Am Ende sah man die Jahrhundertzeitzeugin im Motorboot über den Wannsee brettern, Wind im weißen Haar und Sonnenbrille auf der Nase. Die Margot-Friedländer-Stiftung hatte anlässlich der offiziellen Gedenkfeier für ihre am 9. Mai mit 103 Jahren verstorbene Namensgeberin eine große Leinwand auf die Bühne der Philharmonie gestellt, auf der immer wieder Fotos, kurze Videos und Zitattafeln aufleuchteten, die an die Holocaust-Überlebende erinnerten.

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Viele Begegnungen waren darunter, zu denen es nach ihrer Rückkehr nach Deutschland im Jahr 2010 gekommen war – mit jungen Menschen, mit Schülerinnen und Studenten, mit Auszubildenden und ehrenamtlich Tätigen, aber auch mit politischer und gesellschaftlicher Prominenz von Angela Merkel bis Joachim Gauck, von Iris Berben bis Max Raabe, von Ursula von der Leyen bis Emmanuel Macron. Es entstanden so Einblicke vor allem in ihr „viertes Leben“, wie es Margot Friedländer selbst einmal genannt hat: dasjenige nach der Kindheit, der viel zu kurzen Jugend und der Zeit in den USA: die Zeit nach der Rückkehr nach Berlin.

Knapp zwei Monate sind vergangen, seit Berlins Ehrenbürgerin in einem Ehrengrab auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee beigesetzt wurde. Nun gab es, vor mehr als 1600 Gästen in der Philharmonie und noch einmal deutlich mehr vor den Bildschirmen außerhalb, noch einmal für einen größeren Kreis von Menschen die Möglichkeit des Gedenkens und des Abschiednehmens, aber auch der Reflexion über das Erbe dieser besonderen Frau. „Wir blicken mit Verantwortung, aber auch mit Zuversicht nach vorn – im Sinne Margots“, erklärte Karsten Dreinhöfer, Vorstandsvorsitzender der Margot Friedländer Stiftung.

Dazu war eine angemessen prominente Riege von Menschen aus Politik, Gesellschaft und Kultur erschienen, darunter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner, der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff und der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz. Zu hören waren – neben herausragender Musik von Mitgliedern der Berliner Philharmoniker bis zu David Hermlin und seinem Swing Dance Orchestra – Reden, die die schwierige Balance von Rückschau und Ausblick überzeugend halten konnten.

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Der Bundespräsident zeigte sich beeindruckt von einem Leben, in dem Margot Friedländer trotz der zutiefst verstörenden Erfahrung von „Verlust, Angst, Entwurzelung“ im hohen Lebensalter und mit ausgestreckter Hand ins Land der Täter zurückkehrte, um sich für Aufklärung, Erinnerung und Menschlichkeit starkzumachen.

Margot Friedländer: 2003 nahm sie eine Einladung des Berliner Senats an

Ein kurzes Video brachte die traumatischen Erfahrungen ins Gedächtnis: Margot Friedländer, geboren als Anni Margot Bendheim 1921 in Berlin, musste 1943 miterleben, wie ihr Bruder von der Gestapo verhaftet wurde und wie sich ihre Mutter aus Sorge um ihn daraufhin freiwillig stellte. Die von ihr hinterlassene Handtasche mitsamt Bernsteinkette und Adressbuch, Margots Leben im Untergrund mit tizianrot gefärbtem Haar, schließlich ihre Verhaftung und Deportation ins Konzentrationslager Theresienstadt: Margot Friedländer hat unzählige Male davon berichtet. Auch an diesem Abend stand ihre Lebensgeschichte allen klar vor Augen – mitsamt der Emigration in die USA, ihrem Leben an der Seite ihres Mannes Adolf Friedländer, bis sie schließlich 2003 eine Einladung des Berliner Senats annahm und sieben Jahre später endgültig zurückkehrte.

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Und man will sie immer wieder hören, weil in ihr die unvergleichbar zähe Liebenswürdigkeit und Präsenz dieser Frau aufscheint, die, wie so viele ihrer Weggefährten an diesem Abend berichteten, einen ganzen Saal allein zum Leuchten bringen konnte. „Sie erzählte nicht, um zu erschrecken“, so Steinmeier. Sie habe von ihrem Leben erzählt, damit sich dergleichen niemals wiederhole. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner berichtete, wie sie noch am 7. Mai anlässlich der Erinnerungen an das Ende des Zweiten Weltkrieges im Roten Rathaus „zart, aber stark“ aus ihren Erinnerungen vorgelesen habe: „Berlin verneigt sich vor seiner Ehrenbürgerin“, so Wegner.

