Im Ukraine-Krieg kommt, was die Skeptiker in Europa lange befürchtet haben: Amerika und Russland nähern sich immer weiter an, die Schnittmengen werden größer. Zunächst bringt der russische Präsident Wladimir Putin ins Spiel, Kampfhandlungen entlang der gesamten aktuellen Frontlinie einzustellen. Dann preist US-Präsident Donald Trump einen „Deal“ mit Moskau an, der wie das Abhaken einer russischen Wunschliste aussieht: keine Nato-Mitgliedschaft der Ukraine, Abtretung der Krim, Anerkennung der russisch besetzten Gebiete in den Distrikten Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja, Aufhebung der US-Sanktionen gegen Russland.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Zu guter Letzt stempeln sowohl Washington als auch Moskau den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj als den großen Sündenbock ab. Als Selenskyj einen Verzicht auf den Nato-Beitritt strikt ablehnt, poltert Trump: „Der kann Frieden haben, oder kann noch drei weitere Jahre kämpfen, bevor er das ganze Land verliert.“ Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, warf dem ukrainischen Staatschef einen „schizophrenen Ansatz“ vor, der zum Ziel habe, „das Gemetzel bis zum letzten Ukrainer fortzusetzen“.

Russland hat die Charmeoffensive für Trump lange geplant
Trump und Putin vollführen ein politisches Pingpong-Spiel, bei dem den Europäern der Atem stocken dürfte. Es liest sich, als ob der Matchplan in Moskau geschrieben worden wäre. Dabei hatte die russische Führung von langer Hand eine Charmeoffensive vorbereitet, um Trump auf ihre Seite zu ziehen.

Bereits seit dessen Wahlsieg im November 2024 wurden Vertreter aus Verwaltung und Konzernen angehalten, Ideen zu entwickeln, wie man die Aufmerksamkeit des Amerikaners gewinnen könnte. „Es wurden Vorschläge für die Zusammenarbeit in wirtschaftlichen Schlüsselsektoren ausgearbeitet“, sagte ein Regierungsmitglied der kremlkritischen Online-Zeitung „Moscow Times“.
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Putins Sondergesandter wird zur Geheimwaffen
Putins Sondergesandter Kirill Dmitrijew koordinierte mögliche Felder der Kooperation. Er weiß genau, wie die Unternehmenswelt in den USA tickt. Der 50-Jährige, der an den amerikanischen Elite-Universitäten Stanford und Harvard Abschlüsse gemacht und anschließend für die Investmentbank Goldman Sachs in New York gearbeitet hatte, wurde zu Putins diplomatischer Geheimwaffe.
In Washington sprach er Anfang April mit dem Trump-Vertrauten Steve Witkoff über die Förderung von wichtigen Rohstoffen wie Seltenen Erden, die Ansiedlung von amerikanischen Firmen in Russland und sogar gemeinsame Missionen zum Mars. Keiner war besser geeignet, Trump den Cocktail vom großen Deal schmackhaft zu machen als der Leiter des staatlichen Anlagefonds Russian Direct Investment Fund.
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Im Moskauer Geschäftszentrum könnte ein Trump Tower entstehen
Darüber hinaus setzten die Russen auf die Eitelkeit des US-Präsidenten. „Geschwindigkeit, Wirkung und Prunkgehabe sind Dinge, die Trump intuitiv schätzt“, sagte eine kremlnahe Quelle der „Moscow Times“. In Regierungskreisen zirkuliert die Idee vom Bau eines 150 Stockwerke hohen Trump Towers in Moscow City, dem Geschäftszentrum der russischen Hauptstadt. Es ist ein altes Lieblingsprojekt des Amerikaners: Bereits 2013 wollte der damalige New Yorker Immobilienmagnat einen 58-stöckigen Wolkenkratzer hochziehen, doch das Vorhaben platzte.
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Türme der Huldigung haben es Trump angetan. Im Februar teilte der Chef des Weißen Hauses ein KI-generiertes Video, das den völlig zerbombten Gazastreifen als eine Art Monaco am östlichen Mittelmeer darstellte. Den Eingang eines Hochhauses schmückt ein goldenes Portal mit der Aufschrift „Trump Gaza“. Mitten in der Stadt steht eine goldene Trump-Statue. Die Russen haben die Schwäche des US-Präsidenten messerscharf erkannt. „Wir müssen Trump so intensiv melken wie möglich und ihm die Möglichkeit einer Waffenruhe in der Ukraine als Zuckerbrot vor die Nase halten“, zitiert die „Moscow Times“ ein russisches Regierungsmitglied.

Putin setzt auf mehr als nur auf neuen Handel und Investitionen
Die durchchoreografierte Werbetour Moskaus ist von knallhaften strategischen Interessen unterfüttert. Russland will aus der internationalen Isolierung heraus und Amerika auf Augenhöhe begegnen. Es erhofft sich wirtschaftlichen Austausch und Investitionen im eigenen Land. Der vermutlich wichtigste Punkt: Putin strebt an, dass Trump die russische Dominanz im postsowjetischen Raum – einschließlich der Ukraine – anerkennt. Der Rest Europa soll als Einflusssphäre Russlands gelten.

Experten sehen in Putins Vorstoß, die Kampfhandlungen in der Ukraine einzustellen, ein taktisches Manöver. „Der Kreml muss lediglich vermeiden, Trump durch Russlands Unnachgiebigkeit zu verärgern, und stattdessen weiter geschäftsmäßig über die Überschneidung russischer und amerikanischer Interessen in anderen Regionen der Welt diskutieren”, sagte Nikolai Petrov von der Londoner Denkfabrik New Eurasian Strategies Centre unserer Redaktion. „In diesem Fall wird Putin das bekommen, was er mit dem Kriegsbeginn anstrebte – und hat es bereits in vielerlei Hinsicht erreicht: eine Welt, in der Großmächte einschließlich Russlands miteinander verhandeln und ihre eigenen Einflusssphären haben.”

Putin spielt ein eiskaltes geopolitisches Spiel
Trump mag davon träumen, mit Putin ein Tandem der Autokraten zu bilden, das der Welt ihren Stempel aufdrückt. Doch der Kremlchef spielt ein eiskaltes geopolitisches Spiel, das der US-Präsident möglicherweise unterschätzt. „Die Russen nutzen die aktuelle Annäherung durch die Trump-Administration, um die USA und Europa zu spalten“, sagte Stefan Meister von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) unserer Redaktion. „Sie setzen auch darauf, dass die Vereinigten Staaten durch Trumps Politik global und regional geschwächt werden. Das ist im Interesse Russlands, Chinas und des Irans.“









