Als der Teenager Michel eines Abends im Herbst 2018 auf einer Geburtstagsparty im Kleingartenverein vor die Tür tritt, eine Kippe raucht, ahnt er nicht, dass hier seine Karriere bei der AfD in Thüringen beginnen wird. Ein paar Bier sind schon geflossen, da kommt ein älterer Mann auf ihn zu, zündet sich eine Zigarette an, plauscht los. Irgendwann geht es um die „schlimmen Migranten“.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Michel ist rechts eingestellt, er macht keinen Sport, interessiert sich aber für Politik. Dieser Mann im Verein, so erzählt es der junge Mann später, holt ihn in die AfD. Michel macht dort schnell Karriere, tritt in den Vorstand der Jugendorganisation in Thüringen ein, wird Mitglied im rechtsextremen „Flügel“ der AfD. Michel wird Fan von Björn Höcke.
Ist es ein Zufall, dieser erst so harmlose Plausch im Kleingarten? Oder wurde Michel gezielt angeworben durch ein anderes AfD-Mitglied?
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Eben dieser Höcke, Landeschef der als rechtsextrem eingestuften Thüringer AfD, gibt in einer Rede die Marschrichtung vor: „Wir Patrioten, liebe Freunde, wir müssen rein. Wir müssen rein in die Schützenvereine, wir müssen rein in die Jagdgenossenschaften, wir müssen rein in die Kirchengemeinden, wir müssen rein in die Kirmesgesellschaften.“
Der Kleingartenverein, die Freiwillige Feuerwehr, der Heimatverein – es sind geschützte Orte der Begegnung, der Gemeinschaft. Menschen engagieren sich dort privat. Und doch sind Vereine auch mehr als das. „Die Freiwillige Feuerwehr organisiert das Osterfeuer, richtet die Weihnachtsfeier im Gemeindehaus aus, begleitet die Einschulung“, sagt David Begrich von Miteinander e.V., der sich seit vielen Jahren mit Rechtsextremismus vor allem in Ostdeutschland befasst. „Für die AfD gehören diese Vereine zum vorpolitischen Feld. Das will die AfD für sich gewinnen.“

Der junge Michel, der AfD-Funktionär, wird später selbst einmal im Kleingartenverein an Mitglieder herantreten, gezielt, strategisch, um sie für die AfD zu begeistern. Der geschützte Ort, Michel will ihn politisieren. Vereine können zu „Schauplätzen im Kulturkampf“ werden, sagt Anna Lea Jakobs. Sie ist Journalistin und hat für diese Redaktion in Thüringen über Monate dazu recherchiert, wie die AfD das Vereinsleben für sich kapern will. In der Podcast-Serie „Vereinnahmt – Zwischen Ehrenamt und Extremismus“ berichtet sie von ihren Begegnungen – auch der mit Michel. Jakobs sagt: Vereine seien „zentrale Orte der Gesellschaft – und damit auch Angriffspunkte für rechtsextreme Akteure“. Die zweite Folge des Podcasts erscheint diesen Donnerstag.
Die AfD ist im Umfrage-Hoch. Sie holte bei den Landtagswahlen im vergangenen Jahr in Ostdeutschland Rekordergebnisse, gerade bei jungen Menschen. So haben 38 Prozent der Menschen unter 25 Jahre etwa bei den Landtagswahlen in Thüringen AfD gewählt. Und, auch das zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, die AfD ist eher erfolgreich im ländlichen oder kleinstädtischen Raum. Dort, wo der Schützenverein oder die Freiwillige Feuerwehr noch zentrale Akteure der Gemeinschaft sind.
Rechtsextreme Jugendgruppen organisieren Wanderungen, Zeltlager oder Fackelmärsche
Dass radikale Rechte ihr soziales Umfeld nutzen, um ihre Ideologie zu streuen oder die Stimmung in einem Ort zu verändern, ist nicht neu. Extremisten gehen dorthin, wo der Staat sich zurückzieht. Die Neonazi-Partei „Der Dritte Weg“ inszeniert sich als „Kümmerer-Partei“. Rechtsextreme Jugendgruppen organisieren Wanderungen, Zeltlager oder Fackelmärsche. In Sportvereinen organisieren sich Rechte als Fangruppen.
