Statistiken sind tückisch. Deutsche, zum Beispiel, sind in Österreich doppelt so kriminell wie Einheimische. Das liegt nicht an der Verbrechenslust der Deutschen – sondern an der hohen Zahl an Touristen und Saisonarbeitern, die eben auch Drogendelikte oder Diebstahl begehen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Wer wie kriminell ist, bewegt Politik und Bürger. Vor allem, ob Ausländer krimineller sind als Einheimische, ist eine politisch brisante Frage. Die Polizeistatistiken tun sich schwer mit Aussagen, lange hielt das Bundeskriminalamt die Auswertung für verzerrt. Und dennoch versuchen Sicherheitsbehörden, sich dieser Frage anzunähern – vor allem, weil der Zuzug von Menschen aus Syrien, Afghanistan oder der Türkei in den vergangenen Jahren stark gestiegen ist. Und damit auch die Auffälligkeit in den Polizeistatistiken.
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Eine neue Auswertung, die das Bundesinnenministerium auf Anfrage der in Teilen rechtsextremen AfD herausgegeben hat, will sich der Kriminalitätsbelastung durch einzelne Nationalitäten annähern. Dafür weist das Bundeskriminalamt die sogenannten „Tatverdächtigenbelastungszahlen“, kurz TVBZ, aus. Es ist das Verhältnis der ermittelten Tatverdächtigen im Alter ab acht Jahren insgesamt in Bezug auf 100.000 Einwohner des jeweiligen Bevölkerungsanteils. Und zwar nur die Personen, die in Deutschland wohnhaft sind. So will das BKA die Klippe umschiffen, dass Ausländer verzerrt registriert werden, weil sie etwa auf der Durchreise Straftaten begehen. Auch Delikte, die ohnehin nur Ausländer begehen können, sind herausgerechnet, etwa Verstöße gegen das Aufenthaltsrecht.
Die Zahlen sind deutlich: Gerade junge Menschen aus Syrien, Afghanistan oder der Türkei sind in der Statistik deutlich überrepräsentiert – sie tauchen also im Verhältnis zu ihrem Bevölkerungsanteil als Tatverdächtige häufiger auf. Während bei allen Delikten der Wert bei deutschen Verdächtigen 1878 ist, ist er bei syrischen und afghanischen Tatverdächtigen mit mehr als 8000 viermal so hoch. Zählt man nur die Jugendlichen zwischen 14 und 18, ist der Wert etwa bei Syrerinnen und Syrern sogar fünfmal so hoch.

Noch massiver sind die Unterschiede bei Jugendlichen aus Algerien und Marokko, wenn man sich nur die Delikte der „Straßenkriminalität“ anschaut, also Diebstähle sowie Körperverletzungen auf Wegen und Plätzen. Dort fallen junge Nordafrikaner teilweise mehr als 50-Mal häufiger auf als deutsche Teenager. Bei der „Rauschgiftkriminalität“ viele Personen, die als Geflüchtete aus Algerien, Tunesien, Syrien oder Afghanistan nach Deutschland kamen.
Hier wird eine erste Tücke der Statistik deutlich: Die Gruppe etwa der jungen Algerier, die in Deutschland leben, ist sehr gering. Es sind insgesamt laut Schätzungen nur einige Tausend. Fallen Polizisten einzelne Tatverdächtige auf, treiben diese die Statistik gleich deutlich stärker in die Höhe als bei deutschen Verdächtigen. Verzerrungen, die das BKA lange Zeit von einer Veröffentlichung der TVBZ abhielt, bleiben auch bei diesen bereinigten Statistiken bestehen.

Für Ermittlerinnen und Ermittler sind die Zahlen trotz dieser Faktoren ein Indiz für eine Wahrnehmung, die sie seit einigen Jahren verschärft haben. Während die Gewaltkriminalität ab 2007 deutlich zurückging, steigt die nun wieder an. Gerade bei jungen Menschen: Sie wenden schneller Gewalt an, und dann auch härter. Soziologen sprechen von einer „Durchrohung der Gesellschaft“ und einer „neuen Härte“. Tatverdächtig sind oftmals junge Schutzsuchende. Aber nicht nur. Forschende und Kriminalbeamte sehen wachsende psychische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen, befördert auch durch die starken Beschränkungen in der Corona-Pandemie und zunehmende wirtschaftliche Sorgen.
Hinzukommt: Einzelne jugendliche Männer fallen der Polizei als sogenannte „Intensivtäter“ auf. Ein Beispiel: Ein junger Mensch begeht nicht nur einen Ladendiebstahl, sondern innerhalb einer kurzen Zeit eine ganze Serie. Auch bei Körperverletzungsdelikten haben viele Täter nicht nur eine Tat begangen. Das aber berücksichtigt die Tatverdächtigenbelastungszahl nicht, wie das BKA auf Nachfrage unserer Redaktion mitteilt. Hier zählt nur der einzelne Tatverdächtige, losgelöst von der Anzahl der Delikte und der Schwere.
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Um diese Statistik richtig zu verstehen, muss man also jedoch wissen, was die Polizeistatistik ausweist. Zunächst einmal nur die Tatverdächtigen. Millionenfach stellt die Polizei jedes Jahr Ermittlungen ein, weil sich der Tatverdacht nicht erhärtete. Und auch vor Gericht enden Verfahren nicht immer mit Schuldspruch, sondern mit Freispruch. Beides zeigt die Statistik nicht an.
Gleichzeitig bekommt die Polizei von vielen Verbrechen gar nichts mit – weil sie gar nicht erst angezeigt werden. Massiv ist dieses Problem bei der häuslichen Gewalt, etwa sexueller Missbrauch, meist durch Verwandte oder den eigenen Partner begangen. Scham oder finanzielle Abhängigkeit halten Betroffene davon ab, die Täter bei der Polizei zu melden.
