Im August gelingt es einer lokalen Neonazi-Splittergruppe, eine der größten rechtsextremen Aufmärsche in diesem Jahr zu organisieren. 550 Rechte sammeln sich im sächsischen Bautzen. Dort treffen sich Menschen zum Christopher Street Day, die zentrale Demonstration für Homosexuelle, Queere, Transgender in der Region.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Die Neonazis mobilisieren dagegen, ihr Motto klingt harmlos: „Mann und Frau – Das wahre Fundament des Lebens!“. Dahinter steckt der Anmelder, die Gruppe „Urbs Turrium“, eine Truppe junger Extremisten aus der Oberlausitz.
Kaum ein Aufmarsch findet so viel Beachtung wie die Demonstration in Bautzen. Denn schon 2024 mobilisierten Neonazis, Hunderte kamen, der Protest machte bundesweit Schlagzeilen. Vor allem aus einem Grund: Die Proteste in Bautzen sind der Höhepunkt einer neuen jungen Neonazi-Szene, die in lokalen Gruppen mobil macht. Gewaltbereit, radikal, jung, aktionsorientiert, so zeigen sich die Rechtsextremen. Auch in Görlitz, Zwickau und Leipzig organisieren die Rechten Demonstrationen gegen Homosexuelle.
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Sie nennen sich „Jung und Stark“, „Deutsche Jugend Voran“ oder „Elblandrevolte“. Auch die „Jungen Nationalisten“ mischen mit, die Jugendorganisation der Neonazi-Partei „Die Heimat“.
Die Sicherheitsbehörden sind besorgt. Was auffällt: In vielen Orten bauen junge Rechte neue Neonazi-Gruppen auf. Oftmals rekrutieren einzelne Akteure in den sozialen Medien, gründen eine neue Organisation. Viele lösen sich wieder auf, andere vernetzen sich bundesweit. „Und auf einmal trommeln die kleinen Gruppen Hunderte Rechtsextremisten für eine Demonstration zusammen“, sagt ein Nachrichtendienstler, der die Szene seit Jahren beobachtet.
Die Gruppierungen konzentrieren sich systematisch auf ihre Hochburgen. Vor allem in Sachsen
Die Mobilisierung rechtsextremer Parteien und Vereinigungen erreichte laut Innenbehörden 2024 einen Höhepunkt der vergangenen Jahre: mit 316 Kundgebungen. 2023 hatte sie bei 268 Protestmärschen gelegen, 2022 noch bei 151. Das geht aus Antworten des Bundesinnenministeriums auf Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervor.
2025 scheint die Zahl zu sinken, die Aktivitäten der Rechtsextremen nehmen ab. Zumindest auf der Straße. Im ersten Halbjahr 2025 registrierte die Polizei laut Ministerium noch 91 rechtsextreme Kundgebungen. Im dritten Quartal waren es 45.
Allerdings sind die Zahlen unscharf. Denn das Bundesinnenministerium registriert nach eigenen Angaben nur Kundgebungen mit „überregionaler“ und „nennenswerter“ Mobilisierung durch die Szene. Informationsstände, Flugblattverteilaktionen oder sonstige lokale Veranstaltungen „werden nicht aufgelistet“.
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Für Ferat Koçak, Sprecher für Antifaschismus der Linksfraktion im Bundestag, bedeuten weniger rechtsextreme Aufmärsche nicht weniger Gefahr. Auch Fachleute von Beratungsstellen, genauso wie Staatsschützer und Nachrichtendienstler sehen eine Strategie von Extremisten: Die Gruppierungen konzentrieren sich systematisch auf ihre Hochburgen, mobilisieren in Orten wie Zwickau, Chemnitz oder Hartha. Es fällt auf, wie stark Sachsen als Ort von rechtsextremen Demonstrationen die Statistik dominiert. Vor allem in der Corona-Pandemie etablierten die extremen Rechten ihre Kundgebungen. Sie halten bis heute.
Dahinter stecken nicht nur neue junge Neonazi-Gruppierungen, sondern in einem großen Umfang auch die rechtsextremen „Freien Sachsen“, eine Kleinstpartei, die aber in Sachsen an Einfluss in den vergangenen Jahren gewonnen hat, eigene Strukturen aufgebaut hat. Und: Wo sich die rechte AfD ihre Hochburg aufgebaut hat, ziehen neonazistische Gruppen nach. Doch während die „Freien Sachsen“ auf der Straße mobil machen, bleiben sie bei Wahlen weit hinter den Ergebnissen der Konkurrenz der AfD zurück.