Die AfD geht in Teilen einen anderen Weg. Sie will ihre radikalen Positionen durch Einsatz in Vereinen normalisieren, „gesellschaftsfähig werden“, wie Michel im Interview sagt. Noch etwas spielt hier eine Rolle. Gerade in Ostdeutschland würden die Menschen „Berufspolitikern mit Skepsis und Misstrauen begegnen“, sagt Experte Begrich. „Kommt ein Politiker aber auch im Schützenverein gut an, dann ist er Privatmensch und Nachbar. Das öffnet Türen bei der Wählerschaft.“

So wie Uwe Thrum. Er ist AfD-Abgeordneter in Thüringen und engagiert sich in seinem Saale-Orla-Kreis im Förderverein für das Freibad. Er sagt im Podcast: „Man muss nicht immer gleich das blaue Fähnchen schwingen, die Leute wissen ja, wo man steht.“ Er sieht keine Unterwanderung der Vereine durch die AfD. Er sieht nicht einmal eine Taktik oder Strategie, mit der sich die Partei in das gesellschaftliche Leben verankert.
Wo Thrum gezielt vorgeht, ist beim politischen Angriff auf Vereine. Nicht die Freiwillige Feuerwehr, sondern Gruppen, die sich gegen Rechtsextremismus in der Region einsetzen. Gegen die AfD. Auf Nachfrage teilt der AfD-Abgeordnete mit, seine Partei werde gezielt die Finanzämter anschreiben. Die Partei will Druck ausüben auf das Amt. Es soll Vereine auf ihre Gemeinnützigkeit überprüfen, etwa Organisationen wie die Thüringer Antidiskriminierungsstelle, die „Naturfreunde“ oder die „Omas gegen rechts“. Die AfD wolle Listen erstellen mit weiteren Organisationen.
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Der Vorwurf der AfD: Die Vereine seien nicht gemeinnützig, sondern politische Aktivisten. Andere sehen darin ein Vorgehen der Partei, um unliebsame Akteure zu schwächen. Der Vorwand, die Vereine seien nicht „neutral“, werde nur vorgeschoben.
Schon im Bundestag stellte die AfD vor einigen Jahren einen Antrag, der Druck auf die Finanzhöfe ausüben sollte, weil sich Vereine vermeintlich „politischer Agitation“ verschreiben würden, statt Bildungsarbeit zu leisten. Der Einsatz gegen Rechtsextremismus wird von der AfD seit Jahren attackiert.
Wie viel Erfolg die Partei mit der Taktik hat, bleibt offen. Experte Begrich gibt zu bedenken, dass es die AfD „noch nicht“ schaffe, „sich so stark in kommunalen Vereinen und Parlamenten zu verankern, wie sie sich das wünscht“. Apotheker, Ärztinnen, Fahrschullehrer würden stattdessen „bewährten, langjährigen Kandidaten für öffentliche Ämter“ vertrauen. Begrich sieht aber eine wachsende Professionalisierung der AfD auf der kommunalen Ebene. „Das ist gefährlich“, sagt er.
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Der junge Michel ist mittlerweile nicht mehr in der AfD. Er ist ausgetreten. So wie andere junge Männer, denen die radikalen Positionen der Partei irgendwann zu weit gingen. Im Podcast erzählt der junge Nico von einem Video, das er im Chat seiner Freiwilligen Feuerwehr von einem Vereinsmitglied geschickt bekommt. Feuerwehrleute tanzen zu einem Popsong. „Die freuen sich, dass das Asylantenheim brennt“, erzählt Nico. Keiner kommentiert, niemand widerspricht. „Da fällt man vom Glauben ab.“








