Mit gesundheitlichen Problemen direkt zum Facharzt – damit könnte bald Schluss sein, zumindest wenn man nicht selbst für die Kosten aufkommen möchte. Wer künftig einen Facharzttermin braucht, soll nach den Plänen der angehenden Bundesregierung zuerst den Weg über die Hausarztpraxis nehmen. Ein sogenanntes verbindliches Primärarztsystem soll helfen, die Versorgung besser zu steuern, unnötige Facharztbesuche zu vermeiden und langfristig Kosten zu sparen.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) erklärte am Dienstagabend in den „Tagesthemen“, es gehe darum, „die Menschen nicht weiter zu belasten mit höheren Beiträgen“. „Ausgenommen seien „der Gynäkologe, der Augenarzt, der Zahnarzt“, betonte Warken in der ARD. Mit dem neuen Modell soll auch eine Garantie für einen Termin beim Facharzt einhergehen. „Wenn der Facharzttermin in der nötigen Schnelle nicht zur Verfügung gestellt werden kann, springt dann das Krankenhaus ein“, sagte die Ministerin.
Gesetz soll „möglichst schnell“ vorgelegt werden
Einen genauen Zeitplan für die Umsetzung des Primärarztsystems könne sie „zum jetzigen Zeitpunkt“ noch nicht nennen, räumte Warken allerdings am Dienstagabend im ZDF-„heute journal“ ein. Ein Gesetz solle „möglichst schnell“ vorgelegt werden.
Laut Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD soll künftig grundsätzlich die Hausärztin oder der Hausarzt – bei Kindern die Kinderärztin oder der Kinderarzt – entscheiden, ob eine Überweisung notwendig ist. Alternativ kann eine Einschätzung auch über die bundesweite Rufnummer 116 117 erfolgen. Hierbei soll dann auch der erforderliche Zeitrahmen für eine Termingarantie festgelegt werden. Gelinge es der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) nicht, einen Facharzttermin zu vermitteln, soll eine ambulante Versorgung im Krankenhaus möglich sein. Ausnahmen sind etwa für gynäkologische oder augenärztliche Behandlungen vorgesehen. Wer also zukünftig ohne Überweisung direkt eine Facharztpraxis aufsuchen möchte, müsste die Kosten dann möglicherweise selbst tragen.
Mehr Politik-News
Hausarzt als Anlaufstelle: Wie Patienten profitieren könnten
Prof. Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth, Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, sieht die geplante Reform als einen Schritt in die richtige Richtung: „Ein Primärarztsystem, wie es in vielen europäischen Ländern längst der Standard ist, ist der einzig vernünftige Weg. Es bringt eine bessere Qualität bei weniger Ressourcenverschwendung.“ Bereits heute gebe es mit der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) ein bewährtes Modell, an dem rund zehn Millionen Versicherte teilnehmen. Dieses gelte es nun konsequent auszubauen.

