Der Morgen danach beginnt auf dem SPD-Parteitag mit viel Applaus. Ein ums andere Mal schlagen die Delegierten die Hände aneinander, es wird laut und lange gejubelt. Erst für Olaf Scholz, dann für Hubertus Heil, Nancy Faeser, Karl Lauterbach und die anderen früheren Ministerinnen und Minister der Ampel-Regierung. Scholz und seine Mitstreiter werden mit viel Wärme verabschiedet. Besonders das Wohlwollen für Ex-Kanzler Scholz ist deutlich zu hören und zu spüren.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Es wird gejohlt, als in einem kleinen Film zu Ehren von Scholz noch einmal die Szene vom Abend des Ampel-Bruchs erscheint, als er die Entlassung seines FDP-Finanzministers Christian Lindner ankündigte. Es wird geklatscht, als Scholz verspricht: „Ich habe vor, ein ehemaliger Kanzler zu sein, über den sich die SPD immer freut.“ So viel Liebe für den Altkanzler. Was Lars Klingbeil da wohl denkt?

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Am Vorabend hatten die Delegierten dem Vorsitzenden mit Karacho vors Schienbein getreten, als sie ihn mit nur knapp 65 Prozent wiederwählten. Bitter für den Niedersachsen war zudem, dass seine neue Mitvorsitzende Bärbel Bas satte 95 Prozent erhielt. Die Arbeitsministerin stand strahlend da, während der Vizekanzler und Finanzminister neben ihr wie ein gerupfter Vogel wirkte. Ein Tag zum Vergessen, an dessen Ende Klingbeil sagte, er sei offenbar der „Blitzableiter“ für viele in der Partei.

Die SPD hat Scholz und Esken nie geliebt – zum Abschied werden sie dennoch bejubelt

Es ging den Delegierten, die Klingbeil ihre Stimme verweigerten, mutmaßlich um das historisch schlechte Wahlergebnis. Aber auch darum, dass die Pleite für seine bisherige Mitvorsitzende Saskia Esken das Karriereende bedeutete, während Klingbeil zum wichtigsten Sozialdemokraten wurde. Als weiterer Grund wird vermutet, dass Klingbeil energisch verdiente Genossen auf ihren Posten durch neue Gesichter seiner Wahl ersetzte. Die SPD möge diese tatsächliche oder angenommene Machtfülle nicht.

Die SPD schwächt gerne ihre Leute in der ersten Reihe. Mild wird sie erst im Nachhinein. Beispiel Scholz: Die Partei hat ihn nie geliebt, sie hat in respektiert, akzeptiert, geduldet. In den Ampel-Jahren ist die Entfremdung zwischen den Genossen und ihrem Kanzler immer größer geworden. Zu viel Ampel-Streit, zu wenig SPD-Handschrift, ein zu leiser Scholz. Die SPD war unzufrieden. Am Ende wären viele Sozialdemokraten am liebsten gar nicht mehr mit dem Kanzler in den Wahlkampf gezogen. Seine Kandidatur wurde aus den eigenen Reihen zerredet – mit dem bekannten Ergebnis. Nun wird Scholz auf dem Parteitag bejubelt.

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Ähnlich ergeht es Saskia Esken. Als Vorsitzende ging sie vielen auf die Nerven. Esken wurde von Genossen immer wieder öffentlich kritisiert, einmal kommt aus den eigenen Reihen sogar die Forderung nach einem Talkshow-Verbot für die SPD-Chefin. Kaum ein prominenter Sozialdemokrat steht ihr in dieser Phase öffentlich bei, gerade mächtige SPD-Frauen schweigen auffallend. Aber als Eskens Nachfolgerin Bas auf dem Parteitag den Umgang mit ihr als unfair kritisiert, wird besonders laut geklatscht. Esken bekommt nach Scholz und den Ampel-Ministern ihren eigenen Abschied, auch dabei spendieren die Delegierten stehende Ovationen.

Es mutet etwas wahllos an, wie die Delegierten ihre Emotionen bekunden. Klingbeil erhielt während seiner Rede am Vortag wiederholt lauten Applaus, in der anschließenden Aussprache meldete sich kein Kritiker zu Wort. Dann aber die Abrechnung in der geheimen Wahl.

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„In der Anonymität einer geheimen Abstimmung das Mütchen zu kühlen, zeugt für mich nicht von Verantwortungsbewusstsein“, kritisiert SPD-Schatzmeister Dietmar Nietan in seiner Rede an den Saal. Wenn man jemanden abstrafen wolle, dann solle man das in seinem Landesverband und auf dem Parteitag sagen, „und dann muss man darüber diskutieren“. Es müsse das Prinzip gelten: „Sagen, was man tut und tun, was man sagt.“

Manche Sozialdemokraten sind immer noch fassungslos über das Foul gegen Klingbeil. „Wem soll das denn was bringen?“, fragt einer. Es wird darauf hingewiesen, dass Klingbeil keine gute Bewerbungsrede gehalten habe, die selbstkritische Passage sei sehr kurz ausgefallen. Zur Wahrheit gehört aber: Auch die Rede von Bas war mittelmäßig. 95 Prozent für Bas, 65 für Klingbeil, die Qualität ihrer Reden rechtfertigt weder das eine noch das andere Ergebnis.

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SPD: Ein prominenter Sozialdemokrat flüchtet sich in Galgenhumor

Ein prominenter Genosse sieht in Klingbeils Ergebnis ein „Krisensymptom“ seiner Partei. Früher sei auf Parteitagen heftig und offen diskutiert worden, das gebe es so nicht mehr. Der SPD-Politiker flüchtet sich in Galgenhumor und erzählt einen Witz: „Treffen sich zwei Genossen: ‚Warst du beim letzten Parteitag?‘, fragt der eine. ‚Nein‘, antwortet der andere. ‚Aber wenn ich gewusst hätte, dass es der letzte ist, wäre ich gekommen.‘“

Klingbeil sieht müde aus, er äußert sich auf der Parteitagsbühne nicht mehr zu den Ereignissen des Vortags. Das Ergebnis habe den Parteichef zwar im ersten Moment getroffen, es hänge ihm einen Tag später aber nicht mehr in den Knochen, beteuert sein Umfeld. Scholz weg, Esken weg – Klingbeil sei nun einmal der Einzige aus der bisherigen Spitze, an dem die Partei ihren Frust auslassen könne. Klingbeil sei aber in der SPD beliebt, habe die Unterstützung der SPD-Ministerpräsidenten und Bundestagsfraktionschef Matthias Miersch. Deswegen blicke der Parteichef jetzt nach vorne.