Wenige Tage nach Einstellung der US-Militärhilfe stemmt sich die Ukraine gegen eine schwere militärische Niederlage: Tausenden ukrainischen Soldaten, die seit August Gebiete in der russischen Region Kursk besetzt halten, droht die Einkesselung. Russische Streitkräfte haben ihre Angriffe vor einer Woche massiv verstärkt, sie werden unterstützt von mehreren Bataillonen nordkoreanischer Soldaten und von tschetschenischen Spezialeinheiten. Die Truppen rücken schneller vor, ein Teil der Front stehe vor dem Zusammenbruch, fassen Militäranalysten des unabhängigen US-Instituts für Kriegsstudien (ISW) die Lage zusammen.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Die Russen versuchen offenbar, den letzten schmalen Korridor zwischen der Ukraine und der zehn Kilometer von der Grenze entfernten Kleinstadt Sudscha abzuschneiden, die von der ukrainischen Armee gehalten wird. Die einzige Verbindungsstraße steht unter ständigen Angriffen von Kamikaze-Drohnen. Etwa hundert russische Soldaten sind durch die Röhren einer unterirdischen, stillgelegten Gas-Pipeline gekrochen, um hinter die Linien der Ukrainer zu gelangen. Sie seien aber eliminiert worden, berichtet der ukrainische Generalstab, die Lage sei unter Kontrolle.
Aktuelle News zum Ukraine-Krieg
Sollte die Russen den Ring schließen können und tausende Ukrainer kapitulieren müssen, wäre das für die ukrainische Armee eine schwere Niederlage, die nur mit dem Fall von Mariupol im Mai 2022 vergleichbar wäre – zumal es sich bei den ukrainischen Soldaten um besonders gut ausgebildete Einheiten handelt. Bislang setzt die Armeeführung auf die Verteidigung des Gebietes, denn die Eroberungen sollen ein Pfand in möglichen Friedensverhandlungen mit Moskau sein.
Wegen US-Waffenstopp: Russland will der Ukraine jetzt „maximalen Schaden“ zufügen
Der russische Vorstoß kommt nicht überraschend: Kreml-Beamte hatten bereits gedroht, Russland werde die Aussetzung der US-Militärhilfe und der Weitergabe von US-Geheimdienstinformationen nutzen, um den ukrainischen Streitkräften in dieser Zeit „maximalen Schaden“ zuzufügen. Die Militärausrüstung ist derzeit nicht das Problem, die Nachrichtendienst-Sperre schon. Die US-Militäranalysten des ISW nennen den zeitlichen Zusammenhang zum beginnenden Frontzusammenbruch „bemerkenswert“, allerdings war die Lage schon zuvor heikel.
Ukrainische Militärs berichten, dass sie wegen fehlender Geheimdienstinformationen der USA nun russische Truppen in Kursk schwerer entdecken und angreifen könnten. Der Einsatz der ukrainischen F-16-Kampfjets ist offenbar behindert, weil die Radarstörsender gestoppt sein soll. Auch russische Flugzeuge seien später zu erkennen und Drohnen- und Raketenangriffe auf das ukrainische Hinterland schlechter abzuwehren.

Ukraine: Europa kann Wegfall der USA bisher nicht ausgleichen
Das war wohl auch der Plan von US-Präsident Donald Trump. Der Verlust von Geheimdienstdaten schwächt zudem die Fähigkeit der Ukraine, ihrerseits russische Kommandozentralen, Nachschubtransporte und Truppenbewegungen hinter der Front mit Präzisionsschlägen anzugreifen. Die Stärke der US-Hilfe ist, dass sie den Zeitraum zwischen Ziel-Aufklärung und Waffeneinsatz enorm verkürzt. Das werden Staaten wie Frankreich und Großbritannien, die jetzt mit eigenen Geheimdiensterkenntnissen aushelfen wollen, nach Einschätzung von Militärexperten nicht ausgleichen können.

Noch kann die Ukraine aber auf das Satellitennetzwerk Starlink von Tech-Milliardär Elon Musk zurückgreifen – Musk versichert nach missverständlichen Äußerungen, er würde es „niemals“ abschalten. Für die ukrainische Armee ist Starlink von zentraler Bedeutung, weil sie den Dienst dazu nutzt, um in Echtzeit die Verbindung zwischen Militärgerät und Kommandozentrale zu sichern.
Mit einer neuen Taktik will die Ukraine die USA jetzt umstimmen
Solange es dabei bleibt, gehen westliche Militärs davon aus, dass die Ukraine jetzt zwar Rückschläge befürchten muss, sich aber erstmal weiter gegen Russland behaupten kann, zumal europäische Staaten ihre Unterstützung verstärken wollen. Ein Ausrüstungsproblem gibt es bisher nicht, allenfalls wird die Armee beginnen, Waffen und Munition etwas vorsichtiger einzusetzen. Bis zum Sommer sei keine Material-Krise zu erwarten, sagt der Sicherheitsexperte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, Andras Racz, der Mangel an Soldaten sei die eigentliche Herausforderung für die Ukraine.
Mehr rund um Russland – für Sie recherchiert
Auch der US-Militäranalyst Michael Kofman erklärt, die unmittelbaren Auswirkungen des Waffenhilfestopps seien gering. Die Ukraine sei auf dem Schlachtfeld jetzt weit weniger von den USA abhängig als in früheren Kriegsphasen – die Verteidiger kombinierten klassisches Artilleriefeuer mit Minen und Angriffsdrohnen aus eigener Produktion, die eine zunehmend größere Rolle spielten.
Zugang zu Satellitenbildern für die Ukraine „vorübergehend unterbrochen“
Unklar sind die Folgen der US-Sperre für Satellitenbilder. Das Luft- und Raumfahrtunternehmen „Maxar Technologies“ hat auf Weisung der US-Regierung den Zugang für ukrainische Nutzer zu seinen Satelliten-Bilddaten „vorübergehend unterbrochen“. Die Aufnahmen halfen bisher, russische Truppenbewegungen zu beobachten und Schäden nach Luftangriffen festzustellen.

Die Ukraine bemüht sich jetzt mit aller Kraft, bei den bevorstehenden Verhandlungen mit US-Beamten in Saudi-Arabien die Wiederaufnahme der militärischen und geheimdienstlichen Hilfe zu erreichen. In Kiew ist von einem taktischen Schwenk die Rede. Die Forderung nach Sicherheitsgarantien soll erst später wieder auf den Tisch kommen, erstmal steht der Vorschlag von Wolodymyr Selenskyj für einen Waffenstillstand im Luftraum und im Schwarzen Meer im Vordergrund, um Trump milde zu stimmen. Der US-Präsident machte tatsächlich zuletzt Hoffnung, dass die USA die Ukraine bald wieder mit Waffen und Aufklärungsdaten beliefern könnten. Vor Journalisten sagte Trump auf die Frage, ob er an die Aufhebung des Militärhilfenstopps denke: „Das haben wir fast“.







![DIESES FOTO WIRD VON DER RUSSISCHEN STAATSAGENTUR TASS ZUR VERFÜGUNG GESTELLT. [RUSSIA, LUGANSK PEOPLE'S REPUBLIC - JULY 29, 2026: A serviceman from the military commandants office of the Lugansk People's Republic performs an air defence duty to protect the airspace of the Lugansk People's Republic. Alexander Reka/TASS] Air defence in Lugansk People's Republic, Russia](https://img.sparknews.funkemedien.de/412741926/412741926_1785999935_v16_9_1200.jpeg)



