Ein unkalkulierbarer Trump, Krieg in Nahost, Krieg in der Ukraine, Krieg um Zölle – und mitten drin in dieser Multikrise der deutsche Kanzler, der sich vorgenommen hat, eine starke Führungsrolle zu spielen. Nach zwei Gipfel-Tagen in Kanada ist klar: Zwischen dem, was sich Friedrich Merz wünscht, und dem, was möglich ist, liegen Welten. Vier Momente – und was sie über Merz als Krisenmanager sagen.
Moment Nr. 1: Zwei Instagram-Posts, eine Botschaft
Die Kanadier sprechen nicht von zwei, sondern sogar von drei Gipfeltagen. Day Zero ist der Tag vor dem ersten Tag, der Ankunftsabend. Merz postet noch in der Nacht ein Instagram-Reel von den Begrüßungsritualen im noblen Rocky-Mountains-Resort: Merz umarmt Emmanuel Macron, schüttelt Keir Starmer kumpelhaft die Hand, legt kurz seine Hand auf den Oberarm von Giorgia Meloni. Ursula von der Leyen bekommt Küsschen links und rechts. Vier Gesten, eine Botschaft: Bei allen Differenzen sind die Europäer eine Truppe, die zusammenhält. Good Vibes - die sie später noch brauchen, als die Stimmung zu kippen droht.

Als letzter an diesem Abend kommt kommt Donald Trump – aber als Vertreter des wichtigsten G7-Landes eröffnet er am anderen Morgen die erste gemeinsame Diskussionsrunde. Zweiter Redner ist Merz. „Danke für deine Führung“, sagt Mark Carney, der kanadische Premier und Gipfel-Gastgeber zu seinem deutschen Gast. Auch diesen Satz verbreitet das Team Merz umgehend via Social Media. Es ist ein Satz, den Merz im Moment oft hört. In vielen westlichen Hauptstädten ist die Erleichterung darüber groß, dass der neue deutsche Kanzler seine internationale Rolle so sieht, wie er sie in diesen ersten Wochen seiner Kanzlerschaft sieht: zupackend, sichtbar, unerschrocken.
Moment Nr. 2: Merz sagt Hü, Trump sagt Hott
Am Morgen des ersten Gipfeltags steht Friedrich Merz vor den Kameras, hinter ihm die atemberaubenden Gipfel der Rocky Mountains. Noch hat der politische Gipfel nicht mal richtig begonnen, da zeichnet sich schon ab, dass es schwierig wird. Merz kündigt Gespräche über den Konflikt zwischen Israel und dem Iran an. Die Europäer wollen einen Vorschlag für ein Abschlussdokument machen. Darin soll das Selbstverteidigungsrecht Israels betont werden, und, dass der Iran unter keinen Umständen in den Besitz von atomwaffenfähigem Material kommen darf. Wenige Minuten wirft Trump Merz Knüppel zwischen die Beine: Er werde ein solches Dokument nicht unterzeichnen. Basta. Aber es ist nicht sein letztes Wort. Beim Abendessen, Trump hat gerade seine Abreise verkündet, stimmt der US-Präsident überraschend doch noch zu. Hü, Hott, und wieder Hü.
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Das alles kommt nicht überraschend. In Kanada fällt in diesen Stunden kein Satz über Trumps Positionen, der nicht endet mit dem Hinweis, es könne am Ende auch auf das genaue Gegenteil hinauslaufen. Denn: Selbst dann, wenn Trump Papiere unterschreibt, kann es sein, dass er seine Unterschrift wieder zurückzieht. Alles schon passiert. Merz ist deswegen in einem Dilemma: Eine Führungsfigur kann man nur sein, wenn nicht jeder Schritt unter Vorbehalt steht, unter Trump-Risiko fällt.
Moment Nr. 3: Zwanzig Minuten zu zweit
Kommt er oder kommt er nicht? Wird er sich Zeit nehmen oder nicht? Am Morgen des ersten Gipfeltages wollen Merz und Trump zu einem bilateralen Gespräch zusammenkommen – bis zuletzt aber kann sich Merz nicht sicher sein, ob es klappt. Am Ende wird es ein 20-minütiges „Pull Aside“, wie es im diplomatischen Gipfeldeutsch heißt, ein kurzes Gespräch zu zweit. Für Merz war es nach seinem Besuch im Oval Office immerhin die zweite Begegnung mit Trump innerhalb von zehn Tagen.
Sie reden über den Krieg Russlands gegen die Ukraine und über die Frage, ob es harte US-Sanktionen gegen Wladimir Putin geben wird. Trump sei zugewandt, vertrauensvoll, heißt es später aus Merz‘ Umfeld. Das Ergebnis aber bleibt dünn. Seit Wochen drängen die Europäer Trump mit vereinten Kräften zu harten Schritten gegen Putin, doch es passiert bislang nichts. Keine Zusage, keine Festlegung. Im Gegenteil: Trump solidarisiert sich immer wieder offensiv mit dem Kremlherrscher: So beklagt er jetzt, die Entscheidung, Russland aus dem Kreis der G8 auszuschließen sei ein „großer Fehler“ gewesen. Er glaube, „es gäbe jetzt keinen Krieg, wenn Russland dabei wäre“. 2014 wurde Russland wegen der Annexion der Krim aus dem Kreis ausgeschlossen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Am Nachmittag ist Merz sich noch sicher, dass er einen weiteren Gipfeltag hat, um Trump in puncto Ukraine zu bearbeiten - auch Wladimir Selenskyj will den US-Präsidenten treffen. Am frühen Abend dann die abrupte Kehrtwende. Donald Trump verlässt den G7-Gipfel in Kanada vorzeitig. Als Grund nennt er die Lage im Nahen Osten.
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Moment Nr. 4: Merz wäre gerne Brite, zumindest manchmal
Merz wollte den Gipfel auch dazu nutzen, um im Zollstreit zwischen der EU und den USA voranzukommen. Sein Eindruck: Trump will eine Lösung, aber er will auch als Sieger dastehen. Doch geradezu hellseherisch bremst er bereits vor Trumps plötzlicher Abreise die Erwartungen: „Es wird auf diesem Gipfel keine Lösung geben.“
Für einen Kanzler, der mit dem Slogan „Einfach mal machen“ ins Amt kam, sind solche Stellungskriege nur schwer erträglich. Doch in diesem Fall ist nicht Merz am Zug, die Verhandlungen führt die EU.. Manchmal, so scheint es, träumt Merz davon, soviel Beinfreiheit zu haben wie die Briten: Großbritannien hat ein bilaterales Abkommen mit den USA. „Das können wir Europäer nicht; das können wir nur gemeinsam mit den 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union.“






