„Müde, Hunger, Durst“: So fühlt sich Bärbel Bas nach dem zweiten Tag des Parteitags. Die 57-Jährige ist froh, dass gleich das Fest der SPD-Delegierten losgeht. Es liegen aufregende Stunden hinter ihr. Seit gut 24 Stunden ist Bas in diesem Moment die neue Vorsitzende der Sozialdemokraten. Und mit was für einem Ergebnis sie das geworden ist: Mit 95 Prozent haben die Genossinnen und Genossen die Arbeitsministerin ins Amt gewählt – und damit gleich für eine Krise gesorgt.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Denn der zur Wiederwahl angetretene Lars Klingbeil erhielt nur knapp 65 Prozent der Stimmen. Damit steht Bas als strahlende Siegerin des Parteitags da, Klingbeil als der Abgestrafte. Dabei wollte das neue Spitzenduo mit Rückenwind starten. Viele Delegierte waren aber offenbar mit gehörigem Frust nach Berlin gekommen: über das Wahlergebnis, darüber wie Klingbeil die SPD personell umgekrempelt hat, alles schlecht.
Auch interessant
Für viele in der SPD verkörpert die Duisburgerin Bärbel Bas die Hoffnung, dass es mit der Partei wieder aufwärts geht. Als Arbeits- und Sozialministerin hat sie in der Bundesregierung das sozialdemokratische Kernressort in den Händen. Hier soll sie liefern: Rente, soziale Sicherheit, Tariflöhne. Die Parteilinke gilt aber auch als eine, die trotz der großen Politik so geblieben ist, wie sie immer war. Die SPD-Chefin liebt Fußball, früher spielte sie selbst, ihr Herz hängt am MSV Duisburg. Bas isst gerne Currywurst und fährt in ihrer Freizeit Motorrad, wie sie oft erzählt.
Bärbel Bas: Sie steht gerne mit Bratwurst auf dem Sportplatz
Das alles sei kein taktisch gepflegtes Image, berichten Weggefährten. Wenn Bas nach Hause ins Ruhrgebiet komme, besuche sie Kleingartenvereine, Grillabende, Karnevalsfeiern und Schützenfeste. Nicht, weil sie es muss, sondern weil sie es mag. Inzwischen komme Bas zwar oft auf der Rückbank eines schwarzen Dienstwagens angefahren. „Aber wenn sie dann mit einer Bratwurst in der Hand auf dem Sportplatz steht, ist sie für alle die Bärbel“, sagt jemand aus ihrem SPD-Landesverband.
Diese Nähe zu den Menschen fordert die neue Vorsitzende auch von ihrer Partei. „Wir müssen wieder mehr Klartext reden“, verlangt Bas in ihrer Bewerbungsrede auf dem SPD-Parteitag. „Es darf nicht sein, dass man einen Hochschulabschluss braucht, um unsere Argumente zu verstehen.“ Die Delegierten jubeln. Auch als Bas ruft: „Wir müssen auch bei denen sein, die den Kopf und den Kalender voll haben – mit Arbeit, kleinen Kindern und der Oma, die gepflegt werden muss.“ Die SPD müsse eine „Kümmererpartei“ sein.

Bärbel Bas: Urlaub kannte sie als Kind nicht
Der Lebensweg von Bärbel Bas ist ein Paradebeispiel für das sozialdemokratische Aufstiegsversprechen. Bas wird als eins von sechs Kindern eines Busfahrers und einer Hausfrau geboren. Die Verhältnisse sind einfach und nicht immer leicht. Urlaub kannte sie als Kind nicht. „Ich komme aus einer Familie im Ruhrgebiet, die selbst Sozialhilfe in Anspruch nehmen musste, weil der Lohn nicht gereicht hat“, erzählte die heutige Arbeitsministerin kürzlich in einem Interview mit dieser Redaktion. „Das prägt einen.“
Bas macht zunächst einen Hauptschulabschluss, findet danach keinen Ausbildungsplatz. Stattdessen geht sie auf eine Berufsfachschule für Technik, dort lernt sie schweißen. Danach geht es weiter Schritt für Schritt: Bas wird zunächst Bürogehilfin bei der Duisburger Verkehrsgesellschaft, später wechselt sie in die Personalabteilung der Betriebskrankenkasse. Fortbildungen folgen, schließlich ein Studium. „Wichtig ist mir, dass dieser Aufstieg durch Bildung und Arbeit wieder für viel mehr Menschen möglich wird“, sagt Bas auf dem SPD-Parteitag.
Auch interessant
Auch in der Politik geht Bas ihren Weg vom Rat der Stadt Duisburg in den Bundestag, wo sie sich als Gesundheitsexpertin einen Namen macht. Als die Sozialdemokraten 2021 die Wahl gewinnen, dürfen sie als stärkste Fraktion das Amt des Bundestagspräsidenten besetzen. Damit schlägt Bas‘ Stunde. Mit Autorität, Witz und großer Ruhe leitet sie als Parlamentschefin in den Ampeljahren den Bundestag, in dem die AfD immer lauter und aggressiver auftritt.
Bärbel Bas: Jetzt ist sie die wichtigste Frau der SPD

Als die SPD nach der Wahl im Februar eine neue Koalition mit der Union eingeht, kann sich Bas aussuchen, was sie macht. Sie wählt das Arbeitsministerium. Mit der Wahl zur Parteichefin ist Bas jetzt die wichtigste Frau in der SPD. Die Partei ist verunsichert, sie leidet unter den schlechten Umfragen, verzweifelt nahezu an den Wahlergebnissen. Bas ist bewusst, dass sie in einer historischen Krise ans Ruder kommt.
Auch interessant
Von den Genossen fordert Bas Ehrlichkeit und Disziplin. „Ich bin intern für jedes offene Wort zu haben. Umgekehrt nehme ich auch kein Blatt vor den Mund“, sagt sie den Delegierten vor der Wahl der Vorsitzenden. „Aber nach außen erwarte ich, dass wir geschlossen auftreten und uns unterstützen.“ Wenig später wird das schlechte Ergebnis für Klingbeil auf der Parteitagsbühne bekannt gegeben. Klingbeil fühlte sich tief getroffen, weil ihm die Unzufriedenen ihre Kritik vorher nicht ins Gesicht gesagt hatten.
Bas‘ Wahlergebnis verleiht ihr besonderes Gewicht. Mit dem schlechten Abschneiden von Klingbeil steht sogar die Frage im Raum, ob sie die stärkere Kraft in dem Führungsduo ist. Doch solche Diskussionen will Bas gar nicht aufkommen lassen. Vor der offiziellen Bekanntgabe des Ergebnisses wurden Klingbeil und Bas bereits hinter der Bühne darüber informiert. Klingbeil ist schockiert. Bas richtet ihn sofort auf, bevor es in zurück in den Saal geht: „Wir machen das zusammen.“








