Nach über einem Jahrzehnt Bauzeit ist eines der ambitioniertsten Infrastrukturprojekte Afrikas technisch vollendet: der Grand-Ethiopian-Renaissance-Dam (GERD). Am Donnerstag verkündete Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed vor dem Parlament in Addis Abeba offiziell das Ende der Bauarbeiten. Die feierliche Einweihung des Megadamms soll im September folgen. Für Äthiopien ist er ein Symbol nationaler Stärke – für Ägypten und den Sudan hingegen ein Risiko für ihre Existenzgrundlage.

Nil-Staudamm Äthiopien: Technologischer Fortschritt trifft geopolitische Realitäten

Denn was für das aufstrebende Hochlandland ein Hoffnungsträger ist, wird flussabwärts mit Sorge beobachtet. Der GERD, einst als „Projekt X“ im Verborgenen gestartet, staut den Blauen Nil nahe der sudanesischen Grenze – jenen Fluss, auf den Ägypten bis zu 85 Prozent seiner Wasserversorgung stützt. Der Damm ist 145 Meter hoch, fast zwei Kilometer lang und soll laut Regierungsangaben bis zu 5000 Megawatt Strom liefern. Damit würde er mehr als doppelt so viel Strom erzeugen wie der Assuan-Staudamm in.

Doch mit der Wasserkraft wächst das politische Risiko.

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Konflikt um Nilwasser: Warum Ägypten und Sudan den GERD fürchten

Ägypten und Sudan sehen ihre Wasserrechte in Gefahr. Sie berufen sich auf Abkommen aus der Kolonialzeit, die ihnen exklusive Nutzungsrechte am Nil zusicherten – Verträge, die Äthiopien allerdings explizit ausschließen – obwohl dort etwa 80 Prozent des Nilwassers entstehen. Addis Abeba erkennt die alten Verträge daher nicht an. Das Land beruft sich auf das souveräne Recht zur Nutzung eigener Ressourcen.

Der Staudamm sorgt für geopolitischen Sprengstoff.
Der Staudamm sorgt für geopolitischen Sprengstoff.© Unbekannt | Unbekannt

Trotz mehrerer Anläufe ist es den beteiligten Staaten bislang nicht gelungen, ein verbindliches trilaterales Abkommen über die Wasserverteilung zu erreichen. Die Afrikanische Union, die USA und zuletzt auch die Vereinten Nationen haben mehrfach vermittelt – bisher ebenfalls ohne Erfolg.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Zwar hat Addis Abeba mehrfach – etwa 2015 im Khartumer „Declaration of Principles“ und erneut 2019 im Rahmen internationaler Vermittlungen – zugesichert, den Staudamm langsamer zu füllen als ursprünglich geplant, doch das Vertrauen ist beschädigt: Ägypten beklagt bis heute fehlende rechtliche Verbindlichkeit und mangelnde Transparenz. Kairo hat sogar Luftschläge auf den GERD durchgespielt – ein Szenario, das heute paradoxerweise vor allem den Sudan träfe. Der Damm ist nahezu vollständig gefüllt und seine Zerstörung würde flussabwärts katastrophale Überschwemmungen auslösen.

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Staudamm GERD als politisches Machtinstrument? Die Rolle von Abiy Ahmed

Für Premierminister Abiy Ahmed ist der GERD weit mehr als ein technisches Infrastrukturprojekt.  Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) verfügen rund zwei Drittel der äthiopischen Bevölkerung noch immer über keinen verlässlichen Zugang zu Strom – ein Missstand, den der Damm beheben soll. Doch darüber hinaus steht das Projekt für etwas Größeres: für wirtschaftliche Selbstbestimmung, für nationale Souveränität, für ein Äthiopien, das sich von alten Abhängigkeiten lösen will. In einem Land mit hoher Arbeitslosigkeit und sozialen Spannungen dient der GERD innenpolitisch auch als Symbol nationaler Einheit. Dass Abiy Ahmed, Friedensnobelpreisträger von 2019, mittlerweile zunehmend autoritär regiert und im Konflikt mit der Region Tigray brutal vorging, unterstreicht die Widersprüchlichkeit dieses politischen Projekts.

Ahmed versuchte in seiner Rede zu beschwichtigen: Der Damm sei keine Bedrohung für die Nachbarn, sondern eine „gemeinsame Chance“. Doch Kritiker warnen: Gerade in Dürrephasen oder bei einem technischen Versagen könnten flussabwärts schwerwiegende Folgen drohen – von Ernteausfällen bis hin zu sozialen Unruhen.

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Technisch ist der Bau abgeschlossen, politisch ist er ein Minenfeld. Sollte der Damm künftig so betrieben werden, dass Ägypten oder der Sudan signifikant weniger Wasser erhalten, könnte das nicht nur diplomatische Beziehungen schwer belasten – sondern auch einen regionalen Krisenherd schaffen. Beobachter sprechen längst vom einem „hydropolitischen Brennpunkt“.

Die Zukunft des GERD hängt nun davon ab, ob es den drei Ländern gelingt, ein tragfähiges Abkommen zur Wasserverteilung zu schließen. Bislang jedoch stehen nationale Interessen dem Konsens im Weg.