Als die Schüsse am Bondi Beach fielen, hätten Ahmed al Ahmed, Jessica und Dutzende andere weglaufen können. Stattdessen liefen sie ins Feuer. Der syrisch-australische Ladenbesitzer stürzte sich unbewaffnet auf einen bewaffneten Terroristen und rang ihm die Waffe ab – mehrfach getroffen, droht ihm nun der Verlust seines Arms. In einem Interview sagte er später: „Meine Seele bat mich, das zu tun.“ Die schwangere Jessica warf sich schützend über die dreijährige Gigi, ein fremdes Kind in einem Regenbogenrock, das nach seinen Eltern rief. Der 14-jährigen Chaya wurde ins Bein geschossen, während sie zwei Kinder abschirmte. Das Ehepaar Boris und Sofia Gurman kämpfte mit einem der Angreifer um dessen Waffe – und bezahlte diesen Mut mit dem Leben.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Was diese Menschen vereint, ist mehr als Tapferkeit. Es ist ein Phänomen, das Wissenschaftler seit Jahrzehnten zu verstehen versuchen: Warum handeln manche Menschen, während andere erstarren?
Mitte Dezember starben 15 Menschen bei einer Terrorattacke auf die jüdischen Chanukka-Feierlichkeiten am Bondi Beach in Sydney – darunter ein zehnjähriges Mädchen. Zwei Schützen, angestachelt von der Terrororganisation Islamischer Staat (IS), eröffneten das Feuer auf die Festgemeinde. Dutzende wurden verletzt. Es ist der tödlichste Terroranschlag in der australischen Geschichte. Doch die Zahl der Opfer wäre zweifellos höher gewesen, hätten nicht so viele Menschen eingegriffen.
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Rettungsschwimmer Jackson Doolan sprintete barfuß vom Nachbarstrand herbei, beladen mit medizinischem Material. Polizist Jack Hibbert, erst vier Monate im Dienst, half Festivalbesuchern weiter, obwohl er selbst am Kopf und an der Schulter getroffen worden war. Reuven Morrison warf Ziegelsteine auf einen der Schützen, bevor er selbst tödlich getroffen wurde. Andere trugen Verletzte auf Rettungsbrettern vom Strand. Ein Rettungsschwimmer tauchte zurück ins Meer, um panische Schwimmer zu bergen.
Antisemitischer Angriff bei Sydney: Bei Einzeltätern werden Menschen eher aktiv
„Viele Menschen kennen den Zuschauer-Effekt“, erklärt Milad Haghani, Experte für urbane Sicherheit an der Universität Melbourne. Dieser beschreibt das Phänomen, dass die Anwesenheit anderer Menschen davon abhält einzugreifen. Aber jahrzehntelange Verhaltensforschung zeige: Bei wirklich gefährlichen, eindeutigen Notfällen wird dieser Effekt erheblich abgeschwächt – und manchmal sogar umgekehrt, wie er in einer Analyse zum Thema schreibt.
Eine große Metaanalyse des Zuschauerverhaltens belegt dies eindrucksvoll: Gerade bei gewalttätigen Angriffen mit einem klaren Täter werden Menschen eher aktiv. Der Grund liegt in der Psychologie der Verantwortung. „Wenn eine Situation eindeutig lebensbedrohlich ist, erkennen Menschen sie schneller und warten seltener auf soziale Hinweise oder Bestätigung von anderen“, so Haghani.
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Forschung zu Heldentaten: Manche Helden bezahlen mit ihrem Leben
Eine Analyse von über 100 Selbstmordattentaten in Israel zeigt, dass Eingreifen von Zuschauern die Zahl der Opfer signifikant reduzieren kann. Zwar verhinderte das Eingreifen selten einen Angriff vollständig, aber es störte häufig die Kontrolle der Angreifer über Zeitpunkt und Ort. Täter wurden zu vorzeitigem Handeln in weniger überfüllten Umgebungen gezwungen – und so wurden Leben gerettet.
Allerdings, und das zeigt die Analyse ebenfalls deutlich, kommt das Eingreifen oft mit direkten persönlichen Kosten. So auch im Fall der Terrorattacke in Sydney: Ahmed al Ahmed liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Boris und Sofia Gurman bezahlten mit ihrem Leben. Ihr Sohn Alex sagte bei der Beerdigung: „Selbst in den letzten Momenten ihres Lebens zeigten sie die Tiefe dessen, wer sie waren, indem sie diesen Momenten mit Mut, Selbstlosigkeit und Liebe begegneten.“

Attacke am Bondi Beach: Wer sich in Sicherheit bringen muss, sollte das schnell tun
Die offiziellen Empfehlungen der australischen Behörden lauten: „Entkommen. Verstecken. Melden.“ Die neue Sicherheitskampagne, die erst vor wenigen Monaten startete, enthält bewusst keine Anweisung zur Konfrontation mit Angreifern. Anders als die US-amerikanische FBI-Anleitung „Laufen. Verstecken. Kämpfen“ setzt Australien auf Vermeidung und Meldung.
Doch was, wenn Menschen nicht weglaufen können – oder wollen? Haghani hat in seiner experimentellen Forschung spezifische Verhaltensanleitungen entwickelt: Wer sich in Sicherheit bringen muss, sollte dies schnell tun, nicht langsam. Zögern – um zu filmen oder Informationen zu sammeln – erhöht das Risiko dramatisch. Wichtig ist kontinuierliche Bewegung mit ständiger Umgebungsbeobachtung, statt anzuhalten und neu zu bewerten. Wer mit Familie oder Freunden flieht, sollte in Einzelreihe gehen, eng hintereinander, nicht Hand in Hand nebeneinander.
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„Die Ereignisse in Sydney sind entsetzlich und sie unterstreichen eine schwierige Realität: Die Vorbereitung auf Gewaltrisiken an überfüllten Orten muss zum Mainstream werden“, fordert Haghani. Bei großen Veranstaltungen sei es wichtiger denn je, dass Menschen sich dieser Risiken bewusst sind und wachsam bleiben.
Ahmed al Ahmeds Mut hat weltweite Anerkennung erhalten. US-Präsident Donald Trump nannte ihn eine „sehr mutige Person, die viele Leben rettete“. Auch in seinem Heimatdorf in Syrien sind die Menschen stolz. Vor seinem Geschäft in Sydney häufen sich Blumen und Dankesnotizen und eine Online-Spendenkampagne hat über 2,6 Millionen australische Dollar (umgerechnet rund 1,5 Millionen Euro) gesammelt.







