Im Herbst des vergangenen Jahres brennt der „Kultberg“. Es ist ein Kulturhaus im Süden Brandenburgs, im Ort Altdöbern. Erst denken die Fachleute, es sei ein technischer Defekt. Der Schaden beträgt 500.000 Euro. Doch das Feuer bricht offenbar nicht zufällig aus. Es sind nach Recherchen der „Welt“ zwei 15-Jährige, die ins Visier der Ermittler geraten. Der Vorwurf: Brandstiftung. Das Motiv: politisch.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Die Tatverdächtigen sollen Rechtsextremisten sein. Sie gehören laut Ermittlungen der Gruppe „Letzte Verteidigungswelle“ an, sie nennen sich kurz „L.V.W“. Eine Truppe, die Staatsschützer und Nachrichtendienstler in der Region schon länger beobachten. Sie sind jung, sie sind radikal, offenbar gewalttätig.
Nun schlägt der Staat zurück. Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe ermittelt, Polizisten nehmen am Mittwochmorgen vier mutmaßliche Mitglieder und einen Unterstützer der Gruppe fest. Ein erster Jugendlicher ist mittlerweile in Untersuchungshaft. Das bestätigte eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft unserer Redaktion. „Der erste ist dem Ermittlungsrichter vorgeführt worden. Für ihn wurde eine Untersuchungshaft angeordnet“, so die Sprecherin. Demnach handelt es sich dabei um einen 14-Jährigen. Die vier weiteren mutmaßlichen Mitglieder der Gruppierung sollen bis spätestens Donnerstagabend vor den Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe geführt werden. Die Strafverfolger sehen in der „L.V.W“ eine rechtsextremistische, terroristische Vereinigung.

Rechte Terror-Gruppe: Ziel ist der Zusammenbruch des demokratischen Systems
Die Beschuldigten sind noch allesamt noch jung, älter als 14, aber teilweise noch keine 18 Jahre alt. Sie heißen: Benjamin H., Ben-Maxim H., Jerome M., Lenny M. und Jason R. – sie wurden in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Hessen festgenommen. Der Generalbundesanwalt schreibt: Die Mitglieder dieser Vereinigung würden sich als letzte Instanz zur Verteidigung der „Deutschen Nation“ verstehen. Und: „Ihr Ziel ist es, durch Gewalttaten vornehmlich gegen Migranten und politische Gegner einen Zusammenbruch des demokratischen Systems in der Bundesrepublik Deutschland herbeizuführen.“

