Seit dem vergangenen Freitag überzieht Israel den Iran mit Luftschlägen im großen Stil. Es geht dem jüdischen Staat darum, das Atomprogramm des Mullah-Regimes zu zerstören und dessen Militär nachhaltig zu schwächen. Der Iran antwortet seinerseits mit massiven Raketen- und Drohnenangriffen auf seinen Erzfeind.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Die Vorgänge sind eine dramatische Eskalation in der ohnehin explosiven Lage im Nahen Osten. Und je länger die gegenseitigen Attacken dauern, desto stärker rückt die Frage in den Vordergrund, welche Auswirkungen all das auf das iranische Regime haben wird. Es gibt starke Hinweise darauf, dass Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hofft, einen Sturz der Mullahs herbeiführen zu können. Die Stimmung der Bevölkerung in der Islamischen Republik ist ohnehin hochgradig angespannt, die Unzufriedenheit vieler Menschen mit den Machthabern ist groß. Ein Überblick.

Iranian Supreme Leader Ali Khamenei addresses the nation
Ayatollah Ali Chamenei, der geistliche Führer des Iran, bei einer Fernseh-Ansprache nach Beginn der israelischen Militärschläge.© IMAGO/Anadolu Agency | IMAGO/Iranian Leader Press Office / Handout

Wie ist die aktuelle Situation in dem Krieg?

In der Nacht zu Sonntag flogen beide Seiten wieder heftige Angriffswellen gegen den jeweiligen Gegner. In Israel wurden mehr als ein Dutzend Menschen getötet und Hunderte verletzt. Auch in den Metropolen Tel Aviv und Jerusalem wurden Gebäude von Raketen getroffen. Israels Luftwaffe wiederum bombardierte nach eigenen Angaben in der iranischen Hauptstadt Teheran das Verteidigungsministerium, Öllager und Infrastruktur-Einrichtungen, die mit dem Atomprogramm in Verbindung stehen sollen.

Im Iran sind nach offiziellen Angaben bisher dutzende Menschen gestorben, darunter sind auch hochrangige Militärs und Atomwissenschaftler. Hunderte weitere sollen verletzt worden sein. Regierungsvertreter in Israel und den USA gehen laut US-Sender CNN davon aus, dass Israels Militäreinsatz gegen den Iran voraussichtlich „Wochen, nicht Tage“ dauern werde. Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz kündigte am Sonntag weitere Angriffe seiner Armee im Iran an. Das israelische Militär rief über die Plattform X Iraner, die sich im Umkreis von Rüstungsfabriken aufhalten, zur Evakuierung auf. Am Nachmittag kam es dann tatsächlich zu weiteren schweren Angriffen auf Teheran und weitere Orte. Der Iran begann seinerseits eine neue Raketenoffensive auf Israel.

Will Israel das Mullah-Regime wegbomben?

Das iranische Regime will den jüdischen Staat erklärtermaßen vernichten. Also kann Israel nicht daran gelegen sein, es in irgendeiner Weise zu schonen. Premier Netanjahu wandte sich gleich am Freitag in einer Videobotschaft direkt  an das iranische Volk und rief es dazu auf, sich gegen die Herrschenden aufzulehnen: Israel wolle mit seinen Angriffen der Gefahr begegnen, die vom iranischen Atomprogramm und iranischen Raketen ausgehe, sagte der Premier. „Während wir unser Ziel erreichen, machen wir gleichzeitig den Weg frei, damit Sie Ihre Freiheit erreichen können.“ Das islamische Regime unterdrücke das eigene Volk seit fast 50 Jahren.

Israel beschoss in der Nacht zu Sonntag auch eine Öl-Raffinerie im Süden Teherans. Danach waren immense Flammen und Rauchwolken zu sehen.
Israel beschoss in der Nacht zu Sonntag auch eine Öl-Raffinerie im Süden Teherans. Danach waren immense Flammen und Rauchwolken zu sehen.© AFP | ATTA KENARE

Der Nahost-Experte Jonathan Panikoff von der Washingtoner Denkfabrik Atlantic Council betont, dass seit vielen Jahren etliche Akteure in Israel auf einen „Regime Change“ im Iran, also auf einen Umsturz, hofften. Sie seien der Ansicht, dass es nur besser werden könne und nichts so schlimm sei wie das gegenwärtige Mullah-Regime. „Die Geschichte lehrt uns jedoch, dass es immer noch schlimmer kommen kann“, warnt Panikoff. Denn sollte die theokratische Staatsführung im Iran kollabieren, werde darauf wahrscheinlich keine Demokratie folgen – sondern eine Machtübernahme durch die Islamischen Revolutionsgarde, also die mächtige Elitetruppe der iranischen Streitkräfte.

Wie ist gegenwärtig die Stimmung im Iran?

Das ist von außen schwer einzuschätzen, da freie Medien von dort nur eingeschränkt berichten können. Fest steht allerdings, dass die Unzufriedenheit auch vor Israels Angriffen schon enorm war: Angesichts von Wirtschaftskrise, hoher Inflation, fehlender Meinungsfreiheit und der systematischen Unterdrückung von Frauen wird der Riss zwischen Volk und Mullahs immer tiefer. 2022 kam es zu Massenprotesten im Land, die von Frauen getragen wurden. Das Regime antwortete darauf mit noch mehr Repressionen.

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Die Frage ist jetzt, ob Israels Angriffe die Unzufriedenen ermutigen – oder ob das Regime sie vielmehr nutzen kann, um seine Position innenpolitisch zu festigen. Am Samstag gingen in Teheran regimetreue Demonstranten auf die Straße.

Aber es gibt auch gegenteilige Bewegungen: Der Exil-Oppositionelle und Sohn des früheren Schahs, Reza Pahlavi, forderte die Menschen in seiner Heimat zum Bruch mit der Islamischen Republik auf. Die Deutsch-Iranerin Shiva Rostami (Name aus Sicherheitsgründen geändert), die seit Jahrzehnten von Deutschland aus für einen freien Iran kämpft, sagte am Wochenende dieser Redaktion: „Ich rede mit vielen Iranern, bekomme auch Nachrichten aus Teheran und anderen Teilen der Welt, wo Iraner leben. In Teheran tanzen die Leute einfach, ganz viele feiern heimlich zu Hause.“

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#17 Omid Nouripour über seine Flucht aus dem Iran – und wie man auf Farsi rappt
Meine schwerste Entscheidung
 

Sie alle hofften, von den Mullahs befreit zu werden, sagte Rostami. Und sie wünschten sich, dass der geistliche Führer Ayatollah Ali Chamenei „irgendwann exekutiert wird“. Es gebe eine weit verbreitete Angst, dass die iranischen Militärs aus dem Dunstkreis von Chamenei absichtlich Raketen auf zivile Ziele im eigenen Land lenken, etwa auf Wohnhäuser und Krankenhäuser. „Einzig damit sie sagen können, dass Israel im Iran so etwas anrichtet wie in Gaza.“ Überprüfen lassen sich solche Angaben nicht – wie auch nicht die zahlreichen Einträge, die gerade von verschiedenen Urhebern in den sozialen Medien abgesetzt werden.