Der Konflikt zwischen den Atommächten Indien und Pakistan um die Region Kaschmir eskaliert: Nach Luftangriffen Indiens auf Ziele in Pakistan mit zahlreichen Todesopfern droht die Regierung in Islamabad mit Vergeltung. International ist die Besorgnis groß, dass es zu einem Krieg der beiden Rivalen kommt – mit dem Risiko eines nuklearen Schlagabtauschs. Der außenpolitische Sprecher der Unions-Bundesfraktion, Jürgen Hardt, sagte: „Die Gefahr einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Indien und Pakistan steigt dramatisch an.“ Es drohe eine „Spirale der Gewalt zwischen zwei Atommächten“, die die gesamte Region destabilisieren könne. Was macht die Lage so brisant?

Indien greift an: Was genau ist passiert?

Das indische Militär begann um 1.44 Uhr Ortszeit in der Nacht zu Mittwoch die „Operation Sindoor“ mit Luftangriffen auf neun Ziele in Pakistan, unter anderem in Kotli und Muzaffarabad im pakistanischen Teil der Himalaja-Region Kaschmir sowie in der Stadt Bahawalpur in der Provinz Punjab, wo eine Moschee beschädigt wurde. Das pakistanische Militär sprach von 26 Todesopfern und 46 Verletzten. Die indische Militärführung erklärte, es handele sich um Angriffe auf „terroristische Infrastruktur“ als Reaktion auf einen „terroristischen Angriff gegen Indien“ vor zwei Wochen. Pakistanische Militäreinrichtungen seien nicht attackiert worden. Es sei bei der Auswahl der Ziele und der Art der Ausführung „beträchtliche Zurückhaltung geübt“ worden.

Wie reagiert Pakistan?

Das pakistanische Militär sprach von einer „abscheulichen Provokation“ und reagierte nach indischen Angaben mit Artillerie-Beschuss an der Grenzlinie in Kaschmir. Dabei sollen mindestens acht Menschen getötet worden sein. Pakistan schoss auch mindestens drei, nach anderen Angaben fünf indische Kampfjets ab. Premierminister Shehbaz Sharif drohte mit Vergeltung: „Pakistan hat jedes Recht, eine angemessene Antwort auf diese von Indien verhängte Kriegshandlung zu geben“, erklärte er. Diese angemessene Antwort werde es auch geben. Das pakistanische Außenministerium warnte: „Diese rücksichtslose Eskalation hat die beiden Atommächte einem größeren Konflikt näher gebracht.“ Es wird andererseits erwartet, dass Indien weitere Angriffe vorbereitet.

In der Nacht griff Indien das Nachbarland aus der Luft an.
In der Nacht griff Indien das Nachbarland aus der Luft an.© AFP | PUNIT PARANJPE

Wieso kommt es gerade jetzt zur Eskalation?

Begonnen haben die neuen Spannungen Ende April: Bei einem Überfall auf Hindu-Touristen im indischen Teil Kaschmirs in einer Ferienregion nahe der Stadt Pahalgam kamen am 22. April 26 Inder und ein Nepalese ums Leben. Nach indischen Polizeiangaben waren unter den Tätern pakistanische Staatsbürger, sie sollen der pakistanischen Extremistengruppe Lashkar-e-Taiba angehören, die Verbindungen zur Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) haben soll. Indien warf Pakistan deshalb die Unterstützung von „grenzüberschreitendem Terror“ vor, die pakistanische Regierung bestritt indes jegliche Beteiligung. Nach diesem folgenschwersten Angriff in Kaschmir seit mehr als 20 Jahren schaukeln sich die gegenseitigen Reaktionen hoch: Indien ordnete die Ausweisung aller pakistanischen Staatsangehörigen an, Pakistan wies indische Diplomaten aus, der Handel wurde gestoppt. An der Demarkationslinie in Kaschmir kommt es immer wieder zu Schusswechseln zwischen pakistanischen und indischen Soldaten.

