Fast jeder Politiker haut im Laufe seiner Karriere Sprüche oder Behauptungen raus, an die er später lieber nicht mehr erinnert werden möchte. Bei CDU-Chef Friedrich Merz dürfte das zum Beispiel die (längst widerrufene) Ankündigung aus dem Jahr 2019 sein, die AfD „halbieren“ zu können. Tatsächlich reitet die Rechtsaußen-Partei seit Jahren von Erfolg zu Erfolg. Bei der Bundestagswahl im vergangenen Februar wurde sie zweitstärkste Kraft, lag aber deutlich hinter der Union. Jetzt allerdings spürt Kanzlerkandidat Merz den Atem der AfD mehr denn je im Nacken: Laut mehreren aktuellen Umfragen haben CDU und CSU bundesweit nur noch einen minimalen Vorsprung.

Koalitionsverhandlungen von Union und SPD
CDU-Chef Friedrich Merz Ende vergangener Woche in Berlin. Die Koalitionsverhandlungen mit der SPD laufen auf Hochtouren. Viele Unions-Anhänger sind von den bisherigen Ergebnissen enttäuscht. © DPA Images | Christoph Soeder

Die schwarz-rote Koalition ist noch gar nicht gebildet, der Kanzler Merz noch gar nicht im Amt. Aber er muss damit rechnen, dass die Truppe von AfD-Chefin Alice Weidel in den Umfragen in den kommenden Wochen an ihm vorbeiziehen wird. Das ist das Ergebnis eines selbst verursachten strategischen Dilemmas: Um als Oppositionsführer gegen die Ampel erfolgreich zu sein, setzte Merz bewusst auf konservative Positionen und ging auf größtmögliche Distanz zur Ära Merkel. Um nach den Wahlen eine Koalition mit den Sozialdemokraten eingehen zu können, muss er verstärkt die Mitte in den Blick nehmen.

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Politik-Korrespondent Thorsten Knuf© Funke Foto Services | Reto Klar

Der Friedrich Merz der vergangenen Wochen hat recht wenig zu tun mit dem der vergangenen Jahre. Der früher oft breitschultrig auftretende CDU-Chef muss jetzt Kompromisse in Serie eingehen und Ankündigungen wie etwa beim Thema Schulden zurücknehmen. Etliche Wähler aus dem rechten Spektrum wenden sich jetzt von der Union ab und der AfD zu. Wenn es Merz nicht gelingt, im neuen Koalitionsvertrag zentrale Projekte der Union durchzusetzen – etwa in der Finanz- und Migrationspolitik –, dürfte die Luft für ihn noch dünner werden.