Dort steht sie, die Dame mit dem grauen Kurzhaarschnitt. Still und alleine in der Nähe des berühmten Piers 39 in San Francisco. Anfang 70 wird sie sein und hat nichts weiter dabei als ein großes Schild, das sie den vielen Touristen entgegenhält, die an diesem sommerlichen Samstagmittag den Pier entlangschlendern. „I have a better cabinet from IKEA“ steht in blau-gelben Buchstaben auf der Pappe.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Menschen lachen im Vorbeigehen, doch die Demonstrantin bleibt ernst. Ihr Plakat (wörtlich übersetzt: „Ich habe einen besseren Schrank/Kabinett von Ikea“) spielt mit dem Wort „Kabinett“ und ist ein ironischer Vergleich: Selbst Ikea hat ein besseres Kabinett zusammengestellt als die Regierung. Die Dame ist eine Vorbotin für das, was sich ein paar Hundert Meter weiter in großer Zahl zeigt: Es sind tausende Menschen, die sich auf der Embarcadero Plaza gegenüber von San Franciscos Ferry Building versammelt haben. Kaum einer ist ohne politisches Statement dabei. Sie alle haben Schilder gebastelt oder tragen T-Shirts mit politischen Botschaften.
News aus den USA
US-Demonstrationen: Gegen Trump und die Einwanderungspolizei
Die Menschen sind Teil einer Bewegung, die am Samstag in den ganzen USA zu sehen und zu spüren war: Millionen von Menschen haben in zahlreichen Städten gegen Präsident Donald Trump protestiert. Nach Angaben der Veranstalter von Aktionsbündnissen wie Indivisible oder MoveOn unter dem Motto „No Kings“ (“Keine Könige“) insgesamt rund sieben Millionen Menschen in 2700 Städten und Gemeinden auf die Straße.
Allein in San Francisco sollen es 50.000 Menschen gewesen sein, die sich dem Protestzug angeschlossen haben. Sie werfen Trump vor, die USA mit seinem Regierungsstil wie ein König führen zu wollen und die Demokratie auszuhöhlen. Andere Teilnehmer forderten die Abschaffung der Einwanderungspolizei ICE, die seit Monaten auf Trumps Anweisung hart gegen illegale Einwanderer vorgeht.

Um 14 Uhr setzte sich der Zug in San Francisco in Bewegung. Auch Pete läuft mit. Der 62-Jährige sagt: „Die Regierung ist dabei, alles zu zerstören, wofür Amerika steht. Deswegen gehen wir heute auf die Straße!“ Auf seinem T-Shirt steht: „Schafft ICE ab – Familien gehören zusammen.“ Eine Frau ruft: „Amerika wurde von Einwanderern erschaffen!“ Der Applaus gibt ihr recht.
Auch interessant
Menschenbanner an San Franciscos Pazifik-Küste
Der Protestzug in San Francisco zieht weg von der Bay, hinein in die Stadt, über die Market Street, vorbei an Geschäftshäusern, Cafés und über Tramschienen. Es scheint, als würde dieser Zug aus Menschen nie enden. Am späten Nachmittag sammelt sich die Menge auf dem Civic Center Plaza vor dem Rathaus. Rednerinnen und Redner sprechen über Demokratie, über Rechte, über Gemeinschaft. Die Menge lauscht mit erhobenen Schildern und offenem Blick.

Parallel zum Protestzug in der Stadt, kommt es auf dem feinen Sandstrand an San Franciscos Pazifik-Küste zu einer eindrucksvollen Szene: Auch hier haben sich Tausende Menschen versammelt. Schulter an Schulter stehen sie im Sand und formen so gemeinsam ein riesiges Banner, das aus der Luft die Worte „NO KINGS YES ON 50“ zu lesen ist. „Yes on 50“ ist dabei eine direkte Bezugnahme auf das Bestreben, die Karten für Kaliforniens Kongresswahlbezirke neu zu ziehen — mit dem erklärten Ziel, demokratische Stimmen stärker zu berücksichtigen und die Machtbalance gegenüber den Republikanern zu beeinflussen.
Exklusiv aus den USA – für Sie recherchiert
„Wir sind hier, weil wir Amerika lieben“
Die Westküsten-Metropole war wie schon bei der ersten Auflage der „No Kings“-Demonstrationen im Juni dabei nicht einmal der Spitzenreiter bei der Bürgerbeteiligung. Washington DC (200.000), New York (100.000), Boston (100.000) und Chicago (ebenfalls um die 100.000) lieferten Fernsehbilder, wie man sie selten gesehen hat: Alte und Junge, Familien mit Kindern, dicht gedrängt auf Straßen und Plätzen in einer Festival-ähnlichen Atmosphäre, in der Aggressivität oder gar Gewalt abwesend war.
Dabei hatten Trump und die Republikaner dem Land weißzumachen versucht, dass die Proteste von gewalttätigen Anarchos und Amerika-Hassern orchestriert würden. „Wir sind hier, weil wir Amerika lieben“, sagte stellvertretend für viele der ehemalige Diplomat Matthew Herrington in Washington, „und da haben autoritäre Machtgelüste keinen Platz.“
Dinosaurier, Hühner, Frösche: Demonstranten symbolisieren Friedfertigkeit
Um Trump Lügen zu strafen, folgten Tausende dem vor Wochen in Portland/Oregon gesetzten Trend. Sie schlüpften in aufblasbare Kostüme – Dinosaurier, Hühner, Haie, Frösche – , um dem Proteste eine leichte Note zu geben und Gewaltlosigkeit zu signalisieren. Viele Plakate strotzten vor kreativem Sarkasmus: „Hey Trump, niemand hat uns dafür bezahlt, hier zu sein. Wir hassen dich alle umsonst.“

In Boston, der Hauptstadt von Massachusetts, verknüpften die Demonstranten das Motto „No Kings“ mit der Geschichte der amerikanischen Revolution in ihrer traditionsreichen Stadt: „Wir haben einen König gestürzt, und wir würden es wieder tun“, rief die demokratische Bürgermeisterin Michelle Wu und erntete tosenden Beifall.
Trump postet Fäkalien-Video
Wer erwartet hatte, dass der tonangebende Mann nach dem gegen ihn gerichteten Aufmarsch zumindest innehalten und ein Ich-habe-verstanden signalisieren würde, wurde enttäuscht. Eine Sprecherin des Präsidenten reagierte auf die Frage, welche Bedeutung die bisher größte Manifestation zivilen Unmuts in der Geschichte der USA hat, schnippisch so: „Wen kümmert`s?”
Später verbreitete Donald Trump ein von Künstlicher Intelligenz erzeugtes Video, das ihn als Top-Gun-Kampfpiloten mit Krönchen zeigt, wie er tonnenweise Fäkalien über Demonstranten ablässt. Shitdown im shutdown sozusagen.












