Emmanuel Macron darf sich bestätigt fühlen. Hat er es seinen deutschen Freunden nicht immer gesagt? Die Nato sei „hirntot“, die Amerikaner verlören – und das nicht erst unter Donald Trump – ihr Interesse an Europa und der alte Kontinent müsse deshalb selber für seine Sicherheit aufkommen. Charles de Gaulle, so Macron, habe aus diesem Grund in den fünfziger und sechziger Jahren eine eigene Force de Frappe aufgebaut.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Der französische Staatschef ist nach einer schweren innenpolitischen Depression wieder im Element. Seine Minderheitsregierung in Paris mag weitgehend blockiert sein; auf der internationalen Bühne ist er zurück. Als erster Europäer stattete Macron dem neu amtierenden US-Präsidenten einen Besuch ab. Herzlich, kumpelhaft im Ton, aber hart und korrigierend in der Sache, nötigte er Trump Respekt ab. Und nachdem er am jüngsten EU-Gipfel für einen höheren Rüstungsetat mobilisiert hatte, obwohl die französische Staatskasse leer ist, treibt er sein Projekt einer europäischen Verteidigung ohne diplomatische Scheuklappen voran: Frei von Brexit-Ressentiments lädt er jetzt nicht nur die wichtigsten EU-Verteidigungsminister aus Deutschland, Polen und Italien nach Paris ein, sondern auch den britischen Vertreter.

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Ukraine-Krieg: Schon vor Monaten sprach Macron von Bodentruppen

Macrons Diskurs hat Linie. „Die russische Bedrohung ist da“, sagte er in einer dramatischen TV-Ansprache ohne Umschweife. Nachdem er vor Monaten schon die Entsendung von Bodentruppen in Betracht gezogen hatte, lieferte Macron der Armee der Ukraine Mirage-Kampfjets, die letzte Woche erstmals eingesetzt wurden. Dem wahrscheinlichen Bundeskanzler Friedrich Merz bietet er den französischen Atomschutz an. Die 920 französischen Nuklearsprengköpfe der Force de Frappe sind zwar nur ein Bruchteil der über 6000 russischen Atomraketen, aber sie gewährleisten de Gaulles Anspruch einer minimalen Abschreckung.

Der französische Präsident Emmanuel Macron bietet Deutschland den Atomschutz an.
Der französische Präsident Emmanuel Macron bietet Deutschland den Atomschutz an. © dpa | Omar Havana

Minimal heißt auch: rein defensiv. Diese Haltung gibt Frankreich das beste Argument gegen das aggressive und erst noch verlogene Regime im Kreml. Putin bestätigte dies selbst, indem er Macron absurderweise mit dem Russland-Invasor Napoleon verglich. Dass Frankreich heute als mittlere Macht keine Invasionsgelüste hegt, ja nicht mehr in der Lage dazu wäre, braucht Macron gar nicht zu sagen; er erklärte nur, und mit gutem Recht, der einzige „revisionistische Imperialist“ Europas sei Putin.

Der umtriebige Franzose hat die Argumente für sich. Mit der Rückkehr der milliardenschweren Force de Frappe in die europäische Debatte entkräftet er auch den früheren Vorwurf, Frankreich leiste der Ukraine weniger Militärhilfe als zum Beispiel Deutschland.

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Das Problem ist: Auch unter Macron könnte Paris einen Ausfall des US-Schutzschirms in Europa kaum je ersetzen. Frankreich ist nicht wie die USA für eine Führungsrolle geeignet. Seine Stärke bliebt auch in EU-Zeiten seine mentale und militärische Unabhängigkeit sowohl gegenüber Washington als auch Moskau. Das sagt letztlich auch die Rechtspopulistin Marine Le Pen, auch wenn aus anderen Motiven: Auf den roten Knopf der französischen Atomwaffen könne allein der Staatschef oder die -chefin im Elysée-Palast drücken.

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Frankreich mit Le Pen am Ruder wäre so unbeständig wie die USA unter Trump

Genau dort will sie bei den Wahlen 2027 auch hin. Und wenn sie es schafft, ist der Traum von einer gesamteuropäischen Verteidigung mit Nuklearkomponente schnell ausgeträumt. Anders gesagt: Frankreich mit Le Pen am Ruder wäre so unbeständig und unzuverlässig wie die USA unter Trump.

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Nationalismus, Protektionismus, Autoritarismus: Ideologisch steht die rechte Französin Putin ähnlich nahe wie Trump. Dagegen hilft keine Erhöhung der europäischen Wehretats, keine Nato und keine Force de Frappe. Das Problem liegt im Inneren vieler westlicher Staaten. Und dort ist, auch wenn er keineswegs der einzige ist, auch Macron gescheitert: Unter seiner nunmehr achtjährigen Amtszeit ist Le Pen erst zu einer realen Bedrohung für die französische Demokratie geworden. Wenn Le Pen die Präsidentschaftswahlen 2027 gewinnt, dann hilft es auch nichts mehr, den amerikanischen gegen den französischen Schirm zu tauschen. Dann regnet es von allen Seiten ins europäische Haus.