Gedenkfeier für Margot Friedländer
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU).© Lisi Niesner/Reuters/Pool/dpa | Lisi Niesner

In der Margot-Friedländer-Stiftung lebt ihre Arbeit fort – unter anderem in Gestalt des Margot-Friedländer-Preises, mit dem Menschen geehrt werden, die sich mit Aktionen und Initiativen für Toleranz, Menschlichkeit, Freiheit und Demokratie einsetzen. Im vergangenen Jahr war das der in Hamburg-Wilhelmsburg tätige Lehrer Hèdi Bouden, der sich in Begegnungsreisen, Theater- und Schulprojekten für die Überwindung kultureller Grenzen und Vorurteile einsetzt. Er nutzte seine Rede in der Philharmonie für einen „Vorruf“ auf Margot Friedländer – einen „Appell, zu handeln, zu wirken, aktiv zu bleiben“.

Margot Friedländer: „Ganz Berlinerin“ – nach 66 Jahren USA

Margot Friedlander / Theresienstadt
Margot Friedlander 2011 beim Besuch der Gedenkstätte Theresienstadt. © Reto Klar | Reto Klar
Stolperstein-Tour / Reichsprogromnacht
Stolperstein-Tour 2013 anlässlich der Reichspogromnacht mit Andrè Schmitz, Margot Friedlander, Max Raabe und Günter Jauch.© Reto Klar | Reto Klar
Holocaust-Überlebende Margot Friedländer gestorben
Die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (l, CDU) begrüßt Margot Friedländer vor der Verleihung des Margot-Friedländer-Preises 2021 an Schülerinnen und Schüler, die sich gegen Antisemitismus und für eine zukunftsfähige Erinnerungskultur einsetzen. © picture alliance/dpa/AFP Pool | Tobias Schwarz
Holocaust-Überlebende Margot Friedländer gestorben
Margot Friedländer und Franziska Giffey (l, SPD), damalige Regierende Bürgermeisterin von Berlin, enthüllen nach der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse eine Büste, die Friedländer darstellt. Die Büste hatte die Künstlerin Stephanie von Dallwitz gefertigt. © picture alliance/dpa | Kay Nietfeld
Event - BILD Sommerfest 2024
Jana-Ina Zarrella, Dagmar Wöhrl, Margot Friedländer, Laura Karasek und Evelyn Burdecki beim „Ein Herz für Kinder“-Sommerfest 2024 auf den Wannseeterrassen.© picture alliance / Eventpress | Eventpress Kochan
Margot Friedländer ist "Berlinerin des Jahres"
„Berliner Morgenpost“-Chefredakteur Peter Schink überreicht der Holocaustüberlebenden Margot Friedländer im März 2024 die Urkunde "Berlinerin des Jahres". Der Ehrentitel wird jedes Jahr durch die Stimmen von Leserinnen und Lesern ermittelt.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini
Margot Friedländer gestorben
Gedenken: Blumen für Margot Friedländer am Stolperstein in der Richard-Sorge-Straße 73 (früher: Tilsiter Str. 73) in Friedrichshain. © picture alliance/dpa | Paul Zinken
Holocaust-Überlebende Margot Friedländer gestorben
Blumen auch in der Skalitzer Straße in Berlin-Kreuzberg, wo Margot Friedländer am 5. November 1921 als Anni Margot Bendheim geboren wurde.© picture alliance/dpa | Paul Zinken

Zum Swing von David Hermlin und seinem Orchester waren Videoausschnitte zu sehen, in denen die 103-Jährige ausgelassen zur Musik tanzte – ein ergreifender Moment nicht nur, weil sich darin ihre unzähmbare Daseinsfreude spiegelte, sondern auch das vergangene Berlin ihrer viel zu kurzen Jugend, als junge Menschen aller Glaubensrichtungen frei miteinander tanzten und Deutschland noch nicht den Weg in den Abgrund gewählt hatte. Dass man dessen Nähe meiden muss, gerade in Zeiten wachsender Polarisierung und erstarkender politischer Extremismen: Diesen Gedanken vermittelte der Abend ebenso wie die Zuversicht, dass dies möglich ist.

Und dann sah man Margot Friedländer mit einem Motorboot davonfahren, auf dem Berliner Wannsee, an einem schönen Sommerabend wie diesem.