Die Szene würde in einen Mafiafilm passen. In Schwarz gekleidete Dorfbewohnerinnen nahmen am Montag im Friedhof von Vero gerade an der Beerdigung von Marinette Orsoni (92) teil, als ein Schuss fiel. Ein Mann brach zusammen, mitten ins Herz getroffen. Der Ermordete war, wie alle Anwesenden wussten, der Sohn der beigesetzten Witwe. Sein Name ist in Frankreich bekannt: Alain Orsoni war vor gut 50 Jahren ein Mitgründer der „korsischen Befreiungsfront“ FLNC gewesen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Der Heckenschütze hatte sich wohl im Buschwerk oberhalb des im malerischen 600-Seelen-Örtchen versteckt. Er wurde nicht gefasst. Der Staatsanwalt vermutete nur, dass es sich um einen Profikiller handeln müsse, habe er doch aus „mehreren hundert Metern“ zielsicher einen einzigen Schuss abgegeben.

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Mehr wird man vermutlich nie erfahren. Die Omertà, das Gesetz des Schweigens herrscht vor allem in den entlegenen Dörfern der „Île de beauté“ (Insel der Schönheit), die für die höchste Mordrate Frankreichs bekannt ist.

Ziel eines Mordanschlags: Alain Orsoni lebt nur noch unter Schutz

Fiel Orsoni (71) einer jener Vendettas zum Opfer, die sich oft über Jahrzehnte hinziehen? In Veto erinnert man sich, dass Alains Bruder Guy schon in den achtziger Jahren entführt worden war. Aufgefunden wurde er nie. Aber zwei Tatverdächtige wurden später von einem FLNC-Kommando erschossen. Alain Orsoni wohnte zu dem Zeitpunkt gerade der Geburt seines Sohnes im Krankenhaus bei, womit er ein passendes Alibi hatte. Trotzdem musste er vor der gegnerischen Fraktion des FLNC „canal historique“, dem historischem Kanal, aus Korsika fliehen. In Nicaragua baute er ein Casino-Netz auf.

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2008 kehrte er auf seine Heimatinsel zurück und übernahm zum Zeichen seiner Redlichkeit den Fußballklub AC Ajaccio. Es ging aber nicht lang, wurde er Ziel eines Mordanschlags. Seither bewegte er sich nur noch mit einem gepanzerten Audi und dem Schutz von Leibwächtern. Nur im Friedhof, bei der Beisetzung seiner Mutter, trug er seine kugelsichere Weste offenbar nicht.

„Maffia Nò“: Tausende protestieren gegen Gewaltspirale mit Waffen- und Drogenhandel

Orsoni engagierte sich zeitlebends für die Politik und setzte sich für das Selbstbestimmungsrecht des korsischen Volkes ein. Er kandidierte einmal für die Koalition „Corsica Nazione“ und errang einen Sitz im Inselparlament. Wegen „finanzieller Unregelmäßigkeiten“ konnte er das Mandat aber nie ausüben.

2017 eroberten die Separatisten die Mehrheit in der „Korsischen Abgeordnetenversammlung“. 2013 musste der französische Präsident, Emmanuel Macron, der Insel eine weitgehende Autonomie zusagen. Doch Alain Orsoni geriet politisch ins Abseits. Denn sein Familienclan mischte weiter im Milieu von Ajaccio mit. Die meisten Korsinnen und Korsen haben aber genug von der Gewaltspirale mit Waffen- und Drogenhandel, die sich hinter dem Siegel FLNC verbergen.

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Als vor einem Jahr die völlig unbeteiligte 18-jährige Studentin Chloé Aldrovandi in Ponte-Leccia „irrtümlich“ erschossen wurde, wie aus dem Milieu verlautete, gingen tausende auf die Strasse. Zu ihrem Slogan „Maffia Nò“ skandierten sie wütende Parolen gegen den Filz aus FLNC, Geldwäschern, Schiebern, Dealern - und Killern.

In Ajaccio und anderen städtischen Schulen gibt es seit Dezember Anti-Mafia-Kurse. Polizisten zerzausen vor den Schulklassen das romantische Image der korsischen Unterwelt und den Deckmantel der Omertà in den Bergdörfern. Der Fall Orsoni gibt ihnen nun ein neues Argument.