Irgendwann unterbricht ein junger Mann die Diskussionen im Gemeindezentrum. Er streckt den Arm aus und zeigt auf den Fluss. Träge zieht ein mehrteiliger Schubverband in der Mitte des Rio Tapajós flussabwärts. Der Strom ist einer der größten Nebenflüsse des Amazonas, hier auf Höhe der Aldeia Muratuba ist er breit. „Der hat Soja geladen“, sagt der junge Mann. Man kennt diese Lastenkähne hier schon zur Genüge. Sie verdrecken den Fluss und verscheuchen die Fische, wissen die Menschen in Muratuba.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Für das Urvolk der Tupinambá, die hier am Tapajós im brasilianischen Amazonas leben, sind diese Sojatransporter auf ihrem Fluss wie Eindringlinge. Wie Fremde, die kommen, um ihre Heimat zu zerstören; das Symbol eines Problems, das sie schon lange umtreibt und um das es heute bei dem Treffen hier geht. Es ist ein Samstag Anfang Oktober, kurz vor Beginn der Weltklimakonferenz COP30 in Belém, der Stadt an der Amazonasmündung. Die Tupinambá der Umgebung sind zusammengekommen, um über die Umweltzerstörung, die Abholzung und die sich wie Geschwüre ausbreitenden Sojaplantagen zu reden und zu diskutieren, was ihnen diese Klimakonferenz bringt.
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Moderiert werden die Gespräche von Padre Edilberto Sena. Der 83-jährige Franziskanerpater kämpft seit einem knappen halben Jahrhundert für den Erhalt des Amazonas und gegen alle Formen seiner Ausbeutung. „Der Regenwald und seine Bewohner werden dem Kapitalismus geopfert“, sagt er.

Muratuba liegt in Pará, Brasiliens zweitgrößtem Bundesstaat, mitten im Regenwald. Hier allein gibt es 14 Urvölker. Und sie leben seit Jahrhunderten im Einklang mit der Natur. Die Tupinambá jagen, fischen, machen ihr Farofa genanntes Mehl aus der Maniokwurzel und folgen ihren Ritualen. Der Tapajós ist das Zentrum, Quelle des Lebens, spirituelle Heimat und Taktgeber für die Menschen.
Brasilien gilt als Kornkammer der Welt
Aber ihr Paradies wird immer schneller ausgebeutet – legal, aber vor allem illegal. Wo eben noch einzigartige Bäume standen, weiden jetzt Rinder, wird Soja für die ganze Welt angebaut. Brasilien ist eine der Kornkammern der Welt. Hinzukommen die illegalen Goldsucher, die den Fluss mit Quecksilber verdrecken. Die Tupinambá empfinden es, als würde sie die wirtschaftliche Ausbeutung des Amazonas langsam erdrücken. „Früher kamen sie, um uns zu berauben, heute kommen sie mit Investitionen und Machete“, sagt Kazike Gilson, der einen riesigen blauen Kopfschmuck trägt. Er ist der Anführer der nahen Gemeinde Pagagaio und führt an diesem Tag das große Wort.