„Besonders erschütternd ist: Alle heute Festgenommenen sollen bei Gründung der Terrorgruppe noch minderjährig gewesen sein“, sagte Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD). Es sei auch Aufgabe der Politik, der Radikalisierung gerade auch von Jugendlichen entgegenzuwirken.
Zu den Taten der Gruppe sollen auch Brand- und Sprengstoffanschläge auf Asylbewerberheime und Einrichtungen des politisch linken Spektrums zählen. Dabei sollen die Tatverdächtigen auch Tötungen in Kauf genommen haben. Benjamin H., Lenny M. und Jason R. sollen die Rädelsführer sein.
Schon in den vergangenen Monaten richteten sich Ermittlungen aufgrund von Anschlagsplänen gegen die Gruppe. Bei einer Durchsuchung im Februar entdeckten Polizisten nach eigenen Angaben Sprengstoff in Form von zwei Kugelbomben, außerdem Schlagringe, Einhandmesser, Munition, Schreckschuss- und Softair-Waffen.
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Immer mehr Neonazi-Gruppen treten in Erscheinung
Auch Sachbeschädigungen gehören zu den Straftaten, die Ermittler der Gruppe zurechnen. Ziele etwa auch: Asylunterkünfte. Zur Gewalt und Drohungen gehörten demnach auch Schriftzüge, die von den mutmaßlichen Tätern an den Tatorten hinterlassen wurden. Darunter: „Ausländer raus“, „Deutschland den Deutschen“ und „NS-Gebiet“. Sie malten Hakenkreuze und Siegrunen an die Wand und zeigten den sogenannten „Hitlergruß“, halten die Staatsanwälte fest. Und sie hinterließen ihr Kürzel: „L.V.W“.
Anfang Januar 2025, davon gehen zumindest die Ermittler aus, hätten Beschuldigte einen Brandanschlag auf eine bewohnte Asylbewerberunterkunft im brandenburgischen Senftenberg geplant. Hierzu beschaffte die Gruppe demnach in der Tschechischen Republik zwei Kugelbomben. Die Festnahmen, so halten die Ermittler fest, hätten diesen Anschlag verhindert. Einer der Beschuldigten heißt Devin K. Er sitzt seither in Untersuchungshaft.
In den sozialen Netzwerken gab der mutmaßliche Rechtsextremist bis zu seiner Festnahme kleine Einblicke in das Leben der Gruppierung. Ein Bild aus dem Juni 2020 zeigt K., nachdem er sich eine Glatze rasiert haben soll. Im April 2021 zeigt er sich zusammen mit anderen Personen hinter einem großen Transparent, auf dem „Freiheit Ursula Haverbeck“ steht. Die Holocaust-Leugnerin ist im Jahr 2024 mit 96 Jahren verstorben. Sie wurde mehrfach wegen Volksverhetzung verurteilt und gilt als eine Art Ikone in rechtsextremen Kreisen. Im November 2024 zeigte sich Devin K. zusammen mit mutmaßlichen Anhängern der „Letzten Verteidigungswelle“. Es mutet eine bedrohliche Atmosphäre an, nur ein bengalisches Feuer spendet Licht. Auf dem Bild sind sieben Personen zu sehen, teils vermummt, in der Mitte eine Deutschlandfahne – es erinnert an Bilder von Rechtsextremen aus den 90er-Jahren.

Der Berliner Verfassungsschutz etwa schrieb zuletzt, dass die Angebote rechtsextremer Akteure an Bedeutung gewonnen hätten, und damit für realweltliche Aktionen mobilisiert werde. Wie das aussieht, ließ sich im Sommer 2024 beobachten, als Neonazis am Rande der Christopher-Street-Day-Demonstrationen in Leipzig und in Bautzen aufliefen. Vom Erscheinungsbild zeigten sie sich teils ähnlich wie in den 90er-Jahren, Springerstiefel, manche hatten Glatzen, schwarz gekleidet, mit Marken, die in rechtsextremen Kreisen bekannt sind. Seit den Aufmärschen mit mehreren hundert Personen treten die rechtsextremistischen Jugendgruppen öffentlich immer häufiger in Erscheinung. Im Oktober 2024 etwa liefen zum ersten Mal seit Jahren wieder Rechtsextreme auf Berlins Straßen – vorne dabei Akteure der Gruppierung „Deutsche Jugend Voran“.
Inszenierung, Outfit, Ideologie – vieles erinnert an die frühen Jahre der militanten Neonazi-Szene. Und doch hat sie heute ein mächtiges Tool: das Internet. Genaugenommen, die sozialen Plattformen und verschlüsselte Chatgruppen. Hier werden junge Menschen an die Neonazi-Propaganda herangeführt, hier radikalisieren sie sich. Am Ende vernetzen sich die mutmaßlichen Täter über Chats, nicht nur deutschlandweit, teilweise weltweit. Viele von ihnen schlagen dann los, vor Ort, in der Nachbarschaft.
Seit dem Frühjahr 2024 treten Neonazi-Gruppierungen öffentlich vermehrt in Erscheinung. Nach Informationen unserer Redaktion mobilisierten Gruppen wie „Deutsche Jugend Voran“, „Jung und Stark“ oder „der Störtrupp“ schon im Vorfeld der Europawahlen, um rechtsextreme Ideologien zu verbreiten. Mit niedrigschwelligen rechtsextremistischen Angeboten sprechen die Gruppierungen gezielt Jugendliche und junge Erwachsene an. Als Feindbilder gelten neben politischen Gegnern Geflüchtete, Migranten und die LGBTQIA+-Community.