Buhlinger-Göpfarth hebt hervor, dass Hausärztinnen und Hausärzte durch diese Reform die gesamte medizinische Versorgung ihrer Patientinnen und Patienten besser überblicken könnten. „Sie haben zu jedem Zeitpunkt den Überblick über die Behandlungssituation ihrer Patientinnen und Patienten und sind beispielsweise nicht mehr gezwungen, allen Befunden von Facharztkolleginnen und -kollegen hinterherzurennen“, sagt Buhlinger-Göpfarth. So könnten unnötige Verzögerungen in der Behandlung vermieden werden. Davon würden die Patientinnen und Patienten profitieren: „Durch die enge und koordinierte Betreuung werden beispielsweise weniger Medikamente verschrieben, die sich nicht vertragen, überflüssige Doppeluntersuchungen vermieden, Krankenhauseinweisungen reduziert.“
Neues System kann „im besten Fall zu einer echten Entlastung führen“
In der Praxis wird mit gemischten Gefühlen auf das Reformvorhaben geschaut. Dr. Heinrich Mammes betreibt eine Hausarztpraxis im Münsterland. Unsere Redaktion erreicht ihn am Telefon: „Als Hausarzt kenne ich meine Patientinnen und Patienten oft seit Jahren, ich kenne ihr Umfeld, ihre Familien, ihre Vorgeschichte“, nennt Mammes die grundsätzlichen Potenziale der Reform. So könne er gut einschätzen, ob ein Facharztbesuch wirklich notwendig sei – und so möglicherweise unnötige Behandlungen vermeiden. Das könnte wiederum das gesamte Gesundheitssystem entlasten: „Wenn wir frühzeitig sagen können: Das lässt sich auch hier gut behandeln – dann kann das im besten Fall zu einer echten Entlastung führen“, so Mammes.
Lesen Sie auch: Handwerkspräsident – „Pflegen Sie Kontakt zu Ihrem Handwerker wie zu Ihrem Arzt“
Gleichzeitig warnt Mammes vor möglichen Überlastungen der Hausarztpraxen. „Gerade in der Grippesaison sitzen täglich viele Menschen im Wartezimmer“, sagt der Arzt. „Wenn dann auch noch Patientinnen und Patienten dazukommen, die eigentlich zum Facharzt wollen, ist eine gründliche hausärztliche Untersuchung für alle schlicht nicht zu leisten.“ Der Plan, Hausärzte zur zentralen Anlaufstelle zu machen, könne so zu Überforderung führen.
„Ich sehe die Gefahr, dass in einigen Praxen dann Überweisungen ausgestellt werden, ohne dass vorher eine gründliche Untersuchung stattfinden kann – einfach, weil die Zeit fehlt“, sagt der Arzt. Der Hausarztbesuch werde dann zur Pflichtstation, um die Überweisung zu erhalten. Hierbei könnten auch Spannungen entstehen: „Wenn ein Hausarzt eine Überweisung ablehnt, obwohl Patientinnen oder Patienten davon überzeugt sind, eine Fachärztin zu brauchen, kann das die Beziehung belasten“, erklärt er.
Auch interessant
Pläne der Koalition: Sorge vor Überlastung der Hausärzte
Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz äußert Bedenken. Vorstand Eugen Brysch betont, dass die Pläne in der Bevölkerung auf Skepsis stoßen: „Zweidrittel der Deutschen glauben nicht daran, dass das Primärarztsystem eine bessere Patientenversorgung, zeitnahe Facharzttermine und Kosteneinsparungen in Milliardenhöhe bringt“, so Brysch. Zwar könnten Jahresüberweisungen bürokratische Hürden für chronisch Kranke abbauen – allerdings beträfen sie nur etwa die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung. „Somit zählt die Hälfte der Patienten nicht zur ausgewählten Gruppe.“ Hierzu schweige der Koalitionsvertrag.

Die Belastung der Hausarztpraxen bereitet Brysch Sorgen: „Zudem müsste jede Hausarztpraxis zusätzlich 2.000 Patientinnen und Patienten betreuen.“ Dabei gebe es bereits heute Praxen, die keine Neupatienten mehr aufnehmen. „Daher steht zu befürchten, dass solche Doppelstrukturen den Betroffenen mehr schaden als nützen“, sagt er. Besonders schlimm wäre es, wenn „die Kranken für ihre bedarfsgerechte Versorgung privat die Zeche zahlen müssten.“
Auch Mammes sieht die Gefahr einer Überlastung, möchte den Reformvorschlag aber nicht vorschnell verurteilen. „Wenn das System tatsächlich dazu führt, dass überflüssige Facharzttermine vermieden werden, dann könnte es auch zu einer echten Entlastung und Kostenersparnis führen.“ Ob dies in der Praxis gelinge, müsse sich allerdings erst noch zeigen.





![Friedrich Merz (CDU) und Bärbel Bas (SPD) im Juni im Bundeskanzleramt. Pressekonferenz [press conference] nach der ?bergabe des Berichts der Altersicherungskommission zur Rentenreform in Berlin](https://img.sparknews.funkemedien.de/413277497/413277497_1790592399_v16_9_1200.jpeg)



