, passiert euch nichts.“ Auch deswegen ist das Internet abgeschaltet. Um nicht diese Kraft der Menschen zu zeigen, wie sie die Islamischen Revolutionsgarden einnehmen.

Was man hört: Es ist gefährlicher, schlimmer als 2022 bei den „Frauen, Leben, Freiheit“-Protesten.
Sharmahd: Es ist schlimmer, und die Menschen wissen das. Aber trotz des vielen Blutes bleiben Millionen von Menschen auf den Straßen. Das Regime musste schon aus dem Ausland Hilfe holen. Sie haben Hisbollah-Kämpfer eingeflogen, die das System unterstützen sollen. Ein System, das eine reine Besatzungsmacht von außerhalb ist. Der Ajatollah stammt aus dem Irak, er ist eine Fremdbesetzung. Das Volk der Ajatollahs lebt nicht im Iran, sondern außerhalb: Die Huthi im Jemen, die Hamas in Gaza, die Hisbollah im Libanon, das sind die Verbündeten, die das Geld und das Öl der Iraner ausrauben.
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Donald Trump hat angesichts der Massenproteste alle Gespräche mit der Führung in Teheran ausgesetzt und den Demonstranten Unterstützung in Aussicht gestellt. Ist der US-Präsident ein Hoffnungsträger?
Sharmahd: Der Tweet muss richtig gedeutet werden. Der wichtigste Satz lautet: „Iranische Patrioten, protestiert weiter!“ Das steht im Gegensatz zu den Besatzungsmächten. Außerdem sagt er: „Übernehmt eure Institutionen!“ Das ist die moralische Anerkennung, dass es sich bei dem Regime um eine Fremdbesetzung handelt. Trump hat es eingeordnet: Die Menschen im Iran haben das Recht, sich ihr Land zurückzuholen.
Bei den Protesten 2022 dachte man, die Frauen schaffen das. Ist der Protest heute erfolgreicher, weil sich die Koordinaten in der Welt verändert haben?
Sharmahd: Eine Achse muss man verstehen: Was 1979 passiert ist, war keine islamische Revolution. Es war ein islamisch-marxistischer Coup, der die Mullahs an die Macht gebracht hat. Proteste für mehr Rechte und Freiheiten wurden von Islamisten benutzt, um die Regierung Irans zu stürzen. Seit der Ajatollah-Besatzung werden Menschen ermordet. Was wir heute sehen, ist zurückzuführen auf all die anderen Protestbewegungen. Und seit 2009 werden die Abstände kürzer, gehen mehr Menschen auf die Straße.
Was aber kann Trump tun?
Sharmahd: Er kann eine Rede vor dem Weißen Haus direkt an die Menschen im Iran halten. Wie Ronald Reagan mit seiner berühmten Mauerrede vor dem Brandenburger Tor 1987: „Mr. Gorbachev, tear down this wall!“ („Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!“). Das war der Anfang eines Dominoeffekts. Eine Rede vom Präsidenten der Vereinigten Staaten direkt an die Menschen signalisiert Legitimität für Irans Revolution und das Ende der Beziehung mit den Ajatollahs. Dafür braucht er keine militärische Erlaubnis oder Zustimmung des Kongresses. Eine Rede, das ist das Wichtigste. Alles andere folgt danach automatisch.

Kann der Schah-Sohn Reza Pahlavi die zersplitterte Bevölkerung zusammenführen?
Sharmahd: Welche zersplitterte Bevölkerung? In jeder Ecke des Iran wird sein Name gesagt. Es braucht eine Führungskraft, die die Koalition zusammenbringt, und das ist die Aufgabe des Kronprinzen Reza Pahlavi. Ob Republik, konstitutionelle Monarchie oder was auch immer: Was danach kommt, entscheiden die Menschen in einer zweiten Phase. In der jetzigen Phase geht es um die Befreiung Irans von einem Terrortregime, das einen Genozid an der Bevölkerung betreibt.
Was macht Sie so optimistisch, dass es nach einem Fall des Mullah-Regimes nicht endet wie im Irak, in Syrien, in Afghanistan?
Sharmahd: Die Voraussetzungen sind andere. Der Iran ist besetzt. Die Menschen wollen sich ihr Land zurückholen. Insofern wollen wir keinen „Regime Change“, und alles geht weiter wie in Venezuela, sondern Freiheit und Selbstbestimmung. Also genau so, wie Europa sich vom Nazi Regime befreit hat.
Die Bilder, die wir sehen, sind so unfassbar brutal. Trotzdem machen die Menschen weiter. Woher nehmen sie den Mut?
Sharmahd: Es sind absolute Helden. Sie schauen Terroristen ins Gesicht, die ihnen gerade in die Augen schießen, und sagen: „Ich höre nicht auf.“ Das gibt mir die Sicherheit, dass das Regime fällt. Der Kipppunkt ist überschritten.
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Friedrich Merz hat noch als Oppositionsführer die politische Patenschaft für Ihren Vater übernommen. Nun als Bundeskanzler sagt er: „Die Regierung ist faktisch am Ende.“ Wie bewerten sie diese Aussage?
Sharmahd: Das ist eine sehr starke Aussage. Und meine Familie ist ihm sehr dankbar. Er konnte mit seiner Patenschaft viel erreichen, als niemand der damaligen Bundesregierung mit uns sprechen wollte. Ich saß damals mit ihm in der Talkshow bei Markus Lanz. Er sagte, ein Regime, das einen deutschen Staatsbürger entführt und ermorden will, könne kein Handelspartner für einen deutschen Staat sein. Damals hatte er nicht die Möglichkeit, jetzt als Bundeskanzler schon: Es muss endlich jeglicher Geldeinfluss gestoppt werden, bis das Internet wieder läuft, bis die Massenmorde aufhören. Denn das Regime braucht dringend Geld. Das kann Friedrich Merz tun. Denn trotz aller Sanktionen: Wenn du in den Straßen Teherans bist, siehst du Autos von Mercedes, Geräte von Nokia, Kräne aus Deutschland, mit denen Menschen erhängt werden. Wie kommen die dorthin? Da passiert immer noch Handel, da ist immer noch Geldfluss. Jetzt aber müssen endlich alle Bankverbindungen abgebrochen werden, der Botschafter des Regimes muss rausgeschmissen werden. Wenn das Regime faktisch am Ende ist, dann ist die Beziehung des Regimes zu Deutschland auch faktisch am Ende.
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Wenn Sie in die Zukunft blicken: Wo steht der Iran? Und wo stehen Sie?
Sharmahd: Es hängt alles von so vielen Faktoren ab. Ich kann nicht in die Zukunft schauen, aber ich wünsche mir die sofortige Freiheit der Menschen im Land. Ich wünsche mir ein Parlament, in dem Menschen sitzen, denen bei den Protesten ins Auge geschossen wurde. Ich wünsche mir eine politische Führung, die Merz und Trump trifft. Die anerkannt ist von den Vereinten Nationen. Eine Führung, die den echten Iran vertritt. Und die Mörder meines Vaters, die möchte ich vor einem internationalen Gericht sehen. Dieser Moment wird kommen.