Die Strategie der Fokussierung auf Hochburgen und einzelne Regionen ist nicht neu. Schon in den 1990er-Jahren bauten Neonazis sogenannte „national befreite Zonen“ auf. Der Fokus auf Ostdeutschland wird dabei auch innerhalb der Szene immer stärker verfolgt. Neonazis kaufen im Osten des Landes günstig Immobilien, sie veranstalten Konzerte oder gründen neue Gruppierungen. Führende Köpfe ziehen aus den westlichen Bundesländern nach Brandenburg oder Sachsen. In der Szene sieht man den Osten teilweise als neues „Siedlungsgebiet“, sagt ein Sicherheitsbeamter, der den Rechtsextremismus seit vielen Jahren beobachtet.
In einem Aufsatz in der neurechten Publikation „Sezession“ schreibt der Kopf der Identitären Bewegung, Martin Sellner: „Eine identitäre Partei und eine identitäre Bewegung würden weiterhin im Bundestag und in den großen westlichen Metropolen aktiv sein, doch ihre Basis und ihr Machtzentrum im Osten aufbauen.“
Nehme extreme Rechte queere Menschen ins Visier, docken sie an Vorurteile in Bevölkerung an
Nicht nur der regionale Fokus der extremen Rechten auf östliche Bundesländer fällt auf. Thematisch gewinnen Queerfeindlichkeit und Antifeminismus an Bedeutung. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Analyse des Kulturbüros Sachsen, ein örtlicher Menschenrechtsverein. Laut dem Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt waren 2024 insgesamt 4681 Personen von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt betroffen. 96 von ihnen zählt der Verband Betroffene beispielsweise als trans-männlich, trans-weiblich, non-binär sowie queer. Für 2025 liegen laut Bundesregierung noch keine verlässlichen Zahlen vor.
Laut Bundeskriminalamt hatte es 2024 insgesamt 128 sogenannte Gewalttaten durch Extremisten mit Bezug auf „geschlechtsbezogene Diversität“ gegeben. Die Opfer dieser Taten: Transpersonen und queere Menschen. 87 davon ordnet die Polizei „sonstigen“ Tätern zu, 28 gingen laut Bundesinnenministerium von Rechtsradikalen aus, zwölf von ihnen hatten eine „ausländische Ideologie, einer war Linksextremist. 2025 registrierte die Polizei bis Ende November (24.11.) entsprechend 93 dieser Gewalttaten: 27 begangen von Rechtsextremen, 56 fallen unter „sonstige Zuordnung“. Zudem sei eine „gesonderte statistische Auswertung“ mit Opfern, die Transpersonen oder nicht-binäre Menschen sind, nicht möglich, so die Bundesregierung.
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Nehme extreme Rechte queere Menschen ins Visier, docken sie an Vorurteile gegen Menschen in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften an, die noch immer in Teilen der Bevölkerung verbreitet sind, wie etwa der „Sachsenmonitor“ der Staatsregierung zeigt. Die Bundesregierung schreibt in der Antwort auf die Linken-Anfrage, dass sie eine „erhöhte Gefährdung durch geschlechtsspezifische und queerfeindliche Gewalt“ durch Rechtsextremisten sehe. Menschen, wie etwa Frauen, genauso aber Transsexuelle oder nicht-binäre Personen, würden als „Feindbilder markiert“ und könnten „in besonderem Maße von rechtsextrem motivierter oder rechtsextrem beeinflusster Gewalt betroffen sein“.
Kathrin Gebel, die frauenpolitische Sprecherin der Linksfraktion, hebt hervor: „Rechte Gewalt ist nicht nur Randkriminalität, sie ist ein politisches Projekt, das patriarchale Ordnung absichert“, sagte sie dieser Redaktion. Zugleich fordert Gebel bessere Finanzierung von Beratungsstellen für Betroffene von rechtsextremer Gewalt: „Schutz kostet Geld, Prävention kostet Zeit, Beratung kostet Personal.“