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Als besonders schwerwiegend gilt die Ankündigung von Indiens Premierminister Narendra Modi, ein 65 Jahre altes Abkommen zur Verteilung von Wasserressourcen mehrerer Himalaja-Flüsse auszusetzen. Der sogenannte Indus-Wasservertrag regelt die Wassernutzung beider Seiten des Indus und seiner Nebenflüsse und sichert Pakistan die lebenswichtige Wasserversorgung in Teilen des Landes. Pakistan warnt nun, eine Manipulation der Flüsse, die in sein Territorium fließen, wäre ein „Kriegsakt“. Wegen der Spannungen hat Pakistan die Bewohner in seinem Teil Kaschmirs dazu aufgerufen, Lebensmittelvorräte für zwei Monate anzulegen. In den vergangenen Tagen führte Pakistan zudem demonstrative Raketentests durch, unter anderem mit dem neuen Raketen-System Abdali mit einer Reichweite von 450 Kilometern. „Die pakistanische Verteidigung ist in guten Händen“, erklärte Ministerpräsident Sharif. Die Armee sei „voll einsatzbereit“, um die nationale Sicherheit zu verteidigen.

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Indien vs. Pakistan – Zwei Atommächte am Rande des Kriegs
Im Krisenmodus
 

Worum geht es bei dem Kaschmir-Konflikt?

Die Ursprünge des Konflikts reichen auf das Jahr 1947 zurück: Damals entließ Großbritannien den indischen Subkontinent in die Unabhängigkeit und teilte ihn auf – dem überwiegend von Hindus bewohnten Indien stand nun der neue Staat Pakistan gegenüber, in dem vor allem Muslime leben. Die Region Kaschmir im westlichen Himalaja, die mehrheitlich von Muslimen bewohnt wird, ist seitdem geteilt, doch die beiden rivalisierenden Länder beanspruchen das Gebiet jeweils vollständig für sich und haben bereits zwei Kriege um die Kontrolle der Bergregion geführt. Jetzt könnte es zu einem weiteren Krieg kommen.

Wie groß ist das Risiko eines Atomkriegs?

Beide Staaten besitzen seit den 70er Jahren Atomwaffen in relativ geringem, aber zur Abschreckung ausreichendem Umfang. Das Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri gibt die Zahl der Atomsprengköpfe Indiens und Pakistans für Flugzeuge, Raketen und U-Boote mit jeweils 170 an, etwa so viel wie auch Frankreich und Großbritannien besitzen. Bislang haben beide Seiten eine atomare Eskalation strikt vermieden und sich auf konventionelle Militärschläge beschränkt. Indien hat sich mit einer „No first use“-Doktrin sogar verpflichtet, auf einen Atombomben-Ersteinsatz zu verzichten. Auch diesmal steht ein Atomkrieg nicht unmittelbar bevor, beide Seiten wollen ihn nicht – doch wirklich ausschließen lässt sich nicht, dass der Konflikt ungewollt so eskaliert, dass am Ende auch Atomwaffen eingesetzt werden.

Rettungskräfte bergen in Muridke (Pakistan) ein Todesopfer aus einem durch Raketenbeschuss zerstörten Gebäude.
Rettungskräfte bergen in Muridke (Pakistan) ein Todesopfer aus einem durch Raketenbeschuss zerstörten Gebäude. © AFP | ARIF ALI

Wie besorgt sind andere Atommächte?

Sehr. Das benachbarte China rief am Mittwoch beide Seiten zur Zurückhaltung auf. Ein Sprecher des Außenministeriums in Peking erklärte, China bedauere die Militäraktion Indiens und sei über die Entwicklung der Lage besorgt. US-Präsident Donald Trump nannte die Entwicklungen in der Region eine „Schande“. Beide Seiten würden schon seit Jahrhunderten gegeneinander kämpfen: „Ich hoffe, dass es sehr schnell endet“, meinte Trump. Für die USA ist Indien ein wichtiger Machtfaktor in der zunehmenden Rivalität mit China. Peking wiederum hat seine Wirtschaftsbeziehungen zu Pakistan massiv ausgebaut. Uno-Generalsekretär António Guterres zeigte sich nach dem indischen Angriff „sehr besorgt“ und forderte ebenso wie die EU-Kommission von beiden Seiten ein Höchstmaß an militärischer Zurückhaltung. Die Welt könne sich eine militärische Konfrontation zwischen Indien und Pakistan nicht leisten.