In der westirischen Stadt Tuam wird das letzte Kapitel eines der größten Skandale in der Geschichte der katholischen Kirche geschrieben. Dort hat die Bergung der Überreste der Leichen von fast 800 Säuglingen begonnen, die zwischen 1925 und 1961 in einem katholischen Heim für unverheiratete junge Frauen ums Leben kamen. Insgesamt sind in Irland in jenen Jahren etwa 9.000 unerwünschte Kinder in solchen Heimen gestorben und meist anonym verscharrt worden. Erst in den vergangenen zehn Jahren ist das ganze Ausmaß dieser von der Kirche lange verschwiegenen Tragödie bekannt geworden.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Die Berichte aus Irland haben auch neue Aufmerksamkeit auf das Schicksal von Heimkindern in Deutschland gelenkt. Erst kürzlich ist eine umfassende wissenschaftliche Studie über die „Verschickungskinder“ erschienen, die zu mehrwöchigen Aufenthalten in Erholungsheimen untergebracht wurden. Allein in Westdeutschland betraf das zwischen 1951 und 1990 etwa elf Millionen Kinder und Jugendliche. In der DDR gab es in der Zeit ein ähnliches Betreuungssystem, das der gesundheitlichen Stärkung und Erholung bedürftiger Kinder dienen sollte.
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Kinderheime in Deutschland: Studie offenbart systematische Missstände
„Die Trennung von der Familie gegen den eigenen Willen war zum Teil traumatisierend, es gab Mitarbeitende, die Kinder gedemütigt, eingeschüchtert und weit über das zulässige Maß hinaus kontrolliert haben. Manche Kinder und Jugendliche waren körperlicher und seelischer Gewalt ausgesetzt“, heißt es im Vorwort der Studie einer Wissenschaftlergruppe um den Historiker Alexander Nützenadel von der Berliner Humboldt-Universität.

Die Forscher haben dazu Archive und Aktenbestände ausgewertet sowie Interviews mit einer großen Zahl Betroffener geführt. Als Ursache für die Missstände nennen sie häufig fehlende angemessene pädagogische Konzepte, Mangel an pädagogischem Fachpersonal und eine unzureichende Aufsicht. Die Studie ist eine wissenschaftliche Arbeit, die aber durch die wörtlich zitierten Erinnerungen einer Menge heute erwachsener, damals betroffener Kinder eine höchst persönliche, emotional berührende Note hat.
„Ein Teil von mir ist gestorben“ – Claudia O. über eine Nacht des Grauens im Heim
Das Unheil begann oft schon auf der Anreise zum Kurort. Viele erinnern sich an Sprech-, Essens- und Trinkverbote sowie körperliche Gewalt in Form von Ohrfeigen oder Schlägen. Britta K. erinnert sich, wie Begleiter gewütet hätten, weil einige Kinder wegen Heimweh aus dem Zug heraus wollten. „Die haben die [Kinder] festgehalten, an den Jacken gezogen, in die Sitze gepresst. Sie waren grob [und] haben geschrien. Ich kannte das nicht, ich hatte totale Angst.“ Regina S. berichtet aus ihrer Zeit in der Kinderheilstätte Schloss Friedenweiler im Jahre 1967 von einem generellen Sprechverbot. Auch Andreas W. erzählt aus dem Jahre 1975, dass das Sprechen grundsätzlich nur beim Beten erlaubt gewesen sei.

Von einem über die reine Isolation hinausgehenden, an Folter erinnernden Übergriff berichtet Claudia O.: „Irgendwas hatte ich angestellt, und die Aktion war dann, mich eben über Nacht in einen großen Raum einzusperren [...] und ich musste, ich würde sagen circa einen Liter Wasser trinken. Und dann wurde mir eine Schüssel gegeben, und die wurde vor mich gestellt, und es wurde mir gesagt, dass ich nur in diese Schüssel machen darf und dass ich die Schüssel dann austrinken soll und dass diese Schüssel leer sein muss bis zum Morgen.
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Wenn die Schüssel nicht leer ist am Morgen, dann wäre mein Leben vorbei. Ich habe das geglaubt [...]. Mir war schon bewusst, dass es um Leben um Tod geht, und ich ging davon aus, dass es jetzt auch um mein Leben geht und ums Überleben. Diese Nacht war unendlich lang. Und natürlich musste ich immer wieder mal und dann trinken und musste wieder mich entleeren und habe dann sozusagen geschafft am Morgen mit leerer Schüssel aus dem Raum geholt zu werden. Und in dieser Nacht ist ein Teil von mir, glaube ich, gestorben – vor allen Dingen mein kleines Mädchen.“
Ost und West: Gewalt, Gleichgültigkeit – und selten Menschlichkeit
Die Praktiken in den Heimen West- und Ostdeutschlands unterschieden sich nach diesen Erinnerungen kaum. Die Ängste, Sorgen oder Probleme der einzelnen Kinder spielten hier wie dort keine Rolle wie oft auch die Umstände, die zu einer stationären Einweisung geführt hatten. Heidemarie P. wurde nach einem Suizidversuch in das Kinderheim Müritz in Mecklenburg eingewiesen. Dass ihr Stiefvater sie mehrfach missbraucht hatte, interessierte niemanden, eine Hilfestellung zur Überwindung dieses Traumas erhielt sie nie. Ursula B. kam mit zwei Jahren in ein Heim, nachdem ihre Mutter sie und ihre Geschwister verlassen hatte, um in den Westen zu fliehen. Anders als im Westen hatten die Heime in der DDR den politischen Auftrag, die Kinder und Jugendlichen „kollektivfähig“ zu machen, nicht, sich ihrer Seelen anzunehmen.
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Andererseits gab es aber in Ost wie West auch positive Erfahrungen in Heim, freundliche Erzieher und menschliche Unterstützung, wie ebenfalls Berichte Betroffener zeigen. Der fundamentale Unterschied ist, dass im Westen weggeschaut und das Unrecht geduldet wurde, während man im Osten die Maßnahmen aus politischen Gründen als rechtmäßig und notwendig erachtete. Gewiss sind die Zustände in den deutschen Heimen jener Jahre nicht mit denen der irischen katholischen Kirche zu vergleichen. Der massenhafte Tod von Kindern wurde hier nicht einkalkuliert. Physische und psychische Gewalt, Quälereien und Nichtachtung der Nöte, Bedürfnisse und der menschlichen Würde der Kinder gehörten aber oft zum Alltag.