Und die COP? „Um unsere Interessen geht es dort doch gar nicht“, ergänzt Felipe. Der 27-Jährige ist Jugendkoordinator der CITA, einer Organisation, die alle Urvölker am Unterlauf des Tapajós vertritt. Sie wollen eine bessere Gesundheitsversorgung, dass endlich die Indigenengebiete markiert und damit geschützt werden. Kaum einer hier bei dem Treffen der Tupinambá in Muratuba kann der COP etwas Gutes abgewinnen: „Cúpula das mentiras“, den „Gipfel der Lügen“ nennen ihn hier fast alle.
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Der Amazonasregenwald ist nicht nur der Lebensraum von 14 Urvölkern allein hier in Pará, sondern von rund 20 Millionen Menschen in ganz Brasilien. Der Urwald, der sich über neun Länder erstreckt und anderthalbmal die Größe der Europäischen Union hat, ist entscheidend für das Klima der Welt.
Wie aber geht es dem Amazonas? Der Patient ist schwer krank. 20 Prozent des größten zusammenhängenden Regenwaldgebiets der Erde seien schon vernichtet, sagen Klimaexperten. Mancherorts im Amazonas sind es schon bis zu 40 Prozent. Der Regenwald komme dem Kipppunkt immer näher, bei dessen Überschreitung die Bäume absterben und ihre Kohlenstoffspeicher wieder in die Atmosphäre abgeben. Die illegale Waldvernichtung geht zwar zurück, aber nicht schnell genug. Die Welt reduziert ihre Emissionen zu langsam, um die Ziele des Pariser Abkommens von 2015 zu erreichen. Dieses verpflichtet die über 190 Unterzeichnerstaaten, die Erderwärmung auf unter 1,5° gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Die für die Umsetzung nötige drastische Reduzierung der globalen CO2-Emissionen bleibt aber aus.
Darum geht es bei der Klimakonferenz in Brasilien
Daher bedarf es schnellen Eingreifens und rascher Entscheidungen. Genau darum soll es auf der COP30 gehen, bei der von Montag an bis zum 21. November 50.000 Teilnehmer beraten. Belém ist dafür ein symbolsicherer Ort. 30 Jahre nach der ersten Klimakonferenz in Berlin trifft man sich im Herzen des Amazonas, am Thermometer des Weltklimas.
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Im Zentrum der Gespräche soll daher das Schließen der „globalen Ambitionslücke“ stehen, das heißt: Wie kann man die Ziele von Paris doch noch erreichen? Aber das Treffen findet in einer Zeit statt, in der das politische und gesellschaftliche Interesse am Klimaschutz so gering ist wie nie zuvor in den vergangenen zehn Jahren. Die USA haben sich unter Präsident Donald Trump aus der globalen Klimaallianz zurückgezogen. Und Brasiliens linker Staatschef Lula da Silva hat zwar versprochen, bis 2030 die Abholzung im Amazonas zu stoppen. Aber er tut nicht genug dafür. Und jetzt gab auch noch die Umweltbehörde IBAMA mit Lulas Segen grünes Licht für die Suche nach neuen Ölfeldern im Amazonasdelta.
Die Eisenbahnlinie wäre für den Amazonas und seine Bewohner eine Katastrophe, sagt der Padre
Auch in Santarém, der größten Stadt am Tapajós, dominiert das Thema Soja. Organisationen wie „Movimento Tapajós Vivo“ (MTV) haben hier ihren Sitz. Bei MTV, mitgegründet von Padre Edilberto, fokussieren sich vor allem junge Leute auf den Kampf gegen den „Ferrogrão“, eine geplante Güterzugstrecke, mit der noch mehr Soja noch schneller aus dem Pará transportiert werden soll. Die über 1000 Kilometer lange Bahnstrecke soll die Logistikkosten für die Agrarwirtschaft senken. Im Moment hängt das Projekt nach Umweltklagen aber am Obersten Gerichtshof (STF) fest. „Wenn diese Eisenbahnlinie kommt, wäre das eine Katastrophe für den Amazonas und ihre Einwohner“, sagt der Franziskaner, der seit Jahren von dem katholischen Lateinamerikahilfswerk Adveniat in Essen unterstützt wird.

Wenn man Santarém Richtung Süden auf der BR-163 verlässt, einer 3500 Kilometer langen Landstraße, die den Amazonas durchschneidet, merkt man, wie nah die Sojaplantagen an die Stadt herangerückt sind. Und immer wieder fallen die Wunden des Waldes ins Auge. Alle paar Kilometer rücken große gerodete Flächen, Brachen, abgeerntete Felder in den Blick.

Auf einer Nebenstraße der BR-163 empfängt Wilmar Castro, ein freundlicher, offener Mann Mitte 50, der – wie er gerne sagt – sehr gut vom Sojaanbau leben kann. Er ist eher ein Kleinbauer für brasilianische Maßstäbe. 160 Hektar bewirtschaftet Castro, auf denen er Mais und Soja abwechselnd anbaut. „In Brasilien gibt es noch immer viel Hunger“, sagt Castro. Und er helfe, ihn mit seiner Produktion zu bekämpfen. Als Umweltzerstörer sieht er sich nicht. Schon als junger Mann kam er aus dem Süden Brasiliens, um sich hier im Nordosten als Farmer selbstständig zu machen. Der galt damals noch als wildes Land. Menschen wie Castro galten damals noch als Helden und nicht als Zerstörer oder Umweltsünder. Zur COP 30 äußert sich Castro zurückhaltend: „Es ist gut, dass Brasilien in den Fokus rückt und die Welt zu uns schaut“, sagt er und versucht einen Kompromiss: „Ich bin gegen Abholzung“, sagt er, „aber den Amazonas muss man schützen, aber auch nutzen dürfen“.
Der Amazonasregenwald
Insgesamt umfasst der Amazonasregenwald anderthalbmal das Gebiet der Europäischen Union und ist das größte tropische Regenwaldgebiet der Erde. Hier finden 25 Prozent des Kohlenstoff-Austauschs zwischen Atmosphäre und Biosphäre statt. Ein gesunder Regenwald bindet Kohlenstoffdioxid (CO2) in der Luft, das für die Erderwärmung verantwortlich ist. Abgeholzte Wälder sind hingegen große Quelle für Treibhausemissionen. Zudem beherbergt der Dschungel etwa zehn Prozent der weltweiten biologischen Vielfalt.
58 Prozent des Amazonas-Dschungels liegen in Brasilien, aber auch Peru (13 Prozent), Kolumbien (zehn Prozent), Bolivien (acht Prozent), Venezuela mit sechs Prozent sowie Ecuador, Surinam, Französisch-Guayana und Guyana mit kleineren Teilen leben mit und von dem Urwald. Alle Anrainerstaaten haben ein riesiges Interesse daran, dass die galoppierende Zerstörung des Urwaldes gestoppt wird. keh