Die Tatverdächtigenbelastungszahlen bedürfen weiterer Einordnungen, um sie richtig zu interpretieren. Kriminologen haben etwa herausgefunden, dass Menschen mit „ausländischen Merkmalen“ häufiger angezeigt werden als Personen, die deutsch gelesen werden. Und Syrer, Afghanen oder Iraker kontrolliert die Polizei häufiger – beides Faktoren, die Einfluss auf die Statistiken nehmen.
Anmerkung der Redaktion
Von (häuslicher) Gewalt betroffene Personen können sich an die Telefonseelsorge wenden. Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt. Das Opfer-Telefon des Weißen Rings ist unter 116 006 erreichbar. Opfer und Zeugen von häuslichen Gewalttaten können – bei Tag und Nacht – über den Notruf 110 Hilfe holen.
Frauen erhalten zudem Unterstützung beim bundesweiten Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ der Bundesregierung unter der 116 016. Der Anruf ist kostenlos und auf Wunsch anonym. Über die Internetseite www.hilfetelefon.de können sich Betroffene zudem online per E-Mail oder Chat beraten lassen.
Das Männerhilfetelefon ist unter der bundesweiten Telefonnummer 0800 123 99 00 zu erreichen. Hilfe erhalten Betroffene auch im Internet auf der Seite der Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz.
Die große Mehrzahl der Forschenden zu Verbrechen ist sich einig: Die Nationalität eines Menschen hat so wenig mit Kriminalitätsrisiken zu tun wie sein Körpergewicht. Zugleich ist klar, dass ein junger Mann aus Syrien oder Afghanistan eine andere Biografie hat als ein deutscher Teenager aus Heidelberg oder Bremen. Er entstammt Ländern, in denen Gewalt durch Krieg und Konflikte herrscht. Er hat womöglich Gewalt auf der Flucht erlebt.
Und so gibt es Faktoren, die Forschung und Bundeskriminalamt erkennen, die eine starke Auffälligkeit von Ausländern und Asylsuchenden in der Statistik erklären können. Wesentlich sind zwei Aspekte: Zum einen ist der Anteil junger Männer unter Bevölkerungsgruppen aus Syrien oder Irak deutlich höher als in der Gesamtbevölkerung in Deutschland. Vor allem junge Männer sind hierher geflohen. Sie fallen grundsätzlich stärker kriminell auf – das gilt auch unter jungen Deutschen. Kriminalität, heißt es, wächst sich aus. Junge Männer gründen Familien, arbeiten in festen Jobs. Nur selten laufen kriminelle Karrieren bis ins Rentenalter.
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Zum anderen wirken sich sozio-ökonomische Faktoren auf die Kriminalitätsbelastung aus. Junge Schutzsuchende leben häufig über Monate in Asylunterkünften – auf engem Raum, mit kaum Privatsphäre und wenig Freizeitangeboten. Zu vielen Straftaten rückt die Polizei in diese Einrichtungen aus. Das führt dazu, dass Täter und Opfer bei vielen Verbrechen beides Geflüchtete sind.
Häufig gehören Ausländer, egal ob Arbeitsmigrant aus Rumänien oder Flüchtling aus Irak, zu den Gruppen mit weniger Einkommen. Bei jungen Migranten kommt hinzu, dass ihre Familie oft viele Tausend Kilometer entfernt lebt. Doch gerade Eltern können auf junge Straftäter einwirken, sie von Verbrechen abhalten.
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Diese Faktoren sollen erklären – aber nicht entschuldigen oder relativieren. Mehrere Gewaltverbrechen sorgten allein im vergangenen Jahr für Betroffenheit und Wut. Im Januar tötete ein Afghane ein Kind und einen Passanten mit einem Messer in einem Park in Aschaffenburg. Auch islamistisch motivierte Attentate schockieren das Land, so etwa der Messerangriff eines Syrers in Solingen im vergangenen Sommer.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte nach der Gewalttat von Aschaffenburg eine „Migrationswende“ versprochen. Sicherheitspolitiker der Union sehen die öffentliche Ordnung gefährdet. Auch in den Befragungen der Menschen in Deutschland zeigt sich, dass die Sorge vor einer Überforderung des Staates durch Geflüchtete 2024 zugenommen hat. Auch die Angst vor politischem Extremismus ist gewachsen.
Interessant: Das Gefühl der Unsicherheit ist statistisch bei Menschen am höchsten, die am wenigsten wahrscheinlich Opfer einer Straftat werden, also vor allem ältere Personen. Junge Männer hingegen – häufig Täter oder Betroffene von Verbrechen – fühlen sich überdurchschnittlich sicher. Die Wissenschaft spricht vom „Kriminalitätsfurcht-Paradoxon“.
Das zeigt: Das Sicherheitsgefühl korreliert nicht mit dem tatsächlichen Risiko, Opfer einer Straftat zu werden. Studien zeigen, dass etwa Medienberichte über Straftaten oder politische Debatten das Gefühl der Unsicherheit bei Menschen stark beeinflussen. Die Macromedia-Hochschule in Hamburg hat ausgewertet, dass ausländische Tatverdächtige in Fernsehberichten 19-mal häufiger erwähnt werden, als es ihrem statistischen Anteil in der Polizeilichen Kriminalstatistik entspricht. Das zeigt: Wer mit Statistiken argumentiert, muss vor allem eines wissen: wo ihre Stärken, aber vor allem ihre blinden Flecken liegen.












